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1860 München: U23:Blaue Grünschnäbel

Ex-Profi Bernhard Winkler übernimmt als Coach eine extrem junge U23-Mannschaft von 1860 München. Sein Zauberwort: "Life Kinetik". Doch die Methode klingt revolutionärer als sie ist.

Man war ja auf einiges vorbereitet. Fußballspieler mit verbundenen Augen etwa, spezielle Wurf- oder Fangübungen mit Fußbällen, die Hände übereinander gekreuzt, oder irgendetwas anderes, das im entferntesten mit "Life Kinetik" zu tun gehabt hätte, jener neuartigen Trainingsmethode, für die der noch neuartigere Sechzig-Trainer Bernhard Winkler steht. Doch nichts dergleichen. Die U23 von 1860 München war am Dienstag einfach so im Wald. Zum Waldlauf. Ganz die alte Schule.

Erfahrener Waldläufer: Bernhard Winkler (mit Assistent Klaus Koschlick, links) geht beim Training voran.

(Foto: Claus Schunk)

Als sie dann doch irgendwann auf das Gelände traben, die jungen Löwen, da sieht es zunächst so aus, als habe Winkler die Mannschaft gemeinsam mit Assistenztrainer Klaus Koschlick derbe abgehängt im Wald. Die Spieler folgen mit 300 Meter Abstand, die meisten haben Schweißperlen auf der Stirn. Im Gegensatz zu Winkler und Koschlick. Einige tragen Kästen mit leer getrunkenen Wasserflaschen. Winkler erklärt kurz, er wolle noch eben "etwas länger duschen", ist dann aber vier Minuten später wieder zurück, blaue Adiletten an den Füßen und das Telefon am Ohr.

"Mir ist es wirklich ein Anliegen, dass alle verstehen, dass Life Kinetiks kein Hokuspokus ist, sondern eine funktionierende Methode zur besseren Verknüpfung der beiden Gehirnhälften", sagt Winkler. "Die Wirkung ist in wissenschaftlichen Studien nachgewiesen, Jürgen Klopp ist ebenfalls Fan." Überhaupt sei die Methode ja nur ein Baustein von vielen, mittels derer er seiner Mannschaft "die Richtung vorgeben" wolle, damit der ein oder andere den Sprung in den Profikader schaffe.

Am Montag war offizieller Trainingsauftakt bei Sechzig, die zweite Mannschaft hatte einen Laktattest im Olympiapark absolviert. Ganz profan, wie jede Saison, die Ergebnisse lagen am Dienstag noch nicht vor. Auch hat Winkler bislang noch nicht die Gelegenheit dazu gehabt, seine ganze Mannschaft kennenzulernen. Tobias Strobl, Christopher Schindler und Neuzugang Augustin Hamidouche trainieren derzeit mit den Profis. Aller Voraussicht nach werden die drei auch nicht am Donnerstag mit in das Trainingslager der U23 nach Bad Heilbrunn fahren, und am Sonntag nicht beim Testspiel der zweiten Mannschaft gegen den Bezirksoberligisten FT Starnberg auf dem Platz stehen.

Abschied für Dieter Märkle

Winkler wird in jedem Fall in der kommenden Saison ein sehr junger Kader zur Verfügung stehen, jünger noch als der aus der vorigen Saison. "Der Kader ist eigentlich so jung, dass er zunächst einmal an die U23 herangeführt werden müsste, und nicht bereits an den Profikader", sagt Winkler. Sieben Spieler sind insgesamt von den A-Junioren hochgerückt. Einige von ihnen könnten noch bis Saisonauftakt wieder dorthin zurückgeschickt werden. "Ich warte jetzt die nächsten Wochen ab und beobachte, wer von den Spielern schon reif genug ist. Mit Sicherheit werde ich während der Saison nicht mit 24 Spielern auf dem Trainingsplatz stehen."

Einer von ihnen, der Franzose Augustin Hamidouche, 18, macht sich derweil noch Hoffnungen, dass er in den Profikader aufrücken könnte. Gegen 14 Uhr kam er am Dienstag auf das Gelände geschlurft, seine tiefbraunen Augen blickten müde. Er sei noch "vollkommen tot" vom Laktattest, den er am Vormittag mit der ersten Mannschaft absolviert hatte. Es sei ohnehin sein erster gewesen, bei seinem ehemaligen Verein Racing Club de France kenne man das Verfahren gar nicht. "Ich habe einen Vertrag für die U23, aber wenn sich eine Chance für die erste Mannschaft ergeben sollte, dann werde ich alles geben." Es heißt, dass Cheftrainer Reiner Maurer Hamidouche unbedingt haben wollte und viel von der Spielweise des Sechsers halte.

Seinen Abschiedsbesuch an der Grünwalder Straße gab am Dienstag Dieter Märkle, Winklers Vorgänger. Er war gekommen, um den Schlüssel abzugeben, weil sein Vertrag am Mittwoch ausläuft. Fröhlich plauderte er drauflos, auch wenn er noch keine neue Anstellung gefunden hat. "Das Kapitel Sechzig ist abgeschlossen, mir geht es gut", sagte Märkle. "Ich habe mich nur etwas gewundert, dass der Verein gar nicht mehr bei mir angefragt hat, obwohl sich ja hier in den letzten Wochen so viel getan hat."

TSV 1860 München

Gefangen zwischen Tradition und Chaos