Eishockey:Gegen alle Rückstände

Eishockey: Gemeinsam einsam: Verteidiger Kenney Morrison war einer von nur 13 Feldspielern, die sich im Spitzenspiel Tabellenführer Kassel (rechts Lukas Laub) entgegen stellten.

Gemeinsam einsam: Verteidiger Kenney Morrison war einer von nur 13 Feldspielern, die sich im Spitzenspiel Tabellenführer Kassel (rechts Lukas Laub) entgegen stellten.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Trotz einer langen Verletztenliste ringen die Tölzer Löwen Tabellenführer Kassel einen Punkt ab. Sorge bereitet dem Zweitligisten der Hauptsponsor. Angeblich wartet der Klub auf eine sechsstellige Summe.

Von Johannes Schnitzler, Bad Tölz/München

Simon Rentel musste zuletzt nicht lange suchen, wenn er einen Co-Kommentator für die Spiele der Tölzer Löwen brauchte. Der Pressesprecher des Eishockey-Zweitligisten, der die Zuschauer des Live-Streams kundig durch die Tölzer Heimspiele führt, brauchte nur auf die Liste der Ausfälle zu schauen: Dort fanden sich Experten zuhauf. Am Dienstag beim Spitzenspiel der DEL 2 gegen Tabellenführer Kassel Huskies war es Luca Tosto. Der 20-Jährige hatte sich zehn Tage zuvor in Kaufbeuren eine Verletzung zugezogen. Nun aber stöhnte er, als spüre er den Schmerz jetzt erst so richtig. 3:0 führten die Hessen nach gerade einmal 15 Minuten, und auch Löwen-Coach Kevin Gaudet gab zu: "Da habe ich gedacht: oh, oh!"

Wer ein Team wie Kassel schlagen wolle, brauche "einen guten Start", erklärte Gaudet. Den hatten die Löwen ganz und gar nicht. Eigentlich begann das Malheur schon vor der Partie. Kapitän Philipp Schlager meldete sich mit Leistenbeschwerden ab, Stürmer Thomas Merl, eben erst nach acht Wochen von einer Covid-Erkrankung genesen, fühlte sich unpässlich. So viele Schreckensnachrichten hatte es zuletzt gehagelt, dass sich Tölzer Pressemeldungen zunehmend wie Frontberichte lasen. Diesmal also saß Tosto neben Rentel am Mikro. Dabei hätten sie den jungen Stürmer, der in dieser Saison schon zwölf Treffer erzielt hat, viel besser unten auf dem Eis gebrauchen können als oben in der Reporterkabine. 13 Feldspieler, darunter erstmals der 18-jährige Anton Engel aus dem U-20-Team, hatte Gaudet noch zur Verfügung, seit Wochen geht das so.

Tölzer "Moralmonster" machen aus 0:3 und 1:4 noch ein 4:4

Dass Tosto sich später noch vor Wonne auf den Oberschenkel haute und Gaudet - "wieder einmal", wie er bemerkte - seinen Stolz auf sein Team bekunden durfte, lag daran, dass das verbliebene Tölzer Häuflein sein Herz in die Hand nahm und aus einem 0:3- und 1:4-Rückstand noch ein 4:4 machte. Zwar verloren die Löwen nach Verlängerung 4:5, aber sie behielten immerhin einen Zähler und verteidigten in der Tabelle, die Punkte pro Spiel auflistet, Platz zwei hinter Kassel. "Das war ein großer Punkt für uns", sagte Gaudet. In der regulären Tabelle belegen die Löwen Rang fünf, mit vier Zählern Rückstand auf den Zweiten Bietigheim, der aber drei Spiele mehr ausgetragen hat. Pressesprecher Rentel beförderte die Tölzer Rumpftruppe in seinem Rapport kurzerhand zum "Moralmonster".

Kassels Kader sei "für die Meisterschaft gebaut", sagte Gaudet, mit ein paar Ausländern mehr könne die Mannschaft von Tim Kehler locker "in der DEL spielen". Dort dürfen neun Ausländer pro Partie eingesetzt werden, elf Lizenzen stehen jedem Klub zu - fast so viele, wie Gaudet überhaupt noch Spieler zur Verfügung hat. Aber die Partie habe gezeigt, "wie gefährlich und effektiv Kevins Mannschaft auch mit einer kurzen Bank ist", lobte Kehler. Löwen-Geschäftsführer Christian Donbeck seufzte: "Was wäre das für ein Spiel mit Zuschauern in der Halle gewesen." Nach dem 4:4 durch Max French (40.) hätte sich die Arena sicher in einen "Hexenkessel" verwandelt. Für die kommenden Tage rechnen Trainer und Manager mit der Rückkehr einiger angeschlagener Spieler, die Lage sollte sich allmählich entspannen.

Ausgerechnet jetzt sickern Meldungen durch, dass Hauptsponsor Wee, der sich unter anderem auch beim dreimaligen deutschen Meister EHC Red Bull München engagiert, mit seinen Zahlungen an Tölz im Rückstand liegen soll. Dem Vernehmen nach steht in der laufenden Saison ein mittlerer sechsstelliger Betrag aus. Auch beim Ligakonkurrenten Lausitzer Füchse kündigte das Unternehmen des gebürtigen Tölzers Cengiz Ehliz, der es im bargeldlosen Zahlungsverkehr mit Global Playern wie Amazon aufnehmen will, Investitionen in Infrastruktur und Namensrechte an. Von dem angeblich in Aussicht gestellten Gesamtvolumen in Höhe von rund 800 000 Euro soll aber seit 2019 nichts in Weißwasser angekommen sein, berichtete die Lausitzer Rundschau vor einigen Tagen. Er könne zu den "Gerüchten aktuell noch keine Stellung nehmen", sagte Löwen-Geschäftsführer Donbeck. "Wir haben unseren Hauptsponsor informiert und warten auf eine aussagekräftige Stellungnahme." SZ-Anfragen ließ das in der Schweiz ansässige Unternehmen am Mittwoch unbeantwortet.

© SZ/sewi
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB