Boule Bis zur letzten Kugel

Die Sau im Blick: Luzia Beil und Christian Faimann beim Turnier im Münchner Hofgarten.

(Foto: Christian Kunz)

Frankreich im Herzen Münchens: Das Hofgarten-Turnier vereint 328 Teams aus aller Welt. 2024 soll der Sport olympisch werden.

Von Raphael Weiss

Mehr als 1000 Augen sind auf die 17-jährige Luzia Beil gerichtet. Sie kennt den steinigen Boden des Münchner Hofgartens eigentlich auswendig. Fast jeden Tag ist sie hier, aber jetzt schaut sie skeptisch auf die kleinen Steine, untersucht jede Unebenheit. Dann endlich schwingt sie ihren rechten Arm nach hinten, verdreht den ganzen Körper, schwingt den Arm nach vorne durch und lässt die Metallkugel aus ihrer Hand fliegen. Klack! Tosender Applaus. Ihre Boule-Kugel hat die des französischen Nationalspielers Phillippe Jankowsky weggeschossen und liegt nun an deren Platz. Die "Carreaux sur place", wie der Kenner sagt, sichert Luzia Beil und ihrem Partner Christian Faimann, 23, die Chance, ins Finale des 35. Münchner Hofgarten-Turniers einzuziehen.

Den Sieg holen sich, na klar, Philippe Jankowsky und Richard Aubert, zwei Franzosen

328 Mannschaften auf aller Welt spielen um den Sieg. Ursprünglich kommt Boule aus Frankreich, und bis heute wird es vor allem dort gespielt: "In Frankreich gehört es praktisch zum guten Ton, seine Kugeln überall hin mitzunehmen", sagt Jugend-Nationaltrainerin Stefanie Schwarzbach. Boule wird auf Schotter gespielt. Die Spieler stehen in einem Kreis und versuchen, Metallkugeln so nah wie möglich an die "Sau" zu werfen, einen kleinen Holzball, der zwischen sechs und zehn Meter entfernt liegt. Die Mannschaft, die am Ende mit mindestens einer Metallkugel am dichtesten an der Sau liegt, bekommt Punkte. Ein Spiel geht bis 13.

Es gibt keinen passenderen Ort für dieses Turnier als den Hofgarten, den Ruhepol in der Münchner Innenstadt. Außerhalb seiner Tore zwängen sich Touristenmassen über den Odeonsplatz, Teenager stehen Schlange, um 4,70 Euro für einen Frappuccino auszugeben. Drinnen werfen auf mehr als 70 Spielfeldern Männer mit Trikots über runden Bäuchen und schnittigen Sportsonnenbrillen stoisch Metallkugeln durch die Luft. Zuschauer sitzen auf Bänken, kommentieren die Würfe oder nicken einfach nur anerkennend.

Das Klischee des Altherrensports wird spätestens am zweiten Wettkampftag obsolet. Je weiter das Turnier fortschreitet, desto seltener sieht man in der freien Hand der Athleten ein Bier oder eine Zigarette. Im Achtelfinale stehen fast nur noch junge Spieler. Eine der wenigen Ausnahmen: die Franzosen Philippe Jankowsky, 34, und Richard Aubert, 64 - die Halbfinalgegner von Beil und Faimann. "Wir Jungen können uns einfach länger konzentrieren. Das ist ein großer Vorteil bei so einem Turnier", sagt Faimann. Er und seine Partnerin sind deutsche Nationalspieler, haben je drei deutsche Meisterschaften gewonnen. Schwarzbach, die Luzia Beil seit vier Jahren trainiert, sagt ihr eine lange Karriere in der Nationalmannschaft voraus: "Die wird in den nächsten Jahren alles wegräumen."

Dass die Trainerin der Jugendnationalmannschaft in München wohnt, ist naheliegend: Fünf ihrer besten Spieler wohnen in der Landeshauptstadt und werden vielleicht eines Tages olympisches Gold holen. Denn Boule soll olympisch werden. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Der Sport ist bei den World Games vertreten, der Plattform für etwaige neue Disziplinen. 2024, wenn die Olympischen Spiele voraussichtlich in Paris stattfinden, soll auch die französischste aller Sportarten olympisch werden.

Wie bestellt wehen vom Odeonsplatz die Klänge der Münchner Philharmoniker heran. Das Turnier könnte einem Imagefilm für die deutsch-französische Freundschaft entstammen. Es gibt Bratwurst und Crêpes, die Zuschauer trinken Bier und Pastis, sie reden über Merkel und Macron.

Die Halbfinals finden parallel statt. Mehr als 500 Zuschauer schauen Beil und Faimann zu, eine ungewohnte Kulisse. Selbst Meisterschaftsspiele sehen oft nur eine Handvoll Menschen. Während sich Thorsten Lay, 26, und Manuel Strokosch, 23, im anderen Halbfinale souverän durchsetzen, stemmen sich Beil und Faimann gegen den Sieg der Franzosen. Sie liegen 5:11 zurück und haben alle Bälle geworfen. Aubert hat noch zwei. Auf dem Weg zum Wurfkreis spuckt er sich in die Hand, wiegt in ihr seine Kugel und stellt sich in den Kreis. Sein Arm geht langsam zurück, mechanisch, routiniert. Klack. Die Kugel von Beil fliegt weg. Auberts nächster Wurf landet direkt neben der Sau. Das Spiel ist aus.

Aubert und Jankowsky, der vom Publikum fast ehrfurchtsvoll "Maschine" oder "Tier" genannt wird, holen sich den Turniersieg und das Preisgeld. Für Aubert ist es bei seiner vierten Teilnahme der zweite Sieg im Hofgarten. Er sagt: "Hier ist eine wunderschöne Atmosphäre, gute Spieler, man hört Musik, und Kohle gibt es auch noch." Voilà.