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Fußball-Landesliga:Beim Barte des Holzfällers

Moosach/Grafing - Türkgücü

Moosachs Ex-Trainer Markus und Florian De Prato (v. li.).

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Moosach hält mit den De Prato-Brüdern den großen Meisterschaftsfavoriten Türkgücü-Ataspor nur 30 Minuten lang auf.

Von Sebastian Leisgang, Moosach

Florian De Prato hat es manchmal nicht leicht. Er ist ein exzellenter Fußballer, nicht umsonst hat er in der vergangenen Saison beim VfR Garching in der Regionalliga gespielt. Das Problem ist nur: Man sieht es ihm nicht unmittelbar an. De Prato misst nur 1,73 Meter, und wenn man ihm gegenübersteht, meint man, selbst diese Angabe sei übertrieben. Er trägt einen kastanienfarbenen Holzfäller-Vollbart und, nun ja - einige Reserven vor sich her.

All das verleitet manchen Beobachter dazu, De Prato bisweilen nicht ernst zu nehmen. So auch an diesem frühen Samstagabend in Moosach. Als De Prato Mitte der ersten Halbzeit des Landesligaspiels gegen den SV Türkgücü-Ataspor München im Mittelfeld einen Ball mit der Brust annehmen will, springt er meterweit davon. "Wuchtiger als ein Kopfball!", höhnt einer. Gelächter in der Runde.

De Prato hat solche Sprüche schon zur Genüge gehört. In aller Regel hat er immer eine Antwort parat - auf dem Platz. Er spielt dann elegante Pässe aus dem Fußgelenk, per Außenrist, oder er tritt einen dieser schnittigen Freistöße, per Innenrist. Meist verstummen die Spötter dann.

An diesem Samstag aber steht De Prato und Moosach ein schier übermächtiger Gegner gegenüber: Türkgücü, der Topfavorit auf die Meisterschaft. Nach der 3:6 (2:3)-Pleite sagt De Prato: "Das ist nicht unsere Kragenweite. Eigentlich gehören sie mindestens in die Bayernliga." De Prato ist seit dieser Saison zurück in Moosach, er ist Co-Spielertrainer und assistiert als solcher seinem Bruder Markus. In der vergangenen Saison in Garching machte sich in der Rückrunde das lädierte Knie bemerkbar. Zudem bot ihm Moosach die Möglichkeit, in der Landesliga ins Trainergeschäft einzusteigen. Und: Neben Markus spielen zwei weitere seiner Brüder beim TSV: Thomas und Christian. Auch sie stehen gegen Türkgücü in der Anfangsformation.

Anfangs erwehrt sich der Familienclan mit seinen Teamkollegen erfolgreich den Angriffen der Gäste aus München. Und nicht nur das: Nach einem Freistoß von Markus De Prato trifft Moosachs Abwehrspieler Markus Teichmann früh zum 1:0 (4.), nach einer halben Stunde legt Ivan Bacak das zweite Tor per Elfmeter nach - und Türkgücüs Torwart, der ehemalige Sechziger Michael Hofmann, ruft über den Platz: "Die kommen zweimal in den Strafraum. Leck mich am Arsch!" Danach aber dominiert Türkgücü die Partie, quasi im Gegenzug erzielt Josip Tomic den Anschlusstreffer (32.), Yasin Yilmaz (37.) und Pablo Pigl (44.) drehen noch vor der Pause das Spiel. Wiederum Yilmaz (53.), Cengiz Ötkün (68.) und Özgür Sütlü (82.) entscheiden es.

Es sind pragmatische Mittel, mit denen Moosach dem Primus zunächst beikommt: Der Aufsteiger ist gut organisiert, giftig im Zweikampf, er spielt auf Konter und ist dabei ungemein effektiv. Dabei widerstrebt dieser destruktive Ansatz eigentlich dem Trainergespann. Die De Pratos wollen selbst aktiv sein, Ballbesitz haben, Takt und Tempo vorgeben. Gegen Türkgücü aber schlägt die Vernunft das Wunschdenken. "Wenn du gegen die Truppe vorne anläufst", erklärt Markus De Prato später, "dann zerlegen sie dich zweistellig. Das muss man ganz klar sagen."

Als Blaupause für die Spielzeit wird die Partie gegen Türkgücü also nicht dienen. "Wir brauchen uns nicht verstecken. Kicken können wir", betont Markus De Prato und erklärt: "Wir wollen in dieser Saison frech und mutig sein - und für Überraschungen sorgen." In diesem Jahr begreifen sie sich in Moosach als gallisches Dorf - auch wenn in Alexander Rojek neben Florian De Prato ein zweiter Garchinger gekommen ist. Die Außenseiterrolle lebt Moosach dennoch, schließlich spielte der Klub 2014/15 noch in der Kreisliga.

Mit bescheidenen Mitteln, Zusammenhalt und ehrlicher Arbeit hat es der TSV bis in die Landesliga Südost gebracht. Nach den Aufstiegen hat das Dorf im Landkreis Ebersberg eine ungemeine Euphorie erfasst. 340 Zuschauer sind zum ersten Heimspiel gegen Türkgücü gekommen, vier- bis fünfmal so viele wie zu Kreisligazeiten. Diese Entwicklung ist eng verbunden mit dem Namen De Prato. Und die Erfolgsgeschichte soll weitergeschrieben werden. Dieses Jahr mit dem Ligaverbleib. "Ich mache mir keine Sorgen", sagt Florian De Prato, "ich glaube, dass wir die Klasse halten werden."

© SZ vom 24.07.2017
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