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Kletter-Bundestrainer:"Man darf sich solchen Tendenzen nicht verschließen"

Boulder-Weltcup in München 18.05.-19.05.2019

Der Schweizer Urs Stöcker, 43, aus dem Kanton Graubünden ist seit etwa zwei Jahren Bundestrainer und bereitet die deutschen Kletterer auf Olympia vor. Eigentlich hat er ein Diplomstudium der Quantenphysik abgeschlossen.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Bundestrainer Urs Stöcker über die Urbanisierung seines Sports.

Der dritte Platz für den Kölner Jan Hojer war der emotionale Höhepunkt beim zehnten Boulder-Weltcup in München am vergangenen Wochenende. Wie Bundestrainer Urs Stöcker die entscheidenden Sekunden beim Herrenfinale erlebt hat, wie die Chancen für die deutschen Athleten für Olympia stehen und warum er lieber nicht politisieren, dafür aber trainieren möchte, verrät er im Interview.

SZ: Am Wochenende hat zum zehnten Mal der Boulder-Weltcup in München stattgefunden. Wie fanden Sie die Stimmung im Olympiastadion?

Urs Stöcker: Es war krass! Ich habe noch bei keinem Weltcup erlebt, dass bereits das Qualifikationsevent ausgebucht war. Und dann erst im Finale: Als Jan Hojer den letzten Boulder getoppt hat, da hat die Halle getobt. Das war außerordentlich. Auch wenn ich es nicht ganz mitbekommen habe, weil ich mich so unendlich gefreut habe.

Sie haben also am lautesten geschrien?

Ich glaube, ja. Aber ich bin noch nicht einmal heiser. So laut kann es also nicht gewesen sein. Der letzte Boulder war entscheidend für Jan. Es war klar, wenn er den flasht, also beim ersten Versuch das Top erreicht, dann ist das ein Podiumsplatz. Und er hat es geschafft.

Also waren Sie mit der Leistung Ihrer Athleten zufrieden?

Ja, insbesondere bei den Herren lief es gut. Auch Alex Megos hat eine gute Leistung abgeliefert und einen Top-Zehn-Platz erreicht. Am Finale ist er nur knapp vorbei gebouldert. Bei Alex und Jan stimmt die Formkurve. Das war ein geiler Abend!

Und wie ist es bei den Frauen gelaufen?

Das Halbfinale war sehr, sehr schwer. Afra Hönig, die sich als einzige dafür qualifiziert hatte, konnte gar nicht zeigen, zu was sie imstande ist. Zudem war sie vom Vortag noch ein wenig lädiert und musste mit angezogener Handbremse klettern. Und zu Alma Bestvater, unserer stärksten Boulderin: Es ist erstaunlich, dass sie es bisher in dieser Saison noch in kein Halbfinale geschafft hat, obwohl sie bei weitem das Potenzial dazu hat. Sie scheitert immer sehr knapp. Das zeigt auch, wie dicht mittlerweile das Frauenfeld ist.

Braucht es eine neue Strategie?

In anderen Ländern wie Slowenien, Österreich, Frankreich und Japan ist die Jugendförderung besser. Da drückt eine Masse hinterher, die noch einen Tick besser ist als unsere. Deutschland sollte es schaffen, eine breite Jugendbasis ausbilden zu können, wie etwa Slowenien mit nur zwei Millionen Einwohnern.

Warum waren eigentlich die Japaner in diesem Jahr nicht so stark vertreten?

Stimmt, das war das erste Finale seit zehn Jahren ohne japanische Beteiligung. Das hat einen einfachen Grund: Viele Japaner sind dieses Jahr nicht gestartet, weil gleichzeitig die japanischen Kombinationsmeisterschaften stattfanden.

Hat sich das auf den Wettbewerb ausgewirkt?

Ja, auf jeden Fall. Das hätte das Feld neu gemischt, weil die Japaner sehr gut sind.

Das Training ist wegen der bevorstehenden Olympischen Spiele viel umfangreicher geworden. Zudem nehmen die Athleten zusätzlich noch an Qualifikationswettbewerben für Olympia teil. Wie verkraften sie das?

Man merkt, dass sie eine gewisse Müdigkeit verspüren. Wir haben sie ja schon vergangenes Jahr darauf vorbereitet, indem wir sie auf möglichst vielen Events starten lassen haben. Deswegen kommen sie damit schon besser klar. Nächste Woche fliegen wir zwei Wochen in die USA ins Trainingslager, damit sie mal weg sind von zu Hause. Hier können sie in der Höhe trainieren. Das ist wichtig für den Wettkampf.

Warum das?

Das Training findet in Boulder in Colorado auf 1800 Meter Höhe statt. Höhe wird ja auch in vielen anderen Sportarten zum Training genutzt. Wir sind ja nun auch schon mitten im Leadtraining. Ausdauer ist ein wichtiger Faktor. Außerdem ist der nächste Weltcup-Ort auf 2400 Meter Höhe - Vail, das ebenso in den USA liegt. Es ist also auch eine Akklimatisierung.

Beim DAV gibt es immer noch kritische Stimmen zu Klettern und Olympia - erst aktuell wieder zur Feier des 150-jährigen Bestehens. Wie stehen Sie dazu?

Ich kann diese Aussagen teilweise nachvollziehen. Als Multisportevent ist Olympia aber immer noch sehr attraktiv für die Sportler und ein großes Ziel. Auch Teile des DAV finden Olympia gut. Das ist auch das Besondere am Bergsport - der ist eine riesige Kathedrale, unter der alles Platz hat. Das ist übrigens ein Zitat von Sir Chris Bonington, einem der größten Bergsteiger aller Zeiten. Damit stimme ich voll überein. Schade ist, dass es einige gibt, die andere in dieser Kathedrale nicht ganz akzeptieren. Das kann ich nicht verstehen. Schlussendlich verfolgen wir alle dasselbe Ziel, nämlich Spaß in den Bergen zu haben, Leistung zu erbringen, über die eigenen Grenzen hinauszugehen.

Die Kritiker würden jetzt sagen, dass das Klettern aber eben nicht in der Natur stattfindet, sondern an Plastik in der Halle.

Aber Klettern ist mittlerweile urban geworden. Man darf sich solchen Tendenzen nicht verschließen. Ohne eine Weiterentwicklung wäre die Menschheit wahrscheinlich noch in der Höhle. Klar, man muss das kritisch hinterfragen. Aber auch der DAV hat von der Urbanisierung des Kletterns profitiert. Aber ich bin nicht hier, um zu politisieren - ich habe den Auftrag, die Athleten zu trainieren, und das mache ich.

Machen Sie es sich damit nicht etwas zu einfach?

Wir sind mit dem Ressort für Naturschutz im Gespräch, um eine Kampagne wie "Clean Road to Tokyo" anzustoßen. Das ist alles noch eine vage Idee. Aber so könnten wir als Verband ein Zeichen setzen und die Abläufe insgesamt nachhaltiger gestalten. Da liegt nämlich die Crux: dass wir Olympia als Bühne nutzen und sagen, dass wir es noch besser machen können, und das in allen Bereichen.

Wo stehen die deutschen Athleten mit Hinblick auf eine Qualifikation für Tokio?

Die Athleten können sich bei der WM in Tokio und bei dem Kombinationsevent in Toulouse im November qualifizieren, für das die 20 besten Teilnehmer der Weltcups zugelassen werden. Für Jan Hojer sehe ich gute Chancen, weil er in seiner stärksten Disziplin, dem Bouldern, schon gute Resultate vorgelegt hat. Er könnte sein Ticket vielleicht sogar schon bei der WM im August lösen. Auch Alex Megos hat sich sehr gesteigert. Er ist im Leadklettern besonders stark - der Weltcup in dieser Disziplin startet im Juli.

Der Weltcup in München war das erste Mal in diesem Jahr ausverkauft. Wirkt da schon Olympia?

Das liegt an der Attraktivität des Sports. Klettern boomt. Es klettern deutlich mehr Menschen, und die setzen sich auch mit dem Wettkampfgeschehen auseinander. Und klar, die Olympia-Teilnahme hat auch einen Anteil.

Warum findet der Boulder-Weltcup kommendes Jahr eigentlich nicht wieder unter dem Dach des Olympiastadions statt?

Weil für die Fußball-Europameisterschaft ein Public Viewing installiert wird und deswegen andere Veranstaltungen ausweichen müssen. Der Weltcup findet in der Eishalle statt. Wie es dann in den nächsten Jahren aussieht, das wird neu entschieden. Fußball dominiert die Welt...