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Josef-Sterr-Straße:Werfen und werfen lassen

Drei Jahrzehnte lang lenkte Josef Sterr den TSV Großhadern. In dieser Zeit avancierte der Stadtteilklub zum Großverein.

Spricht man Siegfried, genannt Siegi Sterr auf seinen Bruder Josef an, muss er lachen. Sein älterer Bruder sei "in allen möglichen Belangen" ein "sehr umtriebiger und aktiver" Mensch gewesen, erzählt er dann. Josef Sterr habe sowohl beruflich als auch privat so viele Ideen gehabt, dass manche bereits vor der Umsetzung verworfen werden mussten. "Er war ein Reißer", sagt Siegi Sterr.

Josef Sterr wurde dank eines handgeschriebenen Plakats auf die Judo-Abteilung des TSV Großhadern aufmerksam, der er 1951 beitrat. Seine Umtriebigkeit kam dort schnell zur Geltung: Nach nur einem Jahr übernahm er bereits die technische Leitung der Abteilung. 1954 wurde er deutscher Meister und übernahm ein Jahr später die Abteilungsleitung. In den 1960er Jahren wurde er erst zweiter Vorsitzender, dann Präsident. Bis 1996 lenkte er die Geschicke des Vereins - 29 Jahre lang. Unter seiner Führung wurde der TSV Großhadern zu einem Großverein mit mehr als 3200 Mitgliedern und bekam eine Jugendordnung, durch die minderjährigen Mitgliedern ein Mitbestimmungsrecht im Präsidium zugestanden wurde. Das war Josef Sterr ein großes Anliegen.

Beruflich war der 1935 geborene Josef Sterr ebenfalls stark eingebunden. Er lernte Maschinenbau und machte die Textilreiniger-Meisterprüfung, da seine Eltern eine Wäscherei besaßen. Im Laufe seines Berufslebens schaffte er es bis in das Präsidium des deutschen Textilreinigungsverbandes. Trotz seiner vielen Aktivitäten habe Josef Sterr auch an den Wochenenden selbst Hand angelegt und "sogar Teppichböden geputzt", blickt Siegi Sterr zurück. Wie er das zeitlich alles hinbekommen habe? "Das war sein Leben." Im August 1996 starb Josef Sterr. Er wurde 61 Jahre alt.

"Er war ein Reißer": Josef Sterr, oben rechts auf einer undatierten Aufnahme, wurde 1954 deutscher Meister im Judo.

(Foto: privat)

Siegi Sterr hat den Weg seines Bruders aus nächster Nähe begleitet. Ein Jahr nach Josef trat auch er in die Judo-Abteilung ein, "ich bin sozusagen in seine Fußstapfen getreten", erzählt der drei Jahre jüngere Bruder. 44 Jahre arbeiteten die beiden in verantwortender Funktion gemeinsam für den Verein, der Bau der neuen Judo-Halle ist von ihnen auf den Weg gebracht worden. Unter dem Präsidenten Josef Sterr zu arbeiten war für den Abteilungsleiter Siegi Sterr - diesen Posten übernahm er im Jahr 1962 - "überhaupt kein Problem. Er hat mir freie Hand gelassen", speziell beim Bau der neuen Halle, betont Siegi Sterr. Die Idee dazu hatte er bereits in den 1970er Jahren, und er setzte ihn auch vordergründig um, da sein Bruder Josef zu dieser Zeit bereits gesundheitlich angeschlagen war. "Du warst jeden Tag auf der Baustelle", wirft seine neben ihm sitzende Frau ein, der jüngere Sterr-Bruder quittiert das mit einem Lachen. Besonders stolz waren beide Brüder, dass der TSV bereits fünf Jahre nach der Hallen-Einweihung im Jahr 1991 schuldenfrei war.

Siegi Sterr erinnert sich gerne an die Anfangszeiten beim Judo mit seinem Bruder zurück. Diese waren buchstäblich hart. In der alten Großhaderner Halle war damals noch ein reiner Betonboden, auf den fünf Zentimeter dicke Matten kamen. Gefüllt waren diese mit Sägemehl. "Können sie sich vorstellen, wie hart das war?" Es ist eine rhetorische Frage.

Als Siegi Sterr mit dem Judo begann, war er einer von nur drei Jugendlichen im Verein. Diese mussten die Matten schleppen und verlegen - und sich dann selbst beschäftigen, denn ein gemeinsames Training mit den Erwachsenen war anfangs noch nicht möglich. "Wir haben ein knappes halbes Jahr nur Haltegriffe und das Fallen geübt", erinnert er sich. Als sie das verinnerlicht hatten, durften sie zu den Erwachsenen. "Die konnten uns dann werfen", erzählt er lächelnd.

Straßennamen von Sportlern, Straßenschilder

In der Nähe des Klinikums Großhadern ist eine Straße nach ihm benannt.

(Foto: Florian Peljak)

Rund 50 Jahre später setzte er sich für seinen Bruder ein. Als um die Jahrtausendwende in Großhadern eine neue Wohnsiedlung und damit auch neue Straßen und Wege entstanden, wandte sich Siegi Sterr an den Bezirksausschuss und brachte seinen Bruder für eine der zu benennenden Straßen ins Spiel. "Die Idee ist sehr gut im Stadtrat angekommen", erzählt er. 2002 wurde die Josef-Sterr-Straße unweit vom Klinikum Großhadern zur Realität. Auch Siegi Sterr kam elf Jahre später in den Genuss einer namentlichen Widmung: Die neue Judohalle des TSV Großhadern heißt seitdem Siegi-Sterr-Halle.

Durch die nach seinem Bruder benannte Straße zu gehen, ist für Siegi Sterr ein "tolles Gefühl". Und sie bringt bis heute nette Geschichten hervor. Kürzlich sei sein Sohn mit dem Taxi unterwegs gewesen. Als der Fahrer dessen Nachnamen hörte, fragte er ihn, ob er mit Josef Sterr verwandt sei. Ja, antwortete der Sohn, das ist mein Onkel. Da sagte der Taxifahrer: "Schön, jetzt ein Gesicht dazu zu haben. Ich wohne in der Josef-Sterr-Straße."

© SZ vom 05.03.2020
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