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Leichtathletik:Der beschwerliche Weg zurück

Leichtathletik Ludwig Jall Sportfest Pfingstmeeting München 2017 im Dantestadion 03 06 2017 400

Nach strengen Vorgaben dürfen Münchens Leichtathleten wie Christina Hering im Dantestadion trainieren.

(Foto: imago/Lackovic)

Mit erheblichem Aufwand wurde in München das Training wieder aufgenommen. Auch erste Wettkämpfe stehen an, einer sogar an diesem Sonntag im Dantestadion. Die Herausforderungen aber bleiben groß, und ein Alltag wie früher ist nicht in Sicht.

Ein einfaches Fahrradschloss versperrt den Weg. Es hängt an einem der grün lackierten Tore unter dem wuchtigen, steinernen Portal, durch das man üblicherweise ins Stadioninnere gelangt. Man müsste wohl Zeitzeugen dazu befragen, ob es das hier schon jemals gab: Dass das Münchner Dantestadion, erbaut 1928, in dem Arbeiterfestspiele stattfanden, Aufmärsche der Hitlerjugend, Baseballspiele der US-Armee; in dem der FC Wacker einst Zweitliga-Fußballspiele austrug und der SV Türk Gücü seine Blütezeit erlebte; in dem 1957 sogar ein Fußball-Länderspiel der Frauen zwischen Deutschland und den Niederlanden vor 17 000 Zuschauern ausgetragen wurde, obwohl der Deutsche Fußball-Bund den Frauenfußball zur Wahrung von "Schicklichkeit" und weiblicher "Anmut" verboten hatte; kurz: dass sich also dieses Stadion, das so viel erlebt hat in beinahe hundert Jahren, gewidmet "Der Münchner Jugend", wie in großen Lettern auf der Rückseite des gewaltigen Tribünenhauses steht, durch ein banales Fahrradschloss vor der Außenwelt verschließt.

Vermutlich nicht. Das Schloss jedenfalls hängt an diesen grünen Gitterstäben und taugt durchaus als Symbol für all die Mühen, mit denen Münchens Sportler zurzeit versuchen, sich ein Stück jenes Trainingsalltags zurückzuerobern, wie sie ihn vor dem Corona-Lockdown kannten. Ab und an schlüpfen nämlich durchaus junge Menschen durch das Portal, sie kennen den Zahlencode für das Fahrradschloss, das sie hinter sich wieder verschließen müssen. Ihr weiterer Weg führt sie drinnen an Spendern mit Desinfektionsmitteln vorbei. Gut 170 Leichtathleten pro Woche dürfen das Stadion zurzeit nutzen, nach strengen Vorgaben, akribisch erfasst, mit Namen und Uhrzeit. Auch Fußballer und Stockschützen kehren allmählich ins Dante zurück.

250 Leichtathleten pro Woche können Sportanlagen nutzen. 550 andere müssen sich gedulden

Christian Gadenne ist gestresst. Der Geschäftsführer der LG Stadtwerke hat das Nutzungs- und Hygienekonzept für das Stadion erarbeitet, zumindest das für seine Leichtathleten. 170 klingt nach einer ganzen Menge, und wenn man für sie in verschiedenen Gruppen und Disziplinen einen sinnvollen kontaktfreien Ablauf organisieren muss, ist es das wohl auch. Andererseits zählt Münchens Leichtathletik-Gemeinschaft 800 Startplatzinhaber. Alles zusammengerechnet, könnten zurzeit etwa 250 LG-Athleten auf Sportanlagen trainieren - 550 andere also nicht. Denn nicht alle Mitgliedsvereine haben offene Sportanlagen. Umso dankbarer, sagt Gadenne, seien sie, das Dantestadion nutzen zu dürfen.

Eigentlich erarbeitet Gadenne sein Konzept jede Woche neu. Denn ständig ändern sich die Vorgaben. Was heute streng beachtet werden muss, kann morgen hinfällig sein. Anfangs waren Trainingsgruppen von höchstens vier Athleten plus Trainer erlaubt, inzwischen sind es 19 plus eins - und damit sogar mehr, als die LG unter Wahrung der Mindestabstände für vernünftig und händelbar hält: "Wir haben gesagt, wir machen höchstens zwölf." Anfangs habe er von allen Athleten regelmäßig Fragebögen über deren Gesundheitszustand einsammeln müssen, "mit flauem Gefühl im Magen", wie er sagt, weil es sensible Daten seien. Inzwischen laute die Ansage, dass Vereine weder dazu verpflichtet noch berechtigt seien, solche Auskünfte einzuholen. Anfangs habe er Eltern von Minderjährigen den Zutritt ins Stadion verwehren müssen, inzwischen dürfen sie hinein. Sie gelten nun nicht mehr als Zuschauer, deren Anwesenheit nach wie vor verboten ist. Inzwischen darf auch mehr als ein Springer eine Matte nutzen, ehe sie desinfiziert wird. Und aus den 15 Metern Abstand, die Läufer auf Basis einer viel zitierten "Tröpfchenwolkentheorie" bis vor wenigen Tagen unbedingt einhalten mussten, wenn sie hinter anderen her liefen, sind lediglich noch drei Meter geworden. "Nicht hinterfragen, einfach machen", rate er seinen Athleten.

Es sind nur ein paar Beispiele von ganz vielen, die Gadenne erzählen kann. "Das war schon eine Herausforderung, das alles immer sicherzustellen", sagt er. So kam es schließlich zu der Idee mit dem Fahrradschloss, denn auch ein "ausgeklügeltes Kommen-und-Gehen-Konzept" ist erforderlich, um den sicheren Stadionbetrieb zu gewährleisten - und schnell habe es sich als zu große Belastung herausgestellt, die Eingangstore alle ein, zwei Stunden für zehn Minuten auf- und zuzusperren.

Anfang Mai war Gadenne klar: "Ich kann die Leute hier nicht mehr lange aufhalten."

Dabei geht es den Leichtathleten noch vergleichsweise gut. Kontaktloser Sport im Freien war ja halbwegs früh wieder gestattet. Gerade erst hat die Stadt München angekündigt, für 400 Sporthallen zu überprüfen, ob, wann und unter welchen Voraussetzungen sie wieder für Vereinssport geöffnet werden können. Einige stehen wohl bis auf Weiteres nur Schulen zur Verfügung. "Die Stadt steht da vor einer Riesenmammutaufgabe", ahnt Gadenne. Das bedeutet aber auch, dass unzählige Vereine für Hallensportarten bisher noch ganz ohne Trainingsmöglichkeit dastehen.

Der Druck sei trotzdem enorm, der auf vielen seiner Athleten laste, erklärt Gadenne. Als etwa der Münchner Olympiastützpunkt längst geschlossen war wegen der Pandemie, mussten die Aktiven mit ansehen, wie andere Länder ihre Stützpunkte noch eine ganze Weile offenhielten. Und als die Kaderathleten von Nord nach Süd allmählich ins Training zurückkehrten, da blieben in München noch alle Tore verschlossen - erst am 11. Mai öffnete auch die Werner-von-Linde-Halle. "Wir waren deutschlandweit die letzten", sagt Gadenne. Dabei zählen ja durchaus einige Olympiakandidaten zur LG Stadtwerke, die keinen Trainingsrückstand gegenüber der Konkurrenz gebrauchen können. Manche sind Berufssportler, viele müssen Leistungen erbringen, um Anspruch auf Kaderplätze und Förderung zu erhalten. Anfang Mai wurde dann München noch als Austragungsort des Basketball-Finalturniers verkündet, da wusste Gadenne: "Ich kann die Leute hier nicht mehr lange aufhalten."

Für seine Athleten ist es nur ein erster kleiner Schritt, wieder eine Trainingsstätte zu haben. Der Weitspringer und Sprinter Yannick Wolf zum Beispiel ist vor eineinhalb Wochen nach Frankfurt gefahren, um dort, Achtung: an einer Wettkampfsimulation des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) teilzunehmen. Der 20-Jährige ist Berufssportler bei der Polizei, "er muss Leistungen bringen", weiß Gadenne. Und seine 10,66 Sekunden über 100 Meter waren sogar eine sehr gute, nah an seiner Bestleistung. "Es gibt einige, die trotz der Pause richtig gut drauf sind", sagt Gadenne, er zählt auch die 800-Meter-Läuferinnen Christina Hering und Katharina Trost dazu. Das Problem: Allmählich brauchen sie Gelegenheiten, ihre Form zu beweisen, offizielle Zeiten zu Papier zu bringen. Hering, 25, hat kürzlich verkündet, sie werde nach ihrem Studienabschluss nun zwei Jahre lang "alles in den Sport investieren", also als Profi auf Tokio 2021 und die Europameisterschaft in München 2022 hinarbeiten. Ihr erster Auftritt der Saison soll Anfang Juli ein Meeting in Luzern sein. "Ich kann es kaum erwarten, wieder an Wettbewerben teilzunehmen", lässt sie wissen.

Der Tod des Präsidenten hat eine große Lücke gerissen - die vorerst nicht gefüllt werden kann

"Wir würden unseren Sportlern sehr gerne auch hier in München die Möglichkeit von Wettkämpfen bieten", sagt Geschäftsführer Gadenne. Zuletzt war das Pfingstmeeting ausgefallen. Weil die Munich Cowboys nicht spielen, wären Wochenenden im Dantestadion gut verfügbar. Doch große Wettkämpfe mit mehreren Disziplinen abzuhalten, ist eine besondere Herausforderung. 45 Seiten umfasst etwa das Konzept, mit dem der DLV seine deutschen Meisterschaften auszurichten gedenkt, Anfang August in Braunschweig, mit verkleinertem Teilnehmerfeld. Das erhöht durchaus den Druck auf die Athleten, sich zu qualifizieren, gleichzeitig ist der späte Termin hart an der Grenze dazu, die Vorbereitung auf die Olympiasaison zu stören. Seine Jugendmeisterschaften hat der DLV abgesagt. Sechs hauptamtliche Autoren und neun Fachberater haben am Konzept für Braunschweig gearbeitet, das zeige, wie aufwendig Wettkämpfe in Corona-Zeiten zu organisieren sind, sagt Gadenne. Immerhin: Für diesen Sonntag habe ihnen die Stadt einen ersten Wettkampf genehmigt, nicht mehr als 100 Personen dürfen ins Stadion, Trainer und Kampfrichter einberechnet.

"Wir haben noch viel Arbeit vor uns." Und dann gibt es da noch ein ganz anderes Problem, das für Gadenne weit mehr ist als ein organisatorisches. Der Geschäftsführer und die verbliebenen Vorstandsmitglieder müssen in dieser schwierigen Zeit ohne ihren Chef und wichtigsten Ratgeber auskommen. Anfang Januar hatte sich der LG-Präsident und langjährige Förderer Kurt Mühlhäuser aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen, kurz nach Ostern starb er nach schwerer Krankheit im Alter von 76 Jahren. Einen Nachfolger zu finden, ist schwierig, wenn man keine Versammlungen abhalten darf, auch Verträge mit Athleten abzuschließen oder zu verlängern, ist aktuell nicht möglich. Und ersetzen könne Mühlhäuser ohnehin niemand. Es gebe zurzeit viele Situationen, in denen er sich danach sehne, Mühlhäusers Rat einzuholen, sagt Gadenne. "Er hatte ein sehr gutes Gefühl dafür, welche Entscheidungen die richtigen sind und wie sie sich auf alle auswirken. Ich vermisse ihn sehr."

Eines, bemerkt Gadenne, müsse man vielleicht betonen, damit es nicht ganz untergeht bei all den Schwierigkeiten, die da aus ihm heraussprudeln: dass es trotz allem ein Aufbruch ist, in dem sich Münchens Leichtathleten gerade befinden. Der ihnen Mut macht und eine Perspektive gibt. Selbst hinter einem Fahrradschloss.

© SZ vom 18.06.2020

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