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Solln:Eine Villa bewegt das Viertel

Ein breites Bündnis demonstriert gegen den Abriss des schmucken Hauses, die Evangelische Kirche will dort Wohnungen bauen. Eine Petition an den Landesbischof ist noch unbeantwortet

Von Jürgen Wolfram, Solln

Das Schicksal der alten Villa an der Linastraße 3a in Solln bewegt weiter die Gemüter im Münchner Süden. Das schmucke, seit fast einem Jahr leer stehende Gebäude soll abgerissen werden. Seine Eigentümerin, die evangelisch-lutherische Kirche in Bayern, will auf dem Grundstück ersatzweise eine Wohnanlage errichten. Für den Erhalt der Villa haben jetzt knapp 50 Menschen in der Linastraße demonstriert, darunter waren zahlreiche Bewohner aus der Nachbarschaft, Vertreter des Bündnisses Gartenstadt München, des Forums Lebenswertes München und des örtlichen Bezirksausschusses.

Mit Plakat-Slogans wie "Lebensqualität geht vor", "Abriss hilft nicht gegen Wohnungsnot" oder "Für ein lebenswertes München - gegen ungesteuertes Wachstum" unterstrichen die Teilnehmer ihren Unmut wegen des drohenden Verlustes des "besonderen Kleinods", wie sie es nennen. Zugleich wurde eine Unterschriftenaktion fortgesetzt, die ebenfalls die Rettung der Villa zum Ziel hat.

Der Sprecher des Bündnisses Gartenstadt, Andreas Dorsch, rief die evangelische Landeskirche und die städtischen Genehmigungsbehörden bei der Demo dazu auf, "gewachsene Strukturen nicht monetären Interessen unterzuordnen". Es sei zu befürchten, dass "Sollns Ortsbild weiter ruiniert" werde, sollte die Villa an der Linastraße 3a verschwinden. Denn für die Entwicklung des Viertels sei sie nun einmal ein "wichtiges Gebäude", ein Markstein, auch wenn sie nicht auf der Denkmalliste stehe.

Ein "besonderes Kleinod" sei die Villa, betonen Sollner bei einer Demo. Auch neuer Wohnraum sei wertvoll, entgegnen Kirchenvertreter.

(Foto: Claus Schunk)

Aus Sicht des Bündnisses liefe ihr Abbruch auf die Verlängerung einer langen Reihe von Verlusten hinaus, die im Münchner Süden zu beklagen sei. Die evangelische Kirche rief Dorsch dazu auf, "mal darüber nachzudenken, warum die Öffentlichkeit ihre Pläne so kritisch sieht".

Zwei frühere Bewohnerinnen der Villa an der Linastraße, die Schwestern Verena und Stefanie Rendtorff, Töchter des renommierten, 2016 im Alter von 85 Jahren verstorbenen Theologen Trutz Rendtorff, hatten den Protest gegen den geplanten Abbruch der Villa ins Rollen gebracht. Sie wandten sich unlängst auch mit einer Petition an den Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und den Landeskirchenrat. Darin erinnern sie an die wissenschaftliche Bedeutung ihres Vaters und auch die vieler seiner Weggefährten, die er in Solln empfangen hat. In einem Nachruf rühmte auch die Süddeutsche Zeitung den Theologen; er habe der Evangelischen Kirche in Deutschland mit "epochalen Schriften" den Weg in die offene Gesellschaft gewiesen.

Trutz Rendtorff war 1968 anlässlich seiner Berufung an die neugegründete Fakultät der Evangelischen Theologie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) mit seiner Familie nach München gezogen. Zuvor hatte Bischof Hans Meiser in seinem Haus gewohnt. Die Villa sei ein "Tagungsort der besonderen Art" gewesen, betonen die Rendtorff-Schwestern in ihrer Petition. Nutzungsalternativen gibt es aus ihrer Sicht zur Genüge. Denkbar sei etwa ein "kleines Seminarhaus", eine Art Ableger der Evangelischen Akademie Tutzing.

Andreas Dorsch

"Die Stadt würde fahrlässig handeln, wenn sie nicht darüber nachdächte, wie sehr sie in Zeiten der Verdichtung solche Baumbestände für ihre Kühlung braucht"

Die Historie der Villa an der Linastraße ist ebenso für das Bündnis Gartenstadt von einigem Belang. Professor Rendtorff sei immerhin der Neubegründer einer liberalen Theologie gewesen, ein überaus engagierter Publizist, überdies Träger des Bundesverdienstkreuzes. Für Bündnissprecher Dorsch ist das Anwesen mit seinem teils wertvollen Bestand an Bäumen und Sträuchern überdies ökologisch bedeutsam. "Die Stadt würde fahrlässig handeln, wenn sie nicht darüber nachdächte, wie sehr sie in Zeiten der Verdichtung solche Baumbestände für ihre Kühlung braucht", sagte er bei der Demo am vergangenen Donnerstagabend.

Ungeachtet aller Einsprüche gegen den Abriss des Gebäudes hält das Evangelische Landeskirchenamt bisher an seinen Plänen fest. Oberkirchenrat Erich Theodor Barzen hatte dies stets mit der sozialen Verantwortung der Kirche begründet, ihrerseits etwas gegen den Wohnungsmangel zu tun. An der Linastraße könne man auf 500 Quadratmetern bis zu neun Wohnungen errichten, nicht zuletzt für die eigenen Mitarbeiter. Teile des traumhaften Gartens ließen sich dennoch erhalten, versichert er. Alternative Nutzungsmöglichkeiten für die Rendtorff-Villa sieht Barzen nicht; die evangelische Landeskirche verfüge bereits über genügend Konferenz- und Seminarräume. Was sie im Interesse der Allgemeinheit dringend brauche, sei Wohnraum.

Eine Antwort der Kirchenleitung auf die Petition der Rendtorff-Schwestern steht noch aus.

© SZ vom 28.07.2018
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