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Basketball:Von null auf hundert in 15 Jahren

Wie die TS Jahn zur größten Jugend-Abteilung Bayerns kam

Zwuckels sind kluge Wesen. So steht es auf der Homepage der TS Jahn München, dort, wo der Verein über seine U-16-Basketballer berichtet. Weil außer ihnen niemand wissen kann, was Zwuckels eigentlich sind, wird diese Einschätzung wohl stimmen. Es ist dort auch von "unzwuckeligen" Vorstellungen zu lesen, etwa über die 43:108-Niederlage gegen den FC Bayern München vor zwei Wochen. Die war sogar äußerst unzwuckelig.

Der Ausdruck Zwickel ist bekannt, er bezeichnet vieles, vom naturtrüben Bier über Zwei-Euro-Münzen bis hin zu einem Teil des Großhirns. Im Bairischen kennt man auch den Zwackel (ebenso: Zwackl), womit ein Knirps gemeint ist, ein kleiner Bengel, wohl abgeleitet vom Verb abzwacken. Der Zwuckel wiederum kommt aus dem Alemannischen und bedeutet das, was hierzulande ein Zwackl ist. Soweit, so klar. Dennoch bleiben Fragen offen. Etwa, wie sich ein alemannischer Begriff - auch noch über den Umweg Kiel - derart im Sprachgebrauch eines Münchner Vereins festsetzen kann, dass er dort ähnlich universell verwendet wird wie das Wort "schlumpfig" in Schlumpfhausen.

"Das ist so ziemlich die einzige Frage, die ich nicht beantworten möchte", sagt Niko Heinrichs. Er ist einer der Trainer der Zwuckels, und er freut sich diebisch über das Rätselraten um den seltsamen Namen. Jahn-Sportdirektor Armin Sperber immerhin weiß, dass der Ausdruck über die Brüder Heinrichs seinen Weg in den Verein fand und er "liebevoll-spöttisch" gemeint sei, zumal die jungen Jahn-Basketballer ja alles andere als abgezwackt sind. Der schlaksige Julius Düh zum Beispiel ist 14 Jahre alt und 2,04 Meter lang.

Die Zwuckels jedenfalls, und das ist viel wichtiger als alles andere, spielen seit dieser Saison in der JBBL, der U-16-Bundesliga. Damit macht der Verein, der bislang als Frauen-Zweitligist und durch ein Mädchen-Bundesligateam in der WNBL bekannt war, auch bei den Jungen überregional auf sich aufmerksam. Er hält gut mit in der Gruppe Südost, die aus sechs Mannschaften besteht, deren drei aus München kommen. Aktuell belegt das Jahn-Team Rang vier, hat nach der Derby-Niederlage gegen den FC Bayern am vergangenen Wochenende auch das zweite Stadtduell verloren, 61:92 gegen das Team Basket München Nord, das Nachwuchsprojekt des MTSV Schwabing. Dennoch: Sollte es den Zwuckels gelingen, an diesem Sonntag (11.45 Uhr, Weltenburger Straße) gegen den TV Augsburg mit mehr als sieben Punkten Unterschied zu gewinnen, stünden die Chancen auf Rang drei im Abschlussklassement gut; dann würden alle drei Münchner Mannschaften in die Hauptrunde einziehen. "Da wird richtig losgezwuckelt", verspricht Kapitän Raphael Ruban. Dabei sagt Niko Heinrichs: "Das ist ein Jahr zum Lernen für uns, es ist auch gut, mal hoch zu verlieren. Das nächste Jahr soll unser Erfolgsjahr werden." Fast alle aktuellen Spieler zählen zum jüngeren Jahrgang, sie dürfen also auch nächste Saison in der JBBL ran.

"Sie haben das mit glühendem Herzen vorangetrieben": Fünfmal pro Woche bieten Timo (links) und Nico Heinrichs (rechts) Einzel- und Teamtraining an.

(Foto: Claus Schunk)

Es ist nicht nur erstaunlich, dass der männliche Nachwuchs der Turnerschaft Jahn so erfolgreich ist. Es ist vor allem erstaunlich, dass es ihn überhaupt gibt. Im Jahr 1999, erinnert sich Sportdirektor Sperber, da hatte Jahn gar keine Jugend mehr. "Ich habe '99 mit meinen Söhnen hier angefangen", erzählt er. Er sei selbst in diesem Verein groß geworden, ähnlich wie viele der heutigen Coaches. Und er war nicht wirklich glücklich damit, dass die Nachwuchsarbeit am Boden lag. Also packte er an. Schnell gab es im weiblichen Bereich Erfolge, "weil dort die Konkurrenz nicht ganz so groß ist". Die Buben zogen nach. Und heute, 15 Jahre später, hat die TS Jahn 30 Mannschaften im Spielbetrieb, davon 27 Nachwuchsteams. "Wir haben die größte Jugendabteilung Bayerns, vor Bamberg, vor Würzburg, auch vor dem FC Bayern", sagt Sperber, und er müsste das wissen: Sperber leitet im Präsidium des Bayerischen Basketball-Verbandes das Jugendressort. "Wir sind die einzigen, die Jungen und Mädchen fördern."

Das führt unweigerlich zurück zu Timo und Niko Heinrichs. Denn ohne die Brüder wäre diese JBBL-Mannschaft undenkbar. "Sie haben das mit glühendem Herzen vorangetrieben", sagt Sperber, sie bieten fünfmal pro Woche Einzel- und Teamtraining an, fahren mit ihren Jungs zu Turnieren quer durch Europa. Niko Heinrichs, 26, war von sich aus auf den Verein zugekommen. Sein Studium hatte ihn vor fünf Jahren nach München geführt, beim Jahn fragte er an, ob jemand etwas dagegen hätte, wenn er hier etwas aufbaue? Hatte niemand. Also fing er an.

Drei Jahre später holte er seinen Bruder Timo, 28, nach. Beide hatten in Schleswig-Holstein schon Vereine aufgebaut, jeder einen anderen, Timo hatte auch dort eine JBBL-Mannschaft geformt. Irgendwann rief Niko Heinrichs also seinen Bruder an: "Komm nach München", will er gesagt haben, "hier geht es echt ab!"

Wirklich? So einfach war das? Timo Heinrichs lacht. Stimmt schon, sagt er. Er steht gerade in einer Schulturnhalle an der Hochstraße. Über neun Münchner Hallen wird der Trainingsbetrieb der TS Jahn verteilt. Um ihn herum dribbeln einige Jungs aus dem JBBL-Team mit zwei Bällen, andere üben Distanzwürfe oder Verteidigen, es wirkt etwas chaotisch, aber alle sind mit Spaß dabei. Bei ihm dürfe die Mannschaft mitbestimmen, was sie wann trainieren wolle, erzählt Timo Heinrichs. Das sei ungewöhnlich. Damals sei es tatsächlich eine spontane Entscheidung während dieses Telefonats gewesen: "Niko meinte, sie könnten hier noch jemanden gebrauchen", erinnert er sich, "da habe ich gesagt: Frag doch mal mich." In Schleswig-Holstein werde mehr Handball gespielt, im Basketball sei da nicht viel los, also beschloss er, sein Studium in Bayern zu Ende zu bringen.

MÜNCHEN: BASKETBALL JBBL /   TBMN v FC Bayern

26 Punkte pro Spiel: William Bessoir, 15, trumpft beim MTSV Schwabing auf - der Forward ist der effektivste Spieler der Jugend-Bundesliga Südost.

(Foto: Johannes Simon)

Niko Heinrichs, der Jüngere, nennt die TS Jahn einen "Glücksfall", mit vielen Talenten und guten Strukturen. Es verwundert kaum, dass Sportdirektor Sperber dieselbe Vokabel verwendet - er nennt die die Brüder Heinrichs einen Glücksfall.

Der 2000er-Jahrgang sei nun der erste, mit dem sie sich intensiv beschäftigt hätten, und er schaffte im Frühjahr eher überraschend die Qualifikation zur JBBL. Bis dahin hatte Jahn München - unfreiwillig - seine Talente meist für den FC Bayern und den MTSV Schwabing ausgebildet, in stattlicher Zahl seien sie dorthin abgewandert. Auch kurz vor dem Aufstieg sind noch zwei Leistungsträger nach Schwabing gewechselt, in der Annahme, die JBBL mit Jahn München zu verpassen - wer erst an der Qualifikation teilnimmt, darf seinen Verein nicht mehr wechseln. Doch Billy Bessoir und Bruno Vrcic sollten sich täuschen. Nun zählen sie zu den Besten beim Ligarivalen, Bessoir ist dort Topscorer. Mit diesem Duo, glaubt Niko Heinrichs, "würden wir uns jetzt mit dem FC Bayern um Platz eins streiten".

Er könne die beiden verstehen, sagt der Trainer, "aber ich bin auch stolz auf die, die trotz guter Angebote geblieben sind." Wie Julius Düh, der vor zwei Jahren plötzlich in der Halle stand und neben seiner unzwuckeligen Körpergröße auch viel Übersicht und Bewegungstalent mitbrachte. "Es ist gut, dass wir jetzt in der Bundesliga sind", findet Sperber, aber noch besser sei: "Auch die, die danach kommen, haben alle das Zeug für die JBBL."

Was jetzt noch fehlt, ist eine adäquate Männermannschaft. Sperber würde dieses Problem gerne durch eine Kooperation mit einem Münchner Verein lösen, dessen Männer besser sind als der Nachwuchs. Damit die Zwuckels ihren Verein auch dann nicht verlassen müssen, wenn sie eines Tages endgültig keine Zwuckels mehr sind.