Süddeutsche Zeitung

1860: Strobls Transfer geplatzt:Einspruch aus Ibiza

Er wechselt, er wechselt nicht: Der gescheiterte Transfer von Tobias Strobl nach Unterhaching ist eine Posse. In der Kritik: der im Urlaub weilende Sportliche Leiter der SpVgg, Francisco Copado.

Die Situation war etwas grotesk: Tobias Strobl, der in diesen Tagen so begehrte Defensivspieler vom TSV 1860 München, hockte Sonntagnachmittag auf der Fensterbank des viel zu kleinen Dopingkontrollraums im Grünwalder Stadion, und vor ihm, auf zusammengerückten Stühlen, die vier strengen Dopingkontrollbeauftragten, die den Raum viel zu klein geraten ließen.

Es war wenige Minuten nach dem 1:0-Sieg von Sechzigs U23 gegen die Amateure von Eintracht Frankfurt. Strobl hatte gute Laune, schließlich sollte es seine letzte Partie in der Regionalliga gewesen sein, schon am Tag darauf würde er für ein Jahr in die dritte Liga wechseln, zur SpVgg Unterhaching. "Klar freue ich mich", verriet er durch die halbgeöffnete Tür (die von den strengen Dopingkontrolleuren auch schnell wieder verschlossen wurde), "wenn alles klappt, dann unterzeichne ich morgen früh den Vertrag, um halb neun."

Besser noch einmal nachgefragt bei Trainer Bernhard Winkler, der zehn Meter weiter entfernt gerade die Pressekonferenz abhielt, sicher ist sicher. "Soweit ich weiß, bleibt Strobl hier. Was wohl daran liegt, dass wir Strobl nicht verschenken wollen. Es kann also gut sein, dass wir ihn für ein Jahr verleihen, und er dann am Montag trotzdem noch bei uns ist."

Nun gut, die Logik der Aussage erschloss sich dem Zuhörer in diesem Moment nicht sofort, und auch nicht einen Tag später. Allerdings waren alle Beteiligten am Montag insgesamt ein wenig schlauer. "Das Geschäft ist nicht zustande gekommen, ich freue mich jetzt, dass er bleibt", sagte Winkler. Und von wem hatte er es wohl erfahren, von Miki Stevic vielleicht, Sechzigs Sportdirektor? "Der Tobi hat es mir eben persönlich erzählt. Ich bin ja bei den ganzen Verhandlungen nicht dabei. Ich weiß nicht, was die da ausbaldowern."

Den Erkenntnisprozess, der bei den Löwen um sich griff, den hatte die SpVgg Unterhaching schon hinter sich.

Pressesprecher Ruben Stark bestätigte, dass der Wechsel in letzter Sekunde "geplatzt" sei. Wie eine Seifenblase. Viel Freude schien ihm diese Pressenotiz nicht zu machen. Man favorisiere nun doch einen erfahrenen Spieler, begründete er knapp. "So hat sich die Sportliche Leitung geäußert."

Unterhachings Trainer Klaus Augenthaler, dem ganz offenbar die Entscheidungshoheit in personellen Dingen obliegt, sagte: "Eigentlich war es am Samstagabend klar." Die Begründung immerhin deckte sich mit der des Pressesprechers: "Wir suchen nach wie vor einen erfahrenen Spieler, kein Talent."

Dies musste Geschäftsführer Erich Meidert entgangen sein, denn der hatte den Wechsel Strobls zur Spielvereinigung am Freitag bereits als quasi vollzogen gemeldet ("Das dürfen Sie schon schreiben."). Befragt zur internen Kommunikation verschlug es Meidert nun jedoch die Sprache: "Dazu sage ich genau null komma zero."

"Das ist das eigentliche Drama"

Immerhin, etwas mehr Licht in die Angelegenheit wollte Berthold Nickl bringen, der Spielerberater von Strobl. "Wenn das Wort im Fußball noch irgendetwas gilt, dann war der Spieler ausgeliehen", sagte Nickl. Und sowohl Meidert als auch der Sportliche Leiter Francisco Copado hätten mehrfach ihr Wort gegeben. Das Vertragswerk sei unterschriftsreif vorgelegen, die Frage sei lediglich gewesen, ob Strobl "vor oder nach dem Training" unterschreibt. Nach dem Training im Hachinger Sportpark, wohlgemerkt.

Ein Anruf aus Ibiza habe den Deal letztlich zum Platzen gebracht, berichtet Nickl. "Der Herr Copado war dran und hat mich davon unterrichtet, dass man den Transfer nun doch nicht machen werde." Persönlichen Kontakt habe es nicht gegeben, Copado befinde sich seit geraumer Zeit auf den Balearen.

Auf eine Klage will der Spielerberater verzichten, "Stil und Verlässlichkeit kann man nicht einklagen". Leidtragender der Posse sei der Spieler, Strobl sei "absolut enttäuscht". Seinen Spind bei den Löwen hatte er bereits geräumt und sich von seinen Mitspielern verabschiedet. "Das ist das eigentliche Drama", sagt Nickl, "es geht hier um einen jungen Fußballspieler."

Zum Gebaren des Sportlichen Leiters der Spielvereinigung verkniff sich Nickl eine Anmerkung: "Nicht zitierfähig". Um dann anzufügen: "Es ist schon interessant, dass der Herr Copado die Verhandlungen von Ibiza aus geführt hat." 1860-Manager Stevic ist nicht sonderlich unglücklich über die Entwicklung, bestätigt aber, dass er bereit war, den Spieler zu verleihen. Er hätte sich gefreut, "wenn sich Strobl in der dritten Liga weiterentwickelt hätte".

Mitte Juni hatte die SpVgg schon einmal einen Zugang als perfekt vermeldet, damals war es Stürmer Nazif Hajdarovic vom FC Bayern II. 16 Tage später erfolgte der maximal getarnte Rückzug: Im letzten Satz einer Pressemeldung mit der Überschrift "Lockerer Kantersieg in Burladingen", in der es um alles Mögliche gegangen war, vor allem aber um einen lockeren Kantersieg gegen Burladingen, hatte man mit noch bemerkenswerterer Lockerheit die Information: "Zerschlagen hat sich unterdessen der Transfer von Nazif Hajdarovic" versteckt.

Diesen Mittwoch sind nun erneut zwei Spieler bei Unterhaching im Probetraining: Der isländische Nationalstürmer Gardar Johannsson, zuletzt Hansa Rostock, und Aleksandr Kokko vom finnischen Erstligisten FC Honka. Ob sie erfahren genug für die SpVgg sind, müssen sie beweisen. Trainer Klaus Augenthaler will sie im Testspiel gegen einen kanadische Universitätsauswahl am Wochenende einsetzen: "Wenn sie die Spielberechtigung mitbringen."

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Quelle:
SZ vom 10.08.2010/ffu/tob
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