Basketball Die Unverzichtbaren

Soweit die Füße tragen: Münchens Aufbauspielerin Nicole Schmidt erzielte in Heidelberg 14 Punkte.

(Foto: Claus Schunk)

Jahn-Basketballerinnen verlieren ohne eine einzige Einwechselspielerin ein kurioses Spitzenspiel beim USC Heidelberg - und sind stolz auf ihre Leistung.

Von Andreas Liebmann

Julia Obländer dachte nicht einmal daran, das Spielfeld zu verlassen, nicht für eine einzige Minute, auch wenn sie natürlich allmählich mit ihren Kräften am Ende war. Sie war wild entschlossen, die gesamte Partie ohne Pause durchzustehen. Die 23-jährige Flügelspielerin gehört sonst nicht zur so genannten Starting Five des Basketball-Zweitligisten Jahn München; wenn sie in dieser Saison zum Einsatz kam, dann im Schnitt elf Minuten lang. Doch am vergangenen Samstag war sie geradezu unverzichtbar, ausgerechnet im Gastspiel ihres Playoff-Anwärters beim USC Heidelberg, dem souveränen Spitzenreiter der Süd-Gruppe. So unverzichtbar, dass auch Trainer Rüdiger Wichote keine Sekunde lang darüber nachdachte, Obländer auszuwechseln.

Dasselbe galt am Samstag übrigens für Aufbauspielerin Nicole Schmidt. Und für Centerin Anna Heise. Sogar für Jella Molz und Lea Pfeifer. Sie alle hielten derart eisern volle 40 Minuten lang durch, dass nach dem Ende der Partie Heidelberger Fans und Mitglieder des Kampfgerichts kamen, um ihnen zu dieser Energieleistung zu gratulieren. Denn die TS Jahn München war mit exakt diesen fünf Spielerinnen angereist. Die Bank war bis auf Wichote verwaist. "So etwas hatten wir noch nie", versicherte der Coach.

Wenn die Münchnerinnen auf Reisen gehen, ist ihr Kader fast immer limitiert. Sie sitzen dann gemeinsam in einem von Wichote gesteuerten Kleinbus, was ihre Anzahl gemäß den freien Sitzen auf acht begrenzt - zumal ja die wenigsten Basketballerinnen so gebaut sind, dass sie zur Not auch ins Handschuhfach passen. Den Luxus eines weiteren Pkw gönnen sich die Münchnerinnen höchst selten. Dass nun ausgerechnet auf dem Weg nach Heidelberg einige Plätze frei blieben, hatte unter anderem damit zu tun, dass die Spielerinnen dem Spitzenspiel etwas zu wörtlich entgegengefiebert hatten. Allein drei von ihnen waren wegen eines Magen-Darm-Infekts ausgefallen, obendrein mussten Verena Seligmann (Muskelfaserriss) und Emily Bessoir (Entzündung im Fuß) verletzt passen. Die zweite Mannschaft wollten sie für deren paralleles Punktspiel auch nicht schwächen, und so weit, dass sie spontan noch auf der Autobahnraststätte Passantinnen verpflichtet hätten, ging die Verzweiflung dann doch nicht. Das Resultat ihres Ausflugs ergab in Zahlen eine 47:79-Niederlage, darüber hinaus stellte Wichote fest: "Es war im Nachhinein die richtige Entscheidung, das so zu machen. Die Mädels waren schon ein bisschen stolz darauf, dass sie so gut durchgehalten haben."

Etwas unangenehm war den Gästen ihre Unterzahl freilich schon, denn die Heidelberger "BasCats", wie sie sich nennen, hatten einigen Aufwand betrieben für diese Partie. Sie hatten Sponsoren eingeladen, Cheerleader bestellt - hätte die Handvoll Münchnerinnen kurzfristig abgesagt, wäre das wohl deutlich schlechter angekommen. So konnte Wichote immerhin resümieren: "Die Mädels haben sich gut verkauft und nie aufgesteckt, es war nie peinlich." Im Gegenteil, das zweite und das letzte Viertel gestalteten sie gegen zehn Gegnerinnen, die natürlich etwas mehr durchwechselten als üblich, mit 14:18 und am Schluss sogar 16:18 recht ausgeglichen. "Gegen so einen Gegner mit dieser Intensität war das nicht leicht", betonte Wichote, "man hat gesehen, dass das ein Spitzenteam ist, gegen das wir wahrscheinlich auch mit mehr Spielerinnen verloren hätten."

Das wird höchstwahrscheinlich bald zu überprüfen sein. Denn er sei doch optimistisch, sagte Wichote, den Gegner in den Playoffs wiederzusehen. Noch ein Sieg würde den aktuell drittplatzierten Münchnerinnen zur Qualifikation ausreichen, eigentlich wolle er aber alle drei ausstehenden Partien gewinnen, zumindest die beiden Heimspiele. Vielleicht dann ja sogar mit ein, zwei Einwechselspielerinnen.