Judo:Kämpfer für das Miteinander

Yusuf Güngörmüs, deutscher Judo-Trainer des Jahres auf genommen in einer Halle des Sportgymnasium München Nord, Knorrstr

Vielseitig: „Ich möchte vorleben, was für ein Privileg das Leben in Bayern ist“, sagt Yusuf Güngörmus. Für den 48-Jährigen ist sein Engagement als Judo- und Fußballtrainer mehr als bloß Freizeitsport.

(Foto: Florian Peljak)

Einst raufte er auf Hinterhöfen für ein Taschengeld. Nun hat der Deutsche Judo-Bund den Münchner Yusuf Güngörmüs, Cousin von TV-Koch Ali Güngörmüs, als Trainer des Jahres ausgezeichnet.

Von Thomas Okon

Ein Hof in Harteck, Münchner Norden, frühe Achtziger. Zehnjährige rangeln, bis einer am Boden liegt. Einige Eltern stehen dabei, aber schimpfen nicht, im Gegenteil: Sie fiebern mit. "Wer als erstes lag, hatte verloren", erinnert sich Yusuf Güngörmüs. Er war damals eines jener Kinder, und ihr Spiel war eher das Spiel der Erwachsenen. Yusuf verdiente sich dabei ein "gutes monatliches Taschengeld" hinzu, denn meist war er es, der aus den Raufereien als Sieger hervorging - und die Erwachsenen wetteten auf ihn. Einen Teil des Gewinns traten sie ihm dann ab. "Wenn einer 50 Mark durch mich gewonnen hat, habe ich zehn davon abbekommen."

Yusuf Güngörmüs ist inzwischen 48 Jahre alt. Sein Name ist bekannt in München und weit darüber hinaus, das liegt an seinem Cousin Ali, dem Sternekoch, den man aus dem Fernsehen kennt. Ali war damals nicht dabei bei den Kämpfen, er kam erst einige Jahre später nach München. Heute haben die beiden engen Kontakt. "Wir sehen uns auf Familienfeiern, Hochzeiten oder zum Essen bei ihm", erzählt Yusuf Güngörmüs, der fünf Jahre Ältere. Doch auch sein eigener Name ist nicht ganz unbekannt in München - spätestens seit ihn der Deutsche Judo-Bund im Januar zum Trainer des Jahres 2019 gewählt hat.

"Ich habe mich dem Ehrenamt schon sehr verschrieben", sagt Güngörmüs und schmunzelt

Das war schon eine Überraschung. "Ich habe einen Anruf von einem guten Freund aus dem Verein bekommen, der mich fragte, ob ich es schon mitbekommen hätte", erzählt Güngörmüs lächelnd. "Meine Reaktion war nur: ,Echt jetzt?' - ich konnte es kaum glauben." Güngörmüs wirkt durchaus selbstbewusst. Er ist 1971 in der Türkei geboren, in der Provinz Tunceli, genau wie sein Cousin. Er ist deutscher Staatsbürger, lebt seit 40 Jahren in München. Er will die bayerische Sprache und Kultur anderen Zugezogenen vermitteln, so beschreibt er seine Arbeit als Judo-Lehrer. Bei den Sportfreunden Harteck trainiert er die Minis, Kinder, Jugendliche und Erwachsene, der ganze Verein ist stolz auf ihn. Viele Leute hätten ihm zu seiner Auszeichnung gratuliert, hätten ihm versichert, dass er sie verdient habe. Schon in die engere Auswahl gekommen zu sein, habe er als große Anerkennung für seine Arbeit empfunden.

Yusuf Güngörmüs leitet auch die Einheiten für Kämpfer mit geistiger Behinderung und mit Sehbehinderung. "Es bereitet mir große Freude, den Menschen mit Sport einen Ausgleich zum oft anstrengenden Alltag zu geben", sagt Yusuf Güngörmus. Diese Freude füllt fast die komplette Woche aus, nahezu rund um die Uhr, ohne Chance für Langeweile. Neben seinem Engagement bei den Harteck Hornets ist er nämlich auch als Judotrainer beim SC Arcadia Messestadt aktiv, und er trainiert die C2-Jugendfußballer des FV Hansa Neuhausen, bei denen sein Sohn spielt. "Ich habe mich dem Ehrenamt schon sehr verschrieben", stellt er schmunzelnd fest. Sicher auch ein Grund für die Auszeichnung.

Das Training ist zugleich "Zeit mit den Kindern", die ist ihm wichtig. "Wenn wir am Wochenende bei einem Judoturnier sind, ist das ja auch wieder eine Menge Zeit", so sieht er das. Zeit, die er mit dem Nachwuchs verbringt. Er ist Personalratsvorsitzender bei Lotto Bayern, aber gleich nach der Arbeit kommt für ihn der Sport.

2006 durfte er erstmals an deutschen Meisterschaften teilnehmen - und gewann

Auch beim SC Arcadia liegt sein Fokus auf Integration. "Ich möchte mit gutem Beispiel vorangehen und vorleben, was für ein Privileg das Leben in Bayern ist." 1980 kam er mit seiner Familie nach Deutschland. Bei den Rangeleien fiel schnell sein Talent auf, so kam er zum Judo. "Es waren einfach andere Zeiten, heute gäbe es so etwas nicht mehr", weiß der Vater zweier Kinder. Durch Nachbarn kam er dann zu einem Probetraining bei den Sportfreunden Harteck, die sich sehr um den Jungen bemühten. "Es hat mir vom ersten Training an riesig Spaß gemacht", sagt Güngörmüs.

So sehr, dass er schon mit 14 Jahren begann, neben seinem Status als Kämpfer in seiner Altersklasse als Co-Trainer zu helfen. Währenddessen machte er seinen qualifizierten Hauptschulabschluss, begann eine Lehre zum KFZ-Mechaniker. Und sprang noch während der Ausbildung ein, als beide Cheftrainer "von einem auf den anderen Tag" hinwarfen. Ein 17-Jähriger trainierte fortan eine Erwachsenenmannschaft. "Die Situation war für jeden von uns am Anfang irgendwie komisch", erinnert sich Yusuf Güngörmüs. "Aber mit den Erfolgen kam auch immer mehr Vertrauen. Die Leute haben gesehen, dass ich das nicht so schlecht mache und dass meine Methoden Hand und Fuß haben."

Güngörmüs war nun also Trainer in der zweiten Judo-Bundesliga, als Teenager. Er selbst wurde süddeutscher Meister in jener Zeit, doch wegen seiner türkischen Staatsbürgerschaft durfte er nicht an nationalen Meisterschaften teilnehmen. "Das war sehr schade für mich", sagt Güngörmüs. Über die Jahre trainierte er einige spätere deutsche Meister, erlebte viele Auf- und Abstiege mit den Hornets und verlor dabei nie sein Ziel aus den Augen: "Ich will den Leuten Spaß bereiten und sie entwickeln." Sein größter eigener Erfolg gelang ihm erst mit Mitte 30. Nachdem er 2006 die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen hatte, nahm er an den deutschen Ü-30-Meisterschaften teil - und siegte. "Das war mein schönster Erfolg als Kämpfer und eine absolute Genugtuung", erzählt er. Es war ja nicht so wie damals bei den Kämpfen auf dem Hof, es waren "große nationale Kaliber" dabei.

Gerade ist die Mannschaft der Harteck Hornets von der Landesliga in die Bayernliga zurückgekehrt. Am 28. März hätte die neue Saison begonnen. Auch deshalb kam die Wahl durch den Deutschen Judo-Bund natürlich überraschend. Ein Amateurtrainer - dabei hatten doch in Toni Riquier ein Weltmeister und in Hans-Peter Kloiber sogar ein Bundesverdienstkreuzträger mit zur Auswahl gestanden. Zur Hälfte floss das Urteil einer Fachjury in das Ergebnis ein, die andere Hälfte entsprach den Anteilen aus einer Online-Abstimmung.

"Ich bin glücklich und werde mein Leben weiter so leben", sagt Yusuf Güngörmüs noch. "Ich meine, nur weil ich jetzt einen Preis gewonnen habe, bin ich noch lange nicht fertig." Vielleicht hat ihm die Ehrung nun sogar ein bisschen über die ersten Wochen des Stillstands hinweggeholfen. Denn wegen der Corona-Krise ist zurzeit natürlich weder an einen Ligabetrieb zu denken noch an Jugendtraining. Die Einheiten werden über E-Mails und Whatsapp-Gruppen gestaltet, so gut es eben geht, doch wann die Liga wieder starten kann, ist völlig ungewiss. Inmitten der allgemeinen Lockerungen wird den Aktiven nur umso schmerzlicher bewusst, dass gerade jene kontaktintensiven Sportarten wie Judo, Boxen oder Ringen wohl noch lange tatenlos werden ausharren müssen. Wie viel unbeschwerter war damals doch die Zeit seiner Hofkämpfe. "Gesundheit steht über allem", weiß er, aber er hoffe doch, dass das alles bald vorbei geht. Und dann will er unbedingt weitermachen damit, die Menschen auf seine Weise bei ihrer Integration zu unterstützen.

© SZ vom 14.05.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB