Boxen Irgendwas mit Sternchen

Von Sonntag an kämpft Alina Popp in Sofia um eine EM-Medaille. Die 16-Jährige aus München will Profi werden. Wenn das nicht klappen sollte, hat sie einen Plan B: Astrophysik.

Von Marcel Bothe

"Oberkörper, Oberkörper", ruft Pavlica Steko in die schwitzende Menge. "Bewegen, bewegen!" Steko geht auf und ab, er droht: "Wer getroffen wird, macht Liegestütze!" Vor ihm sind etwa dreißig junge Boxer, sie bewegen ihre Oberkörper, sie machen keine Liegestütze, und Steko mahnt: "Keine Doppeldeckung, aktiv sein, Alina!" Alina, mit Nachnamen Popp, hat er besonders im Auge, sie ist es, die mit ihrer Trainingspartnerin die Übungen vormacht, an sechs Tagen in der Woche. Auch, "wenn ich vier oder fünf Klausuren die Woche habe", wie sie sagt: Sie kommt zum Training. Popp arbeitet dann an Kombinationen, linke Gerade, rechter Haken; Gerade, Gerade, Haken. Und versucht, aktiv zu sein. Die Klausuren schreibt sie allerdings nicht an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), auch nicht an der Technischen Universität (TU), sondern am Willi-Graf-Gymnasium im Norden Münchens.

Alina Popp geht noch zur Schule, sie ist 16, nächstes Jahr macht sie ihr Abitur. Dann ist sie 17 und steht vor einer entscheidenden Frage: Konzentriert sie sich aufs Boxen, strebt sie eine Profikarriere an, oder widmet sie sich der Erforschung von Himmelserscheinungen? "Es kommt drauf an, wie es läuft", sagt Popp ein Jahr vor dieser Entscheidung. Wenn es "sehr, sehr gut" laufe mit dem Boxen, strebe sie die Sportkarriere an, aber sie plane eher mit den Himmelserscheinungen. "Ich bin sehr interessiert an Astrophysik", erklärt sie. Ein Studium sei denkbar, und das Boxen könne sie ja parallel betreiben. Dass sie in diese Zwickmühle gerät, daran ist sie selbst schuld, denn ihre jüngsten Erfolgen sprechen für sich: 2016 wurde sie Internationale Deutsche Meisterin, nun hat sie sich für die Europameisterschaft in Sofia (2.-10. Juli) qualifiziert, ihre Gesamtbilanz: Acht Kämpfe, acht Siege, drei davon durch technischen K.o. - so heißt es im Boxen, wenn die Gegner Sternchen sehen.

Acht Kämpfe, acht Siege, drei davon durch technischen K.o: "Sie ist physisch unglaublich stark, auch technisch", sagt ihr Trainer Pavlica Steko über Alina Popp.

(Foto: Robert Haas)

Beim Kampf um die Internationale Deutsche Meisterschaft machte sie von Beginn an Druck, traf präzise, dominierte ihre Gegnerin Emmi Daniels, mit 20 Kämpfen zu diesem Zeitpunkt deutlich erfahrener als Popp (es war ihr fünfter Kampf), bis der Ringrichter den Kampf in Runde drei beendete. Popp spricht nüchtern, klar in ihren Gedanken, doch wenn sie von diesem Triumph berichtet, hebt sich ihre Stimme. "Ich war total überrascht, als mein Trainer gesagt hat: ,Es ist vorbei!' Das war total komisch". Ihre Stimme senkt sich wieder, sie spricht über den Sieg mit einer Erleichterung, als hätte sie damals eine Eins in Mathe bekommen, nach langem Lernen: "Als es vorbei war, war ich überglücklich. Ich habe mich monatelang darauf vorbereitet."

Bis zu diesem Erlebnis hatte Popp einen langen Weg der Orientierung hinter sich gebracht und alle möglichen Sportarten ausprobiert, Schwimmen, Leichtathletik, Reiten, "ich bin nirgendwo länger geblieben als zwei Jahre", auch nicht beim Volleyball und Tanzen. Wichtig war ihr, Wettkämpfe zu haben, sich messen zu können, beim Schwimmen zum Beispiel gab es aber "nur ein Mal im Jahr Vereinsmeisterschaften", erzählt Popp, "das war mir zu wenig." Sie war auf der Suche nach dem einen Sport, den sie für längere Zeit ausüben könnte, länger als zwei Jahre. Und dann stellte ihr Vater im Keller einen Sandsack auf. "Er war früher Kickboxer", erklärt Popp, "später hat er wieder angefangen, aus Fitnessgründen." Sie probierte ein paar Dinge am Boxsack aus, es gefiel ihr, der Vater meldete sie im Boxverein an.

„Die Olympischen Spiele 2020 in Japan halte ich für realistisch, wenn es so weitergeht.“

Pavlica Steko, Trainer von Alina Popp, der Christine Theiss zur Weltmeisterin im Kickboxen formte.

Drei Jahre ist das nun her, die magische Zweijahresgrenze hat Popp also schon überschritten. Seither habe sie sich "gut entwickelt", meint ihr Trainer Pavlica Steko, der Mann in der schwitzenden Menge. "Sie ist physisch unglaublich stark, auch technisch", sagt Steko, der zusammen mit seinem Bruder Mladen Petko's Fight Night veranstaltet, Deutschlands größte Kickbox-Veranstaltung, und bereits Weltmeister wie Christine Theiss oder Florian Pavic trainierte. Er sagt aber auch: "Sie muss noch an ihrer Schnelligkeit arbeiten, an ihrer Explosivkraft." Der Trainer setzt auf eine solide Grundausbildung, entgegen der "Modeerscheinung in München, dass jeder Profiboxer wird, der nicht mal bayerischer Meister war", wie Steko sagt. "Am Anfang kriegt man Fallobst-Gegner, dann meint man, wie toll man ist, aber irgendwann holt einen das ein." Auch Popp fing unten an, gewann ihren ersten Kampf beim Festzeltboxen vor zwei Jahren, auch die folgenden sieben Kämpfe gewann sie. Sie bildet sich darauf aber nichts ein, bei der EM etwa hoffe sie natürlich auf eine Medaille, sie weiß aber auch, "dass das noch mal eine Nummer härter ist". Die Boxer aus Ungarn zum Beispiel würden "viel mehr vom Staat unterstützt", das sehe man an der Ausrüstung, sie bekämen "Socken, alles Mögliche". In Deutschland hingegen gebe es nur einen Trainingsanzug und ein T-Shirt gestellt. Ob es mit einer Medaille klappt, hänge auch von der Tagesform ab, "schau mer mal", sagt Popp. Ihr Trainer ist da schon bestimmter: "Wenn wir unter die ersten Drei kommen, wäre ich sehr stolz", sagt Steko, schränkt aber ein: "Das wäre ja der Wahnsinn." Auch für die Zukunft formuliert Steko forscher als Popp. Das Ziel sei klar, sagt er: "Japan 2020." Die Olympischen Spiele "halte ich für realistisch, wenn es so weitergeht". Dann wäre Popp in der Boxszene so etwas, was man heute Star nennt, ein Stern. Und damit wäre sie in gewisser Weise auch in der Astrophysik angelangt.