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Basketball:Zuverlässig wie ein Volvo

Basketball, BBL, 20201122, FC Bayern München - MHP Riesen Ludwigsburg Im Bild Nick WEILER-BABB (FC Bayern München, 0) Pa; Basketball

Strapazierfähig und pflegeleicht: Zugang Nick Weiler-Babb (rechts) hat sich dank seiner Vielseitigkeit bereits einen Stammplatz bei den FC-Bayern-Basketballern gesichert.

(Foto: Markus Fischer/imago)

"Er könnte jedes Mal 40 Minuten spielen": Nick Weiler-Babb hat sich zum Arbeitstier der FC-Bayern-Basketballer entwickelt: Kaum einer ist so vielseitig, kein anderer ackert so lange auf dem Feld wie der 24-jährige Guard.

Von Joachim Mölter

Das erste Wiedersehen nach einer Trennung ist oft heikel, selbst wenn man im Guten auseinandergegangen ist. Man ist etwas nervös, man will dem ehemaligen Partner ja zeigen, dass man es nun besser hat. Dem Basketballprofi Nick Weiler-Babb ging es nicht anders, als er am Sonntagabend mit seinen neuen Kollegen vom FC Bayern München auf seinen ehemaligen Klub getroffen ist, die MHP Riesen Ludwigsburg. Den ersten Freiwurf setzte der Amerikaner gleich daneben, den ersten Zweier auch, den ersten Dreier ebenso. Aber je länger die Partie dauerte, desto sicherer wurde der 1,96 Meter große Guard, und am Ende hatte er deutlich demonstriert, wie viel besser er es jetzt hat. Am dritten Bundesliga-Spieltag gewannen die Basketballer des FC Bayern zum dritten Mal, zum 93:70 (38:38) hatte Weiler-Babb zehn Punkte, neun Rebounds und fünf Vorlagen beigesteuert. Es war eine typische Allround-Leistung für ihn: Er war nirgendwo der Beste, aber immer mit dabei.

Die Münchner hatten den in Topeka/ Kansas geborenen und in Arlington/Texas aufgewachsenen Weiler-Babb schon vor einem Jahr verpflichten wollen, erzählte Sportdirektor Daniele Baiesi vor dieser Saison: Während der Summer League der amerikanischen Profiliga NBA in Las Vegas habe er sich mit ihm über ein längerfristiges Engagement unterhalten. Doch Weiler-Babb nahm lieber das Angebot aus Ludwigsburg an, um nach vier Jahren Amateur-Dasein auf dem College eine Profilaufbahn einzuschlagen. "Es war eine gute Ausgangsposition für mich", findet er. In Ludwigsburg konnte er sich ohne großen Druck und ohne große Erwartungen an die Spielweise in Europa gewöhnen, Trainer John Patrick gewährte ihm viel Einsatzzeit, und speziell dessen Fokus auf intensive Abwehrarbeit "hat mir sehr viel geholfen", findet Weiler-Babb.

John Patrick gilt ja als strenger Coach, der junge Spieler fördern und weiterentwickeln kann. Aber er sei bei weitem nicht so fordernd wie sein Münchner Kollege Andrea Trinchieri, vergleicht Weiler-Babb. "John Patrick verlangt viel von Dir, aber er schreit dich nicht an. Er ist wie ein Lehrer", sagt er, "Trinchieri ist eher ein Schreihals, er wird richtig laut." Auch er habe schon häufig was zu hören bekommen, berichtet Weiler-Babb, aber der Coach gehe mit allen gleich hart ins Gericht, wenn sie's ihm nicht recht machen. "Ich bin noch jung", sagt der 24-Jährige, "ich habe noch viel zu lernen, und der Coach treibt mich dazu an."

"Er nutzt seine Pferdestärken gar nicht komplett aus", findet der Trainer Andrea Trinchieri

Andrea Trinchieri hält sehr viel von dem vielseitigen Amerikaner, das sieht man schon daran, wie lange der sich auf dem Spielfeld rumtreiben darf. Weiler-Babb ist einer von drei Bayern-Profis, die in allen der bislang 16 Pflichtspiele dabei waren, neben Paul Zipser und Zan Sisko. Aber selbst die beiden haben sich in Euroleague, Pokal und Bundesliga nicht so viele Minuten austoben dürfen wie Weiler-Babb. Er ist so etwas wie das Arbeitspferd der Münchner, durchschnittlich knapp 23 Minuten ackert er in Abwehr und Angriff gleichermaßen. "Er könnte jedes Mal 40 Minuten spielen", glaubt Trinchieri, "aber er nutzt seine Pferdestärken gar nicht komplett aus."

Der Italiener vergleicht seinen Guard mit einem Volvo aus den Neunzigerjahren, der schwedische Autohersteller hatte damals einen Schongang in seine Wagen eingebaut, "Overdrive" hieß der Getriebemechanismus. "Nick fährt immer im Schongang", sagt Trinchieri, "er ist nie müde, weil er nie mit hohen Drehzahlen unterwegs ist." Sein Ziel sei, "zu sehen, ob er überhaupt einmal müde wird".

Nick Weiler-Babb sagt, "ich bin daran gewöhnt, viel zu spielen". In seinen letzten beiden Jahren am Iowa State College habe er fast immer 40 Minuten durchgespielt, auch in Ludwigsburg war er durchschnittlich mehr als 30 Minuten im Einsatz und beim Finalturnier in München einer der Garanten für den erstmaligen Einzug der Riesen in die Playoff-Endspiele (die dann letztlich gegen Alba Berlin verloren gingen). "Wenn Andrea Trinchieri möchte, dass ich das ganze Spiel durchmache, wäre ich dazu in der Lage", versichert er.

Nick Weiler-Babb ist strapazierfähig, aber er ist auch pflegeleicht, "wo immer ich mich einfügen kann, fühle ich mich wohl", hat er vor der Saison versprochen, als es um die Frage ging, auf welcher Position er am liebsten agiere. Dass er keine Ansprüche stellt und sich umstandslos in ein Team einfügt, ist keine bloße Behauptung. Weiler-Babb ist früher sowohl bei Iowa State als auch in Ludwigsburg mit der Nummer "1" aufgelaufen, aber die hatte beim FC Bayern schon der junge Jason George, 19, und er wollte sie ihm nicht streitig machen. Auch die "2" war vergeben, an Wade Baldwin, den die Bayern kurz vorher engagiert hatten. Also ließ sich Weiler-Babb die nächstgelegene Zahl auf sein Trikot drucken, die "0". Wenn man sich die statistischen Werte anschaut, die Nick Weiler-Babb in seiner kurzen Zeit in München schon aufgelegt hat, dann ist er freilich alles andere als eine Nullnummer.

© SZ vom 24.11.2020
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