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Basketball:Ein Schlussspurt gegen die Frustration

„Wir haben uns nichts getraut“: Theresa Spatzier, 18, eine von zwei Neuen mit höherklassiger Erfahrung.

(Foto: Claus Schunk)

Nach drei Niederlagen zum Auftakt erkämpft sich der runderneuerte Zweitligist Jahn München gegen Don Bosco Bamberg den ersten Saisonsieg.

Von Karl-Wilhelm Götte

Paula Graichen trifft einen Dreier, Talena Fackler zwei Freiwürfe, dann ertönt die Schlusssirene und die Zweitliga-Basketballerinnen der Turnerschaft Jahn laufen schreiend aufeinander zu. Die Kleinen springen den Großen in die Arme. Ein 58:53-Sieg gegen Don Bosco Bamberg steht auf der Anzeigetafel. Ein Erfolg, der mit einer enormen Willensleistung zustande gekommen ist. Es ist der erste Erfolg für die Gastgeberinnen in einer ungewöhnlichen Zweitligasaison, und er kommt überraschend nach drei deutlichen Niederlagen seit Beginn der Spielzeit Ende Oktober. Besonders die Offensivschwäche der Mannschaft war zuletzt markant.

Auch am Sonntag gegen Bamberg war das zunächst so. Wieder lief Jahn einem Rückstand hinterher, weil auch zu Beginn des Schlussviertels minutenlang kein Korb gelang. Bis die Münchnerinnen plötzlich Korb um Korb markierten, keinen einzigen Punkt des Gegners mehr zuließen und in den letzten fünf Spielminuten aus einem 48:53-Rückstand einen 58:53-Erfolg heraus zauberten. "Wir haben mit unseren schnellen kleinen Spielerinnen den Sieg klar gemacht", resümierte Trainer Markus Klusemann und gab die Blumen weiter an seine Co-Trainerin Petra Fackler: "Von ihr kam die taktische Idee." Facklers Tochter Talena war mit 16 Punkten die beste Werferin vor Paula Graichen mit zehn. "Es war von allen mehr Engagement und Leidenschaft zu spüren", fand Klusemann.

"Vielleicht ist es ein mentales Problem": Die Offensivschwäche gibt den Trainern Rätsel auf

Das erste von zwei Heimspielen am vergangenen Wochenende gegen Speyer-Schifferstadt war tags zuvor noch mit 51:65 verloren gegangen. "Viel geworfen und wenig getroffen", lautete Klusemanns Fazit. Diese Niederlage ähnelte den beiden zuvor in Würzburg und Bad Homburg. Unmittelbar nach dem Flop gegen Speyer-Schifferstadt hatte es ein langes Gespräch der Mannschaft mit dem Trainerduo gegeben. "Die Stimmung war nicht gut", berichtete Klusemann hinterher.

"Sie haben uns reden lassen", erzählte Theresa Spatzier und brachte es auf den Punkt: "Wir haben uns offensiv nichts getraut. Die Rebounds haben nicht geklappt, und 20 Punkte zur Halbzeit waren schon viel zu wenige." Die 18-jährige Flügelspielerin hatte immerhin 21 Zähler geschafft und lag damit zum wiederholten Male weit vor ihren Mitspielerinnen, die nur einstellig punkteten. Spatzier ist vom USC Heidelberg gekommen, sie absolviert in München ein Lehramtsstudium mit den Fächern Mathe und Sport. Sie ist eine Verstärkung für die fast komplett neu zusammengestellte Jahn-Formation.

Mit der energiegeladenen Aufbauspielerin Jella Molz und den beiden Jugendspielerinnen Olivia Borsutzki und Talena Fackler stehen nur noch drei Akteurinnen aus der vergangenen Saison im Zehner-Kader. Die 17-jährige Graichen ist nach einem USA-Aufenthalt zurück im Verein. Die besten Scorerinnen, die im Vorjahr 90 Prozent der Punkte markierten, darunter Emily Bessoir oder Anna Heise, sind alle nicht mehr da. Und die Neuen haben bis auf Spatzier und Leonie Kambach, die zuvor für den Erstligisten Freiburg spielte, keine Erfahrung in den höchsten Spielklassen. Also kämpft Klusemann im Training um kleine Fortschritte. "Der Defensiv-Rebound funktioniert schon besser", meinte der Trainer nach dem Speyer-Spiel, um auch etwas Positives zu sagen. Und die Offensivschwäche? "Vielleicht ist es ein mentales Problem", spekulierte Klusemann. Kaum mehr als 50 Punkte sind kein guter Wert. "Oder trainieren wir es zu wenig?" Überzeugt ist er von der Motivation seiner Akteurinnen: "Die Mädels wollen alle besser werden." Der erste Erfolg im vierten Versuch dürfte ihnen Auftrieb geben. "Es freut mich für die Mannschaft, dass es nach vorne geht", sagte der Trainer. "So kann die Reise weiter gehen."

Jede Etappe der Reise beginnt mit einem Coronatest. Vor Spielen kommt dazu Freitagabends eine Ärztin in die Halle, die den Kader samt Trainern Schnelltests unterzieht. Bisher gab es bei Jahn München noch keinen positiven Fall, im Gegensatz zu manch anderem Zweitligisten. So hat zum Beispiel Ludwigsburg noch keine Partie ausgetragen. Der Spielplan an den Wochenenden wird zurzeit auf Zuruf zusammengestellt. Diejenigen Mannschaften der Zwölferliga spielen gegeneinander, die gerade nicht positiv getestet oder in Quarantäne sind.

© SZ vom 01.12.2020
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