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Handball:Eingefroren

Libor Hanisch ( 7 Dessau-Rosslauer HV 06), Julian Prause ( 27 TuS Fuerstenfeldbruck), Benedikt Hagitte ( 34 TuS Fuerste; Julian Prause

Lange bestimmten die Fürstenfeldbrucker Gäste das Spiel, auch weil Kreisläufer Julian Prause seine Chancen immer wieder eiskalt nutzte.

(Foto: Hartmut Bösener/Imago)

Zweitliga-Aufsteiger TuS Fürstenfeldbruck verpasst den ersten Punktgewinn: In Dessau ist die Mannschaft zwar besser, unterliegt aber dennoch. Trainer Wild glaubt trotzdem, dass sein Team in der Liga angekommen ist.

Von Ralf Tögel, Fürstenfeldbruck

Es war die passende Pointe nach dem spannenden Spielverlauf: 13 Sekündchen zeigte die Zeitnahme noch an, da trat Falk Kolodziej beim Stand von 24:25 Toren zum Siebenmeter an - die Chance zum Ausgleich für die Handballer des TuS Fürstenfeldbruck, zum ersten Punkt in der zweiten Bundesliga seit fast drei Jahrzehnten. Lange hatten sie in Dessau-Roßlau geführt, mindestens ein bisschen wie der Sieger ausgesehen, um dann den Gegner durch ein paar Fehler und Unachtsamkeiten noch herankommen zu lassen, bis der tatsächlich einen 16:20-Rückstand gedreht hatte und nun führte. Also schnappte sich Kolodziej den Ball, täuschte an, warf, Dessaus Torhüter Philip Ambrosius bekam die Finger an den Ball - und der klatschte an den Pfosten. Hier eingefrorene Fürstenfeldbrucker, dort jubelnd umherhüpfende Dessauer, Schlusssirene, Aus, Spiel verloren, Punkte weg.

Eigentlich wollte Martin Wild im Bus ein bisschen schlafen, schließlich musste er am Donnerstag wieder in die Schule. Wild ist nicht nur Trainer des TuS, er ist auch Sportlehrer an einem Münchner Gymnasium. Mit Sebastian Meinzer war er dem Team mit dem Zug nachgereist, weil er vormittags Schule hatte. Meinzer ist nicht nur Rückraumspieler beim TuS, er ist auch Zahnarzt, hatte sich einen Tag Urlaub genommen, aber für einen Kollegen einspringen müssen. Nicht einmal eine Stunde nach dem Spiel saßen beide schon wieder im Bus auf der Heimreise, das Schlafen blieb ein Wunsch. So ein Spiel bekommt man nicht so schnell aus dem Kopf. Der TuS bleibt abgeschlagener Letzter in der zweiten Bundesliga, vier Spiele, vier Niederlagen. In den ersten beiden Partien gegen Eisenach und Gummersbach, Profiteams mit bekannten Namen in der deutschen Handballszene, waren die Brucker chancenlos, es war ja auch nicht zu erwarten, dass der Aufsteiger aus dem Süden gleich die Liga rockt. Aber diese Niederlagen waren doch desillusionierend. Dann kam Wilhelmshaven in die Wittelsbacher Halle, ebenfalls Aufsteiger, aber deutlich reicher, und dieses Mal war der TuS beim 27:30 schon nahe dran. Die eingehende Analyse hatte Wild Zuversicht gegeben vor der Fahrt nach Sachsen-Anhalt, der Dessau-Roßlauer HV ist ebenfalls Aufsteiger, auch besser alimentiert als Bruck, was nicht schwer ist. Gegen Wilhelmshaven hatte der Trainer vor Wochenfrist erstmals in der jungen Spielzeit die altbekannten Tugenden erkannt: großen Kampfgeist und viel Einsatz in einer bissigen, offensiven Abwehr, daraus resultierende Ballgewinne und einfache Tore. Und der TuS setzte den Aufwärtstrend fort: "Wir waren 45 Minuten klar besser", so Wild, "das war die Abwehr, wie wir sie spielen wollen."

Was zu Saisonbeginn nicht gelang, Wild fand eine verkehrte Welt vor. Die Abwehr, Prunkstück der vergangenen Jahre, wurde von den Gegnern mühelos passiert. Was natürlich damit zu tun hatte, dass Gummersbach und Eisenach riesige Kraftpakete an den Start schickten, im Vergleich wirkten die Brucker fast zart. Wohingegen das Offensivspiel passabel klappte. In Dessau-Roßlau übernahm der TuS nach ausgeglichenem Beginn die Kontrolle, dieses Mal bereitete die Defensive dem Gegner die gewohnten Probleme, der freilich körperlich nicht überlegen war. Und vorne setzten sich die flinken Rückraumspieler ein ums andere Mal durch, allen voran der siebenmalige Torschütze Max Horner. Oder sie setzten Julian Praue am Kreis ein (6 Tore), wobei sich Kolodziej (6) hervortat. "Wir haben sie in lange Angriffe gezwungen und Bälle erkämpft", erklärte Wild sein bevorzugtes Spielmuster. Der Einbruch eine Viertelstunde vor Schluss war schwerer zu erklären: Die Kraft ließ nach, es gab auch ein paar ungünstige Schiedsrichterentscheidungen, unter anderem zwei rote Karten, welche die immerhin 800 Zuschauer reanimierten. Die Hauptschuld aber sah Wild bei seinem Team selbst: "Vielleicht haben wir wieder Lehrgeld bezahlt, vielleicht fehlten die Kraftreserven."

Und ja, "wir sind natürlich enttäuscht, aber ich glaube, wir sind jetzt in der Liga angekommen."

© SZ vom 23.10.2020

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