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Hockey:Auf der Wartebank

Philin Bolle MSC 3 am Ball Freisteller Ganzkörper Einzelbild Aktion Action 14 09 2019 Man; Hockey

Im Spiel gegen Mannheim: Philin Bolle.

(Foto: Oliver Zimmermann/imago images)

Die Pandemie stellt die Karriereplanung von Nachwuchs-Nationalspielern im Hockey auf eine harte Probe - zwei Beispiele sind Schellinger und Bolle vom Münchner SC.

Von Katrin Freiburghaus

Die Hockey-Bundesligen hangeln sich derzeit im Verordnungslabyrinth von Spieltag zu Spieltag: Was erlaubt ist und wer unter welchen Bedingungen wo übernachten darf, schwankt nicht nur von Bundesland zu Bundesland, sondern auch von Woche zu Woche. "Wir haben sicherheitshalber das ganze Team durchtesten lassen, damit wir beim Auswärtsspiel in Berlin auch übernachten dürfen", sagt Patrick Fritsche, Trainer der Zweitliga-Männer vom Münchner Sportclub. Sowohl München als auch Teile Berlins überschreiten kritische Werte für Neuinfektionen mit dem Coronavirus.

Fritsche ist neben seiner Tätigkeit beim MSC auch Münchner Stützpunkttrainer für Kaderathleten. Während der 31-Jährige Terminprobleme oder drohende Spielabsagen im Bundesligabetrieb also eher aus der Perspektive des Betroffenen erlebt, muss er sich damit am Stützpunkt in gestaltender Rolle auseinandersetzen. Hockey bleibt auch auf hohem Niveau Amateursport. Ein Amateursport, der viel Zeit in Anspruch nimmt. So trainieren Nationalspieler täglich - doch derzeit gehen ihnen die Ziele aus. "Man läuft Gefahr, dass einem diese Leute abhanden kommen, wenn wir ihnen nicht erklären können, wofür sie eigentlich trainieren", sagt Fritsche.

Phillip Holzmüller beispielsweise hat seinen Ausbildungbeginn verschoben, um während eines Freiwilligen Sozialen Jahres beim MSC mehr Zeit für Hockey zu haben. "Aber alle Maßnahmen, die wir in diesem Jahr in anderen Ländern gehabt hätten, wurden abgesagt", sagt der U-21-Nationalspieler. Noch ärger in der Luft hängen sein Teamkollege Christian Schellinger und Erstligaspielerin Philin Bolle von den MSC-Frauen: Beide sind der U21 im vergangenen Sommer entwachsen und fallen damit eigentlich aus dem deutschen Fördersystem heraus. "Sie fallen durchs Raster, wenn man die Nominierungslisten anschaut", sagt Fritsche, "aber nicht intern."

Beide trainierten für ihre Chance nach den Olympischen Spielen, was weniger paradox ist, als es klingt. Nach Olympia werden im Hockey die Karten neu gemischt - die Nationalteams verjüngen sich dann meist drastisch. Mit der Verschiebung der Spiele in Tokio wurde für Schellinger und Bolle somit auch der mögliche Sprung in den A-Kader verschoben. "Die Spieler werden da ein Jahr lang auf eine Wartebank gesetzt", sagt Fritsche, der seine Aufgabe nun darin sieht, "dass sie trotzdem weiter investieren".

Für diese Zwecke wurde ein Perspektiv-Kader gebildet, in dem derzeit alle aufgefangen werden, die noch nicht im A-Kader stehen, aber auch keine Möglichkeit haben, sich dafür zu empfehlen, weil alle internationalen Begegnungen abgesagt oder verschoben sind. In vielen Videokonferenzen versuchten die Bundestrainer im Frühjahr, den Kontakt zu ersetzen, den sonst Lehrgänge bieten. Bolle ist nun zumindest für einen A-Kader-Lehrgang im November nominiert. Ob der stattfinden kann, ist allerdings ebenso fraglich wie die Austragung des Nahziels von Holzmüller. Im Herbst 2021 soll im von der Pandemie schwer getroffenen Indien eine U-21-Weltmeisterschaft gespielt werden. "Ich trainiere darauf trotzdem erst mal hin und plane damit", sagt Holzmüller.

Neben stetigem Austausch mit den Athleten werde sich der Deutsche Hockey-Bund in den kommenden Monaten auch mehr der Frage widmen, wie er unter den gegebenen Umständen bei der dualen Karriereplanung helfen könne, sagt Fritsche. Die Auswirkungen der Pandemie sind in diesem Bereich besonders komplex. "Man überlegt sich momentan schon, ob es moralisch überhaupt vertretbar ist, quer durchs Land zu reisen", sagt Bolle.

Während die Teilnahme an DHB-Lehrgängen und Bundesliga-Spielen bei steigenden Infektionszahlen zunehmend zu einer Gewissensfrage wird, entspannt sich die Ausbildungssituation aber sogar etwas. Bolle studiert Grundschullehramt und hat weniger Präsenzpflicht. "Wir bekommen Videos, und die kann ich mir um die Trainingszeiten legen", sagt sie, "das macht es für mich einfacher." Ihre Prioritäten hätten sich nicht verändert. Auch Holzmüller sagt: "Aufhören war nie ein Thema." Der Sichtkontakt zu ihren Zielen ist also noch da.

© SZ vom 17.10.2020

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