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Kanu:Kopfüber in die Walze

Im Kampf um den deutschen Meistertitel zeigen die Freestyler in Thalkirchen spektakuläre Tricks

Von Catrin Schreiner

Fünf kleine, bunte Boote liegen aufgereiht auf dem Floßländekanal in Thalkirchen. Die Sportler darin tragen Helm, Nasenklammer und Funktionskleidung, und sie greifen neben sich ins nasse Grün, um nicht abzutreiben. Dann ertönt eine Glocke, der erste Fahrer paddelt auf die stehende Walze zu. Der Bug versinkt in der Strömung, das Boot richtet sich senkrecht auf, kippt nach rechts unter Wasser und dreht sich um 180 Grad wieder nach oben. Nach 45 Sekunden, weiteren Drehungen und Salti ertönt die Glocke erneut; der nächste Kanute ist an der Reihe.

Bei der sechsten Münchner Meisterschaft im Kanu-Freestyle am vergangenen Sonntag ging es erstmals nicht nur um die Stadtmeisterschaft und bayerische Titel. Die Veranstaltung an der Theo-Bock-Walze war nach Wiesenwehr/Neuss Anfang April und Oker/Goslar Anfang September der dritte und letzte Teil der deutschen Meisterschaft. 60 Teilnehmer gingen in sechs Altersklassen an den Start; größtenteils setzten sich die Favoriten durch.

Besonders spektakuläre Tricks auf der Walze zeigten Raphael Scheu vom Straubinger KC und Anne Hübner vom KC Bietigheim, die beide auch in Wiesenwehr und Oker erfolgreich waren. Scheu, der bei den Junioren U18 teilnahm, gilt als größtes bayerisches Talent im Kanu-Freestyle. Der 17-jährige Abiturient hat erst vor zwei Jahren mit dem Sport begonnen und bereits einige Titel geholt. Die meisten Tricks bringt er sich selber bei. "Früher habe ich mich abwechselnd mit einem Freund an den Rand gesetzt, alles per Handy aufgenommen und dann analysiert", erzählt Scheu. Mittlerweile wird er unregelmäßig von einem Trainer des badischen Kanuverbands unterstützt, dem einzigen in Deutschland, der auch überregional Sportler betreut.

"Nichts für Zimperliche": Anne Hübner vom KC Bietigheim gewinnt sowohl die Münchner als auch die deutsche Meisterschaft im Kanu-Freestyle.

(Foto: Oh)

Beim Kanu-Freestyle, auch Wildwasserrodeo genannt, kommt es darauf an, das zwei Meter kurze Boot perfekt zu beherrschen, in kurzer Zeit viel Kraft aufzubringen und mit artistischen Tricks möglichst viele Punkte einzufahren. Scheu vergleicht den Sport gerne mit dem Surfen. "Die Atmosphäre ist entspannt. Man gleitet auf der Welle, zeigt seine Tricks und sitzt am Ende des Tages gemütlich zusammen."

Tatsächlich sah der Wettkampf bei Scheu besonders entspannt aus. Er drehte und überschlug sich und tauchte mit seinem Boot immer wieder unter Wasser. Am Ufer wurde applaudiert; es lief in allen drei Durchgängen gewohnt gut für den Straubinger. Eine ähnlich souveräne Leistung gelang Anne Hübner bei den Frauen. Die 29-Jährige aus Bietigheim-Bissingen, die in Rosenheim Physiotherapie studiert, begann ihre Karriere mit Kanu-Slalom und Wildwasserrennen, ehe sie sich 2009 auf Freestyle spezialisierte. Seit vier Jahren ist sie im Nationalteam. "Jeder Wettkampf ist anders", erklärt sie ihre Faszination. "Man braucht Mut, mit dem Kopf unter das kalte Wasser zu gehen - nichts für Zimperliche."

Zurzeit trainiert sie den "Phoenix Monkey" und den "MacNasty", zwei komplexe Tricks, die Drehungen, Überschläge und Sprünge enthalten. Da beide noch nicht so funktionieren, wie Hübner sich das vorstellt, verließ sie sich in München auf die gewohnte Choreografie. Auch die reichte der erfahrenen Sportlerin, die bereits drei deutsche Meisterschaften gewann. Nach soliden Vorläufen und Halbfinals zeigten Scheu und Hübner auch im Finale die besten Tricks. Beide holten sich den Münchner Titel, die deutsche Meisterschaft, und Scheu zusätzlich den bayerischen Pokal.

In vertrauter Umgebung: Janosch Plathner vom ESV München erreicht das Halbfinale und wird Zehnter.

(Foto: Matthias Breuel/oh)

Bei den Männern wurde Robert Büchmann aus Dormagen Münchner Meister, bei den Juniorinnen U18 Vera Niess aus Braunschweig. Aus lokaler Sicht schnitt Janosch Plathner (ESV München) mit Rang zehn am besten ab.

© SZ vom 23.09.2014
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