Hockey Team Torwart

Der Münchner SC leistet sich den Luxus, die beiden besten Keeper der 2. Liga im Kader zu haben. Für Felix Reuß könnte der lange gereifte Masterplan aufgehen - der neue Mann auf der Linie hat Olympia im Auge.

Von Katrin Freiburghaus

Frederik Gürtler stand am vergangenen Wochenende mit gemischten Gefühlen neben dem Hockey-Kunstrasen des Münchner Sportclub, und dafür gab es mehrere Gründe. Zum einen verspielte sein Team beim 1:3 (0:0) gegen die Zehlendorfer Wespen wegen eines Defensiv-Blackouts Mitte des letzten Viertels die mögliche Zweitliga-Tabellenführung. Zum anderen hatte Gürtler das MSC-Tor hüten wollen, musste aber kurzfristig wegen einer Zerrung im Oberschenkel passen. Diese Situation ist für sich genommen nicht außergewöhnlich. Dass Gürtlers Vertreter nach seiner Genesung nicht automatisch wieder ins zweite Glied rücken wird, ist dagegen nicht die Regel. Doch seit Saisonbeginn ist der bisherige Stamm-Keeper Gürtler nicht mehr allein: Der MSC verpflichtete Felix Reuß, einen langjährigen Nationalspieler, der es nach einer Verletzung noch einmal wissen und zu den Olympischen Spielen nach Tokio will.

Der MSC hat nun zwei sehr gute Torhüter für eine Position. Das sei Luxus, aber kein Luxusproblem, betont Trainer Patrick Fritsche; das betonen auf Nachfrage auch Gürtler und Reuß. Denn was nach einem Konfliktherd der Extraklasse klingt, ist nichts, was dem MSC einfach so zugestoßen wäre. Fritsche wollte es so, weil er die Konstellation als "Win-win-Situation" betrachtet. "Felix kann bei uns neben dem Job sein Ziel verfolgen, und wir haben die beiden besten Torhüter der Liga", sagt er. Um zu verstehen, wie das funktionieren soll, muss man wissen, dass Gürtler und Reuß nicht um den Platz im Tor konkurrieren, sondern ihn sich teilen. Das ist ein entscheidender Unterschied, den Fritsche in vielen Gesprächen mit den Spielern herausarbeitete, wie er sagt.

"Wir sind Teamsportler genug, um das Beste aus dieser Konstellation rauszuholen“: Alexander Inderthal (r.) im Duell mit den Zehlendorfer Wespen.

(Foto: Claus Schunk)

Gürtler betrachtet seine Situation differenziert. Der 25-Jährige sagt offen, aber ohne Bitterkeit: "Theoretisch möchte man natürlich alles spielen, dafür machen wir das ja, auf der persönlichen Ebene ist das ein Dämpfer." Aus Mannschaftssicht lägen die Dinge allerdings anders. Wenn sich ein Spieler wie Reuß vorstellen könne, in die zweite Liga nach München zu wechseln, müsse man die Chance nutzen. "Wir sind erwachsen und Teamsportler genug, um das Beste aus dieser Konstellation rauszuholen", sagt Gürtler.

Es ist ebenso klar besprochen, wer wann spielt, wie die Aufgabenverteilung zwischen dem Mann auf der Bank und dem im Tor am jeweiligen Spieltag ist. Fritsche wünscht sich auf der Torhüter-Position ein "Team im Team", und bislang scheint sein Plan aufzugehen. Nach dem Abpfiff gegen Zehlendorf standen Reuß und Gürtler mit gleichermaßen leerem Blick auf dem Rasen; einzig die Kleidung gab darüber Auskunft, wer auf dem Platz gestanden hatte. "Er passt menschlich gut hierher und auch zu mir", sagt Gürtler über Reuß, "und deshalb können wir damit alle gut leben." Reuß' Verpflichtung war kein Schnellschuss, sondern wohlüberlegt.

"Auf der persönlichen Ebene ist das ein Dämpfer“: Die MSC-Keeper Felix Reuß (li.) und Frederik Gürtler.

(Foto: Claus Schunk)

Es ist eine typische Hockeygeschichte, die im vergangenen November begann. Damals entstand der Kontakt während der laufenden Erstliga-Saison, in der der MSC auch gegen Reuß' damaligen Verein, den Club an der Alster, spielte. Reuß, der die Junioren-Nationalteams durchlief, stand im Sommer 2017 vor dem Durchbruch im deutschen A-Kader, verletzte sich aber im letzten Lehrgang vor der World League schwer. "Das war ziemlich dramatisch für ihn", sagt Bundestrainer Stefan Kermas. Reuß fiel mit einem Muskelsehnenriss vier Monate aus und sortierte seine Prioritäten neu. Im Herbst bekam er ein Jobangebot aus seiner Heimat Rosenheim - und nahm es zulasten des Leistungssports an.

Für den Rest der Saison pendelte er nur zu den Spieltagen nach Hamburg. "Aber ganz ohne Training unter der Woche ging das nicht", sagt er. Der MSC bot ihm - obwohl er Torwart bei der Konkurrenz war - an, am Mannschaftstraining teilzunehmen. Dort geschah bis zum Saisonende zweierlei: Fritsche erlebte Reuß als "Energiespender", dessen Humor dem Team auch neben dem Platz gut tat. Reuß merkte "durch die Konstellation mit dem MSC, dass ich die Nationalmannschaft noch nicht abgehakt habe". Durch die räumliche Nähe zu seiner Arbeitsstelle sei der MSC auch für diese Saison quasi alternativlos, zumal Kermas keine Vorbehalte gegen Nationalspieler in Zweiliga-Teams hegt. "Das ist für einen Torwart nicht so entscheidend", findet der ehemalige MSC-Coach, "abgesehen davon haben auch schon Olympiasieger zweitklassig gespielt". Wie Max Müller in Nürnbergs Zweitligaphase.

"Felix greift noch mal an und die Türen sind offen", sagt Kermas. Und sofern der MSC in seinen verbleibenden Heimspielen umsetzt, was im Auswärtsspitzenspiel beim schärfsten Aufstiegsrivalen in Mannheim so gut gelungen war, bleibt die zweite Liga womöglich ein Durchgangsstadium - für Reuß und den MSC.