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Badminton:Weltwärts

Ann-Kathrin Spöri vom TuS Geretsried träumt von Olympia. National ist sie ohne Konkurrenz. Auf europäischer Ebene soll sie nun lernen zu verlieren.

Von Christian Bernhard, Geretsried

Bewegungsdrang. Lust am Spiel. Ehrgeiz. Matthias Hütten fällt viel Schmeichelndes ein, wenn er auf Ann-Kathrin Spöri angesprochen wird. Hüttens Einschätzung hat Gewicht: Er ist Jugend-Bundestrainer im Badminton - und Spöri, die 16-Jährige aus Geretsried, eines seiner größten Talente. Besonders begeistert ist der Trainer von Spöris Wettkampfbereitschaft. Das sei eigentlich eher eine Jungs-Sache, erzählt er, "bei den Mädels haben wir es echt selten, dass jemand so viel Spaß an Wettkämpfen hat." Spöri aber "möchte sich messen. Sie möchte gewinnen".

Das gelang ihr bisher oft. Spöri ist aktuell deutsche U17-Meisterin im Einzel, Hütten zählt sie im Jugendbereich zu den "Topspielerinnen Europas". Seit diesem Schuljahr ist sie in Mülheim an der Ruhr, am Bundesstützpunkt der deutschen Badminton-Frauen. Die 16-Jährige lebt in einem Internat, wo manchmal schon um 6 Uhr früh der Wecker klingelt, damit sie um 6.45 Uhr in der Trainingshalle ist. Zeit für andere Dinge bleibt da kaum. Wenn sie nicht in der Halle oder Schule ist, macht sie vor allem eines: "Ausruhen." Die 673 Kilometer Distanz nach Hause haben aus Spöri innerhalb weniger Monate eine selbständige junge Frau gemacht. Kochen, waschen, einkaufen gehen, "die Tage müssen gut durchgeplant sein", sagt sie. Jetzt gibt es nicht mehr die Eltern, die einem mal schnell das Essen zubereiten. "Da muss man am Abend schon selbst in die Küche und sich nach dem Training noch was kochen", berichtet sie lachend.

Die Beinarbeit, die Hütten als "Weltklasse" bezeichnet und die davon herrührt, dass Spöri vor und während ihrer Badminton-Karriere Eiskunstlauf praktizierte, ist ihr größter Trumpf auf dem Weg zu ihrem großen Traum: der Olympia-Teilnahme. "Es gibt keinen Grund, warum sie das nicht erreichen kann", betont der Nationaltrainer. Wenn er sich retrospektiv anschaue, welche Spieler sich diesen Traum erfüllt haben, kommt er zum Ergebnis, "dass Ann-Kathrin über Stärken verfügt, die jene Spieler in diesem Alter nicht hatten". Vor Spöri liege ein langer Weg, aber es sei "völlig richtig, diesen Traum zu träumen". Potenzial sieht Hütten vor allem in der Variation und Ausführung ihrer Schläge. Ziel ist es, dass ihre Gegnerinnen spätmöglichst sehen, welcher Schlag auf sie zukommt. Momentan erkenne man ihre Schläge "einen Tick zu früh", sagt Hütten.

Der Plan, um sich dem Olympia-Traum Schritt für Schritt zu nähern, steht. Obwohl Spöri noch relativ jung sei, "wollen wir sie jetzt schon mit einer guten Mischung aus Jugend- und Erwachsenen-Turnieren fördern", erklärt Hütten. Ziel ist es, ihr möglichst wenige Spiele mit geringerem Niveau zu geben. Hütten erklärt es so: "Wir wollen sie aus Deutschland rauskriegen." Im August wird sie in Bulgarien zuerst ein Jugend- und direkt danach ein Erwachsenen-Turnier spielen. Ihr erstes "großes" internationales Turnier war im Mai in Rumänien, als sie sich durch die Qualifikation bis ins Viertelfinale spielte und dabei die Weltranglisten-160. schlug.

Ann-Kathrin Spöri

"Man muss schon selbst in die Küche und sich nach dem Training was kochen": Ann-Kathrin Spöri.

(Foto: Bernd Bauer/OH)

Die Phase, die Spöri nun bevorsteht, bezeichnet Hütten als "extrem wichtig". Bisher war ihr Weg sehr erfolgreich, im Jugendbereich hat sie fast nur positive Erfahrungen gemacht. Jetzt wird sie vermehrt auf ältere, erfahrene Spielerinnen treffen, gegen die es häufiger Niederlagen geben wird. Der Umgang damit rücke jetzt in den Fokus, erklärt Hütten, es gehe nun um Langzeit-Motivation. Der Trainer bezeichnet die Phase zwischen 18 und 23 Jahren als die härteste, nach der erfolgreichen Jugendzeit bekämen die jungen Spieler oft das Gefühl, alles beginne "wieder von vorne": Niederlagen in der Qualifikation oder in der ersten Runde, verhinderte Turnierstarts wegen zu weniger Weltranglistenpunkte. Durch diese Phase, sagt er, "muss man einmal durch". Doch dieser Schritt ist unvermeidlich. "Wenn ich Richtung Olympia denke, ist meine stärkste Konkurrentin nicht die Nummer zwei in Deutschland, sondern die beste Dänin, die beste Französin, und irgendwann die beste Chinesin und Japanerin", erklärt Hütten. Wo Spöri aktuell in Europa steht, dürfte sich im November in Prag zeigen, wo die U17-Europameisterschaft stattfindet.

Erst einmal stehen für Spöri aber Trainingslehrgänge in Dänemark und in der Schweiz an, weshalb sie ihren Talentiade-Preis nicht persönlich entgegennehmen kann. Die Besuche in der Heimat sind seltener geworden, sie werden "je nachdem, wie es das Badminton erlaubt" gelegt. Eines bleibt aber vorerst gleich: Ann-Kathrin Spöri wird auch in der kommenden Saison für den TuS Geretsried in der Regionalliga antreten. Die Heimspiele sind als fixe Heimkehr-Termine im Kalender angestrichen.

Bisher erschienen: Hannah Schlickum (8.6.), Cornelia Rips (10.6.), die Geschwister Unz (16.6.), Frederike Fell (20.6.), WNBL-Team der TS Jahn München (22.6.), Theresa Sommerkamp und Elian Preuhs (27.6.). Die Preisverleihung findet am 12. Juli statt.

© SZ vom 29.06.2017
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