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Klettern:Zurück in Reichweite

11 09 2018 Kletterzentrum Innsbruck AUT IFSC Kletter WM Innsbruck 2018 Qualifikation Boulder

Muss gerade andere Probleme lösen als jene an der Boulderwand: die Wahl-Münchnerin und Rekonvaleszentin Alma Bestvater.

(Foto: Johann Groder/Eibner/imago)

Alma Bestvater ist eine der besten Boulderinnen Deutschlands. Nach einem Trainingsunfall musste sie ihre Olympia-Teilnahme abschreiben. Nun darf sie wieder davon träumen.

Sie will sich nicht allzu große Hoffnungen machen. Schließlich weiß Alma Bestvater noch genau, wie es sich anfühlt, wenn der Traum von der Teilnahme an den Olympischen Spielen platzt - und dann auch noch in dem Jahr, in dem die eigene Sportart überhaupt erstmals olympisch wird. Weil die Corona-Pandemie aber jegliche Trainings- und Wettkampfpläne weltweit über den Haufen geworfen hat, darf Bestvater, die eine der besten Boulderinnen Deutschlands ist, eben doch wieder hoffen. Wenn auch mit selbst auferlegter Zurückhaltung: "Es wird sehr schwierig - aber ja, eine kleine Chance besteht, dass ich es doch noch nach Tokio schaffe." Die 24-Jährige kann wieder auf das Ziel hinarbeiten, das sie seit 2018 im Blick hat. Auch wenn statt einarmigen Klimmzügen oder dem Durchlaufen besonders komplexer Boulderkombinationen nun erst einmal Reha-Übungen auf dem Programm stehen. Aber der Reihe nach.

Um die ganze Geschichte nachzuvollziehen, muss man zurückblicken in den Februar 2020, als die Kletterhallen und Boulderzentren noch geöffnet sind und Alma Bestvater sich mit den anderen Mitgliedern des Olympia-Perspektivkaders in München auf die bevorstehende Saison vorbereitet. Bestvater lebt seit 2018 in München, sie ist eigens für die Olympia-Vorbereitung hierher gezogen, um am Olympiastützpunkt bei Bundestrainer Urs Stöcker zu trainieren. Jetzt, im Februar, konzentriert sie sich vor allem auf ein Event: die Europameisterschaften im Olympic Combined, die im März in Moskau stattfinden sollen und bei denen Bestvater endlich ihr Ticket nach Tokio lösen will. Es ist ihre letzte Chance, sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. Zwei frühere Gelegenheiten - die Weltmeisterschaft in Tokio und ein Qualifikationsevent in Toulouse - verpasst sie im vergangenen Jahr knapp. Auch nach Moskau wäre sie nicht als Favoritin gereist, gibt Bestvater offen zu. Sie sagt aber auch: "An einem guten Tag ist alles möglich."

Als deutsche Meisterin im Olympic Combined hätte sie zudem nicht die schlechtesten Karten gehabt, im europäischen Vergleich gut abzuschneiden. Die Kombinationsdisziplin aus Lead, Bouldern und Speed, in der sich die Kletterer bei den kommenden Sommerspielen zum ersten Mal messen werden, verlangt ihnen einiges ab, müssen sie doch in einem Wettkampf ihre Ausdauer am Seil und ihre Maximalkraft beim seillosen Bouldern messen und darüber hinaus möglichst schnell eine genormte Wand erklimmen. Kein einfaches Unterfangen für die Athleten, die meist auf eine Disziplin spezialisiert sind. Auch Bestvater - deren Stärke das Bouldern ist - muss einiges aufholen, nachdem sie in den Perspektivkader berufen wird. Das aber tut sie rasant: Nachdem sie das Speedklettern anfangs noch zu ihrer größten Schwäche erklärt, stellt sie 2019 einen neuen deutschen Rekord in der Disziplin auf. "Das läuft mittlerweile ganz gut", findet Bestvater. Im Bouldern, ihrer Paradedisziplin, belegt sie im selben Jahr einen europäischen vierten Platz.

Die Olympischen Spiele scheinen im Februar 2020 also vielleicht nicht direkt zum Greifen nah, außer Reichweite sind sie jedoch auch nicht. Bis zu jenem Trainingswettkampf des Perspektiv-Olympiakaders: Bestvater ist an der Reihe, will sich auf den linken Arm stützen, macht ihn lang, setzt die Hand auf, übt Druck aus - und merkt, dass etwas schief läuft, genauer gesagt: schief steht. Es ist ihr Ellenbogen, der sich in die falsche Richtung biegt. "Das Geräusch, das ich dabei gehört habe, hat mir sofort gesagt, dass die Saison für mich gelaufen ist", erinnert sich Alma Bestvater. Es ist das Innenband des linken Ellenbogens, das sie hört: Es reißt.

"Danach war sofort klar, dass ich die Teilnahme an den Europameisterschaften vergessen kann", erzählt sie. Und auch der Traum von Olympia scheint geplatzt - zumal die japanische Regierung zu diesem Zeitpunkt noch an dem Termin im Sommer 2020 festhält. In den sozialen Netzwerken lässt Bestvater ihren Frust durchscheinen: "Natürlich habe ich immer auch damit gerechnet, dass ich nicht nach Tokio fahren kann, weil meine Leistung in Moskau nicht ausreicht", schreibt sie. "Aber ich habe nie damit gerechnet, dass ich es gar nicht erst versuchen kann. Es ist hart, diesen Traum aufzugeben."

Jetzt darf sie doch wieder träumen. Denn natürlich ist Olympia nicht die einzige sportliche Großveranstaltung, die verschoben wird, auch die Europameisterschaften in Moskau haben nun einen neuen Austragungstermin: im Oktober. "Das ist immer noch knapp, aber machbar", sagt Bestvater. Sie arbeite nun daran, so schnell wie möglich zu ihrer alten Form zurückzufinden, in enger Abstimmung mit ihrem Trainer sowie den Ärzten und Physiotherapeuten des Olympiastützpunktes in München. Maximal zwei Athletinnen und Athleten können sich pro Nation für die Spiele qualifizieren. Alexander Megos und Jan Hojer haben ihre Tickets bereits gelöst, neben Bestvater hoffen noch Afra Hönig, Hanna Meul und Lucia Dörffel auf einen Platz. Ob überhaupt eine von ihnen in Tokio antreten darf, darüber entscheidet ihr Abschneiden bei der EM.

Vor Alma Bestvater liegt ein weiter Weg. "Ich habe nach der Verletzung unheimlich stark abgebaut, vor allem körperlich." Mittlerweile könne sie Krafttraining und Liegestütze machen, "aber richtiges Training ist das nicht". Ihr fehle auch das regelmäßige Üben in der Kletterhalle: "Koordinativ wirft es einen weit zurück, wenn man so lange nicht an die Wand kann." Immerhin, am Seil gesichert konnte sie unlängst ein paar vorsichtige erste Züge machen.

Positiv stimme sie, dass die Operation am Ellenbogen gut verlaufen sei, der Arm fühle sich "sehr gut" an. Und auch ihr Kopf helfe ihr, Bestvater sagt: "Eine meiner Stärken ist es, dranzubleiben. Egal, ob auf meinem Leistungshöhepunkt oder in der Reha. Auch da erfordern die Übungen meine volle Konzentration. Sie sind einfacher, aber ich muss genau so sehr an meine Grenzen gehen."

© SZ vom 10.06.2020

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