Hockey:Finde die Lücke

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Hockey: Roger Zeißner versucht, die Hallenzeiten des ESV München zu koordinieren - das Hauptproblem daran ist die expandierende Hockeyabteilung.

Roger Zeißner versucht, die Hallenzeiten des ESV München zu koordinieren - das Hauptproblem daran ist die expandierende Hockeyabteilung.

(Foto: oh)

Hockey boomt in München - das bringt den ESV an Grenzen

Von Maximilian Ferstl

Ziel des Computer-Spiels Tetris ist es, die Spielsteine, die auf dem Bildschirm von oben nach unten wandern, möglichst lückenlos anzuordnen. Die Steine wandern immer schneller, früher oder später entstehen Lücken. Dem Spieler geht der Platz aus. Roger Zeißner, der Geschäftsführer des ESV München, kennt dieses Gefühl. Auch er schiebt derzeit viel herum. Keine Spielsteine, sondern die Hallenzeiten der Abteilungen. Das erinnert ihn an: "Tetris". Zeißner muss viele Sportler auf wenig Platz verteilen. "Die Hallensituation im Münchner Westen ist schwierig. Wir stoßen an unsere Kapazitätsgrenze." Als besonders sperriger Spielstein erweist sich gerade die Hockeyabteilung.

Diese hat mittlerweile mehr als 500 Mitglieder, 370 sind Kinder und Jugendliche. Die Mädchen (U14) gewannen im September die bayerische Meisterschaft, der männliche Nachwuchs (U12) wurde Zweiter. Für das Wintertraining haben sich rund einhundert Kinder zwischen vier und sechs Jahren angemeldet. "Die Halle ist bumsvoll", meint Zeißner, in dessen Leben sich viel um Hockey dreht. Er leitet das Kindertraining des ESV, ist zudem Jugendwart beim Bayerischen Hockey-Verband.

Freilich hat der ESV da ein Luxusproblem. Früher, vor dem Umzug an die neue Anlage an der Margarethe-Danzi-Straße, gab es eine Männermannschaft und "alle Schaltjahre eine Jugendmannschaft", wie Zeißner sagt. Die einst "verträumte Hockeyabteilung" ist aber aufgewacht, sie hat drei Erwachsenen- und 13 Jugendteams. Der Hockeyabteilung geht es gut, fast ein bisschen zu gut. "Die Leute rennen uns die Bude ein", sagt Zeißner. Wer Mitglied werden will, kommt auf die Warteliste.

Der Aufschwung hängt mit der Entwicklung des Stadtteils zusammen, glaubt der Geschäftsführer. In den vergangenen zehn Jahren sei "eine finanzkräftige Klientel" in das feine Neuhausen-Nymphenburg gezogen. Die meisten störe weder der "leicht elitäre Touch", der an Hockey hafte, noch der Monatsbeitrag von 25 Euro. Zum Vergleich: Fußball kostet im Monat nur sechs. "Wir haben einen Standortvorteil", findet Zeißner. Den müsse man nun nutzen. Es wurde investiert, unter anderem in Dirk Wagner, einen hauptamtlichen Trainer.

Der Fall des ESV München zeigt: Hockey ist im Aufwind. Bayernweit steigen die Mitgliederzahlen. Zwar nicht überall so explosionsartig, aber dafür stetig; von 8000 im Jahr 2009 auf heute 9200. Viele, die anfangen, sind Kinder und Jugendliche. "Hockey ist interessant geworden", sagt Zeißner. Auch, weil die deutsche Nationalmannschaft bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften erfolgreich war.

Philipp Crone war Teil der Mannschaft, die 2002 und 2006 die Weltmeisterschaft gewann. Crone leitet heute die Hockeyabteilung des HLC Rot-Weiß München. Er berichtet, dass die Abteilung in den vergangenen zehn Jahren "um 30 bis 40 Prozent" gewachsen sei. Crone hat auch bemerkt: "Viele Vereine haben die Infrastruktur verbessert. Fast alle besitzen einen eigenen Kunstrasenplatz. Häufiger stellt sich die Frage nach einem zweiten Platz." Was verleiht Hockey diese Anziehungskraft?

Zeißner sagt: "Es unterscheidet sich von Fußball." Crone sagt: "Die Verletzungsgefahr ist wesentlich geringer." Beide sagen: "Der Umgang miteinander ist ein anderer." Hockey in die elitäre Ecke zu stellen, wäre aber "ein großer Fehler", glaubt Crone: In München sei das Gegenteil der Fall. "Nur in den reichen Hamburger Klubs wird das Elitäre noch gelebt."

Dort sitzen die Traditionsvereine, die regelmäßig auch den deutschen Meister stellen. In der Bundesliga gibt es nur zwei bayerische Teams: Die Männer des Nürnberger HTC und die Frauen des Münchner SC, die vergangene Saison Zweite wurden. Zeißner ist sich sicher: "Das wird sich so schnell nicht ändern." Die Sponsorensuche gestalte sich schwierig, trotz des Zulaufs in der Breite. Die Auswärtsfahrten sind im weitläufigen Bayern kostspieliger als im dicht besiedelten Nordrhein-Westfalen, wo es die meisten Hockeyspieler gibt. Der ESV will mittelfristig ("in fünf bis zehn Jahren") in die Regionalliga aufsteigen, "mit den Frauen vielleicht in die zweite Liga".

Im Moment hat Zeißner drängendere Probleme. Der ESV will die bestehende Dreifachhalle erweitern, gerade verhandelt man mit der Stadt München. Der Ausbau würde zehn Millionen Euro kosten und dem Gesamtverein Raum für 1500 weitere Mitglieder bieten. Platz könnte Zeißner, der Tetris-Spieler, allzu gut gebrauchen.

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