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Clickball:Fräulein Schneesturms Rippe

Tischtennis German Open 2020 am 29.01.2020 in der GETEC-Arene in Magdeburg Sabine Winter *** Table tennis German Open 2

Sabine Winter, hier bei den German Open im Januar 2020 - ihrem bislang letzten internationalen Auftritt im Tischtennis.

(Foto: Revierfoto/imago images)

Um ihre Tischtenniskarriere zu finanzieren, hat Sabine Winter vom TSV Schwabhausen den kuriosen Abstecher in eine andere Sportart gewagt. Die Angst vor einer Blamage war unbegründet - doch nun kommt der Europameisterin eine Verletzung in die Quere.

Von Andreas Liebmann, Schwabhausen

Sie lernte von "The Flash", einem der Besten - wenn auch nur drei Stunden lang. Das musste reichen als Einführung in die neue Sportart. Derart präpariert machte sich die Tischtennis-Europameisterin Sabine Winter kürzlich auf ins britische Coventry, wo sie als "Ms. Blizzard" antrat, übertragen von Sky Sports UK und DAZN, was doch etwas anderes war als die ruckeligen Livestreams, die sonst von der Frauen-Bundesliga zu sehen sind.

Die 28-jährige Profispielerin des TSV Schwabhausen hat einiges erlebt in ihrer Karriere. Auch auf das Abenteuer einer indischen Sommerliga hat sie sich eingelassen, und für ihre verrückten Videos, in denen sie auf Berggipfeln und Baumwipfeln Tischtennis spielt, auf Skiern, Slackline, Einrad, ist sie fast ein bisschen berühmt. Doch auch dieser Ausflug war ein kurioser. Ohne echte Vorbereitung trat Sabine Winter beim "World Ping Pong Masters" an, es ging um mehr als 100 000 Dollar Preisgeld: in einer Sportart, die sich Clickball nennt.

Hinter "The Flash", dem Blitz, verbirgt sich Alexander Flemming. Der Zweitliga-Profi des TV Hilpoltstein hat in dieser Abart des Tischtennis eine beachtliche Zweitkarriere hingelegt. Dreimal wurde er Zweiter der Weltmeisterschaft. Wie bei Sabine Winter auch, befinden sich auf seinem Tischtennisholz sonst Hightech-Gummis mit Kautschuk-Schwämmen, das Zusammenspiel aus Griffigkeit, Oberflächenspannung, Härtegrad und Katapulteffekten ist eine Wissenschaft für sich. Beim Clickball bekommt jeder den gleichen Schläger - der mit Sandpapier beklebt ist. "Es sieht für den Laien schon ähnlich wie Tischtennis aus", berichtet Winter. Aber ohne die gewohnte Rotation fühlt es sich anders an. "Am Anfang war ich unfassbar langsam." Die Umstellung sei ähnlich gravierend, als spiele man mit der falschen Hand. Aber sie lernte schnell.

Nicht Abenteuerlust, sondern die Geldnot ihres Verbandes bewegten sie dazu, sich beim Masters in Coventry zu versuchen

Seit 2013 wird Clickball in Deutschland betrieben, und auch wenn es eine Art Nische in der Nische ist, macht die Sportart eine erstaunliche Karriere. In China ist das Interesse riesig, die WM findet stets im Londoner Alexandra Palace statt - wie die Darts-WM. Und genau wie im Darts wird auch um Clickball eine große Show inszeniert, zumindest vor der Corona-Pandemie.

Es war allerdings weder Langeweile noch Abenteuerlust, die Sabine Winter zum Clickball trieb - sondern die Geldnot des Deutschen Tischtennis-Bunds (DTTB). Der hatte die langjährige Nationalspielerin und Doppel-Europameisterin von 2013 und 2016 nämlich davon in Kenntnis gesetzt, dass er ihr zurzeit keine Turniere finanzieren könne. Das Geld ist knapp, die Turnierkosten sind hoch, und weil nur Vielspieler international vorankommen, müsse sich der Verband auf die Kandidaten für die Olympischen Spiele in Tokio konzentrieren, erklärt Winter. Sie kann das nachvollziehen. "Der DTTB muss schauen, dass er bei Olympia gut abschneidet", nur dann gebe es für alle mehr Geld. Sie selbst hatte ihre internationale Karriere auf Eis gelegt wegen einer Schulterverletzung, von ehemals Rang 36 sank sie in der Weltrangliste auf 126, ehe das Ranking wegen der Pandemie eingefroren wurde. Nun will sie wieder angreifen, nicht nur in der Liga, wo sie als einzige ungeschlagen ist. Doch so viele Weltcups, wie sie bräuchte, um auch international wieder durchzustarten, kann sie aus eigener Tasche nicht bezahlen. Für Tokio kommt sie nicht in Betracht. Das Ziel der in Seefeld-Hechendorf (Kreis Starnberg) aufgewachsenen Schwabhauserin ist es, sich für die European Championships 2022 in München zu empfehlen. Sie zählt zu jenen Lokalmatadoren der "Class of 22", mit denen die Organisatoren ihre Multi-EM in neun Sportarten bewerben.

Winter hatte die unverhoffte Einladung zum Clickball-Masters bereits ausgeschlagen, als die schlechte Nachricht vom DTTB kam. Sie hatte vorgehabt, im März an zwei Tischtennisturnieren in Katar teilzunehmen, Kosten für Flug und Hotel: 4000 US-Dollar. Beim Clickball hätte sie mindestens 3000 Dollar Prämie verdient, weil sie wegen ihres Namens und als einzige Frau zwischen 23 männlichen Teilnehmern fürs Achtelfinale gesetzt worden wäre. Zu verlieren hatte sie ja nichts, nur etwas Bammel davor, sich zu blamieren. Also sagte sie doch noch zu.

Ihr rätselhafter Rippenbruch gefährdet nun die Reise nach Katar. Ihr Clickball-Ausflug war trotzdem nicht vergeblich

Auf zehn Stunden Training kam das Fräulein Schneesturm (Ms. Blizzard) letztlich sogar, ehe es losging, und die Blamage in der Bubble von Coventry blieb aus: Im Achtelfinale bezwang sie einen Franzosen namens Bryan Aiglemon, im Viertelfinale unterlag sie dem viermaligen Weltmeister Andrew Baggaley, der das Endspiel um 25 000 Dollar Siegprämie gegen "Flash" Flemming verlor. Winter nahm exakt 4000 Dollar mit nach Hause - für Katar sah das nach einer Punktlandung aus.

Ihr Abstecher ist nun allerdings einige Wochen her. Kommenden Mittwoch soll ihr Flieger in die Wüste starten - und zuletzt war gar nicht klar, ob sie ihn nehmen kann. Denn der Ligaalltag hat Sabine Winter noch nicht zurück. Sie hat sich eine Rippe gebrochen, sie wisse selbst nicht wobei. Deshalb wurde die Ursache ihrer Schmerzen auch erst spät entdeckt. Schwabhausens Partie in Langstadt vor Wochenfrist versäumte sie, auch diesen Sonntag gegen ihren Ex-Klub Kolbermoor muss sie wohl aussetzen. "Blöd gelaufen", sagt sie. In Katar will sie es nun trotzdem probieren, mit Schmerzmitteln und ohne Training. Ihr Geld hätte sie ohnehin nicht zurückerhalten.

Umsonst wäre der Ausflug nach Coventry trotzdem nicht gewesen. Denn am Clickball hat sie Gefallen gefunden. Mal eine WM mit Zuschauern und Stimmung mitzuerleben, "das würde mich schon reizen". Vermutlich dann mit etwas mehr Vorbereitung.

© SZ/sjo
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