Kickboxen:Gutes Handwerk

Der Afghane Said Haschimi gilt als Musterbeispiel für gelungene Integration. Bei den German Open der Kickboxer in Neuperlach zeigt der 20-Jährige, warum.

Von Thomas Gröbner

Eigentlich möchte Said Haschimi diese Geschichte gar nicht hören. Die von einem 14-jährigen Jungen handelt, der aus Afghanistan nach Deutschland kam, plötzlich im Kickbox-Training auftaucht, und der am Sonntag bei den German Open gegen den Weltmeister kämpft. Es ist die Geschichte eines bemerkenswerten jungen Mannes, nunmehr 20, der schneller und härter lernt als andere, und der härter und schneller zuschlägt als die meisten. Es ist natürlich seine eigene Geschichte.

Man muss den Kopf einziehen, sonst trifft einen der Schlag in der Halle des SVN München in Neuperlach, im Osten der Stadt. Überall wärmen sich zwischen den Besuchern die Kickboxer auf. Tausend Kämpfer aus dreißig Nationen sind hier bei den German Open. Zwölfjährige dehnen sich im Spagat und prügeln auf die Handschuhe eines Trainers ein. Zuschauer und Kämpfer kann man an der blutigen Nase oder an der genähten Lippe auseinanderhalten. Das Auge im Gesicht des Lokalmatadors Said Haschimi ist blutunterlaufen. "Das erste Mal", beteuert er, dass er eine Verletzung aus einem Kampf davongetragen hat. Tags zuvor hatte er ein wenig mit der Deckung geschlampt. "Mein Trainer schimpft mich immer, weil ich ein bisschen Show mache. Aber ich mag das." Haschimi verehrt Muhammad Ali und nennt Trainer Thomas Eichinger "Kumpel". Der vierzigjährige ehemalige Kickbox-Profi sagt: "Er war der erste meiner Schüler, der richtig gut wurde."

Said Haschimi, Hashimi Flüchtling Kickboxen

"Mein Trainer schimpft mich immer, weil ich ein bisschen Show mache. Aber ich mag das." Said Haschimi (links) kam einst als Jugendlicher ohne Eltern nach Deutschland. Bei den German Open boxte er sich bis ins Finale durch, wo er seinem früheren Trainer Kian Golpira unterlag.

(Foto: Johanna Kerschreiter; Johanna Kerschreiter/oh)

Zu Thomas Eichinger beim SVN kommen viele junge Männer. "Aber die kommen nicht, um einen harten Sport zu machen, weil sie harte Sachen erlebt haben." Eines Tages tauchte auch Said Haschimi auf. "Ich weiß noch, der hatte ganz klare Vorstellungen", erinnerte sich Eichinger: "Der wollte kämpfen. Anfangs hab ich nicht gecheckt, dass er mich gar nicht versteht", so selbstverständlich bewegte er sich im Training. Nach ein paar Wochen nimmt er Haschimi zum ersten Mal zu einem Turnier mit. Seitdem ist er einer seiner wichtigsten Schüler. Und wird zu einem Vorbild gemacht.

"Jedes Mal steht da Flüchtling. Das möchte ich nicht immer da lesen", sagt Haschimi

Seit 2014 wird Said Haschimi der Öffentlichkeit präsentiert, als Musterbeispiel für gelungene Integration, weil er einer der ersten ist, der eine Lehre in einem Handwerksbetrieb begann. Immer wieder bekommt er Besuch von Journalisten, man kann nachlesen, ob es bei ihm gerade gut läuft oder nicht.

Seitdem mag Said Haschimi nicht mehr darüber sprechen. "Jedes Mal steht da Flüchtling. Das möchte ich nicht immer da lesen." Auch wenn er weiß: "Es ist eine schöne Geschichte." Und weil der Kampfsport solche Geschichten gut gebrauchen kann, wird Haschimi die Schublade nicht so einfach los. Auch sein Verein hat noch einmal mit Haschimis Vergangenheit vom unbegleiteten Flüchtling aus Afghanistan geworben.

Kampfsport ist manchmal auch ein Kampf gegen Schubladen. "Ein Reflex" sei das, zu versichern, man habe nie eine Schlägerei angezettelt, das denkt auch Martin Klant, der mit Thomas Eichinger zusammen die Veranstaltung organisiert. Und vielleicht klafft auseinander, was Kampfsportler über sich denken, über Fairness, Respekt und Gewalt. Und was sie vermuten, was über sie gedacht wird. Denn die Atmosphäre in der Halle bewegt sich irgendwo zwischen Familienpicknick und Turnfest, nur die Tätowierungen auf den Oberschenkeln und den Rücken fallen ein bisschen größer aus.

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(Foto: claus Schunk)

In der Halle kämpft gerade ein junges Mädchen, sie wird von der Gegnerin über die Kampfbahn gescheucht, bis vor die Plastikstühle, auf der ihre Trainer sitzen. Von denen wird sie dann angebrüllt. Der Schiedsrichter faltet wiederum die Trainer zusammen. Manchmal bringt allein die Anwesenheit von Trainern die Kämpfer und Kämpferinnen aus dem Gleichgewicht.

Ein paar Meter weiter spricht Said Haschimi über seine Zukunft, die liegt ihm näher als seine Vergangenheit. Er will seinen deutschen Pass beantragen, um international offiziell für Deutschland kämpfen zu können. Im Junioren-Nationalteam war er schon. Sein Trainer dort: Der Weltmeister und an diesem Tag in München-Neuperlach sein Gegner, den er unbedingt schlagen will: Kian Golpira. Zwei Mal drei Minuten dauert der Vergleich, Golpira gewinnt nach Punkten und zeigt, dass Haschimi noch ein wenig warten muss mit seinem großen Traum, Weltmeister werden zu können.

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