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Judo:Von der Matte auf die Wiesn

Julian Kolein war froh, in einer höheren Gewichtsklasse zu kämpfen: „So spare ich mir das Abnehmen kurz vor dem Kapf und habe mehr Energie.“ Das war zu sehen, Kolein gewann.

(Foto: Claus Schunk)

Großhadern bezwingt Speyer und zieht als Gruppenzweiter ins Bundesliga-Finale ein. Am Ende hatten sie ein gewonnenes Duell mehr als der Dritte.

Am Ende hätte es kein Punkt weniger sein dürfen. Und so saßen die Judoka des TSV Großhadern zwei Stunden nach dem 10:4-Sieg gegen den JSV Speyer vor der Siegi-Sterr-Halle und klatschten sich noch einmal ab. Jeder Einzelsieg an diesem Tag zählte für die Finalteilnahme. "Wir haben es geschafft", fasste Betreuer Tobias Englmaier zusammen. Dass die Münchner die Hauptrunde als Tabellenzweiter abschlossen, lag nach 112 Kämpfen in dieser Saison genau an einem mehr gewonnen Kampf (77) als der Dritte KSV Esslingen (76). "Ja, wir hatten diesmal sicher auch Glück", gab Englmaier zu - und ließ die Duelle an diesem Tag noch einmal Revue passieren.

Da waren zum Beispiel die zwei Überraschungssiege vom hochgestellten Julian Kolein (-81 kg), der den angeschlagenen Georgier Giga Gigauri jeweils sprichwörtlich niederrang. In der ersten Runde konnte Kolein trotz Rückstand das Strafenproblem des Gegners ausnutzen und ihn kurz vor Ende des Kampfes zum Verlassen der Kampffläche und einem dritten Shido zwingen, so dass er doch noch erfolgreich war. In der zweiten Runde malträtierte er die verletzte Schulter des Gegners dann solange, bis dieser geschlagen am Boden liegen blieb. "Meine Erfahrung hat mir da sicher geholfen", sagte Kolein, der gleichzeitig froh war, diesmal über seinem normalen Gewicht kämpfen zu können. "So spare ich mir das Abnehmen kurz vor dem Kampf und gehe mit mehr Energie auf die Matte", erklärte er. Kein Bad, kein Schwitzen, kein Flüssigkeitsverlust - gerade für einen wie Kolein, der nicht mehr international kämpft, ist das so angenehmer. Gut möglich, dass er auch in der Endrunde wieder bis 81 Kilogramm ran darf.

Oder der 19-jährige Thomas Peter (-66 kg), der für seinen Sieg bis in die Verlängerung ging. Peter war für die zweite Runde eingewechselt worden und lieferte den Kampf des Tages. Es ging hin und her, die Zuschauer fieberten lautstark mit, zwischenzeitlich ließ sich der Jungspund schon feiern, doch die Schiedsrichter gaben keine Wertung. Dann gelang ihm nach mehr als fünf Minuten, als beide Kontrahenten sichtlich mit den Kräften am Ende waren, ein Schleuderwurf, mit dem er Gegner Michael Bantle auf den Rücken beförderte. Peter riss die Arme hoch, die Mannschaft sprang jubelnd auf. "Wir wussten, dass jeder Punkt wichtig ist", sagte Englmaier. Auch wenn der junge Peter an diesem Tag "nicht alles richtig gemacht hat, gehört er zu denen, die sich in dieser Saison stark entwickelt haben".

Schließlich zeigte auch der nur noch sporadisch kämpfende Felix Ditschek (-100 kg) zum Abschluss, dass er wichtig für die Mannschaft ist. Mit einem Schulterwurf gegen Leander Riegert holte er den letzten nötigen Punkt. "Wir haben heute auch als Mannschaft überzeugt", sagte Englmaier. Fast der ganze Kader war dabei und feuerte an. Ob Hugo Murphy, der verletzt auf Krücken kam, oder Timo Cavelius in Lederhose, der eigentlich gar nicht mehr zur Mannschaft gehört. So geschlossen hat man die Großhaderner selten gesehen.

Dennoch muss im Finale eine Leistungssteigerung her, wollen die Münchner eine Medaille erreichen. Denn gegen die Süd-Konkurrenten Abensberg und Esslingen unterlag Großhadern jeweils mit 6:8, was Trainer Englmaier "immer noch ärgert". Am Ende war auch ein Ausrutscher der Esslinger (7:7 gegen Speyer) der Grund, dass der TSV überhaupt aus eigener Kraft in die Endrunde einzog. Dass es letztlich so knapp und spannend war, spricht auch für die Bundesligareform: mehr Teams, mehr Kämpfe, mehr junge deutsche Judoka, das hat im ersten Jahr gut funktioniert.

In Gegner und Titelverteidiger Hamburg wartet im Halbfinale nun das übermächtige Team der Bundesliga. Hamburg hat zahlreiche Nationalkaderathleten, darunter das Trio Aaron Hildebrandt, Alexander Wieczerzak und Igor Wandtke, das Großhadern vor Jahren im Streit verlassen hat. "Wir sind Außenseiter", sagte Englmaier, in Bestbesetzung sieht er "eine Chance". Die beiden Frey-Brüder im Schwergewicht, Karl-Richard (gerade bei der WM) und Johannes (verletzt), sollen im Finale wieder dabei sein, dazu internationale Verstärkung, auf die Großhadern während der Saison größtenteils verzichtet hatte. Abgesehen vom Schweden Marcus Nyman, der quasi fest zum Team gehört und auch gegen Speyer wieder doppelt punktete.

So prosteten sie sich auf jeden Punkt zu und der ein oder andere dachte auch schon an den nächsten Tag. Traditionell geht die Mannschaft am ersten Wiesn-Sonntag aufs Oktoberfest. So auch diesmal: "Das haben sich die Jungs verdient", meinte Englmaier.