Sicherheitslage in Deutschland Motiv Rache

Ein konkretes Zeitfenster für Angriffe und Bilder möglicher Anschlagsorte: Die Drohvideos der Islamisten gegen Deutschland häufen sich.

Eine Analyse von Hans Leyendecker

Das Video dauert mehr als eine Viertelstunde. Die Hauptperson ist ein vermummter Kämpfer, der sich "Ajjub" nennt und vor einer Wand aus Ziegeln sitzt. In Reichweite sind Gewehre und Raketen aufgestellt. Durch Einblendungen wird der Eindruck vermittelt, es handele sich bei dem unbekannten Gotteskrieger um einen "deutschen Taliban in Afghanistan". Jedenfalls spricht er Deutsch.

In dem Drohvideo, das am Freitagabend voriger Woche erstmals ausgestrahlt wurde, agitiert "Ajjub" gegen den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Er sagt: "Erst durch Euren Einsatz hier gegen den Islam wird ein Angriff auf Deutschland für uns Mudschahidin verlockend." Er verweist auf das von dem deutschen Oberst Georg Klein befohlene Bombardement eines von Taliban entführten Tanklasters Anfang September, das etwa hundert Menschen das Leben gekostet hat. Die meisten von ihnen sollen Taliban-Kämpfer gewesen sein. Angeblich waren auch mehr als dreißig Zivilisten unter den Opfern. Ajjub fordert so etwas wie Rache: "Damit auch ihr etwas von dem Leid kostet, welches das unschuldige afghanische Volk Tag für Tag ertragen muss." Es sei nur noch eine Frage der Zeit, "bis der Dschihad die deutschen Mauern einreißt".

Bild vom Oktoberfest wird eingeblendet Während dieser Ansprache werden Bilder vom Kölner Dom, dem Brandenburger Tor, dem Hamburger Hauptbahnhof, der Skyline von Frankfurt und auch vom Münchner Oktoberfest eingeblendet - wie der Taliban sich Deutschland so vorstellt. Auch wird Verteidigungsminister Franz Josef Jung als "Kriegsminister" bezeichnet und so quasi zur Zielperson für die Terroristen.

Das auf einer von Dschihadisten häufiger verwendeten Webseite ausgestrahlte Taliban-Filmchen war der vorläufige Abschluss einer ungewöhnlichen Choreographie verschiedenster islamistischen Gruppierungen, die sich gegen Deutschland richtete: Beteiligt haben sich Militante, die von den Sicherheitsbehörden der Terrorholding al-Qaida, der Islamischen Dschihad-Union, der Islamischen Bewegung Usbekistans und den Taliban zugeordnet werden. Insgesamt ein halbes Dutzend Drohvideos der unterschiedlichen Gruppierungen sind seit Februar 2009 im Umlauf.

Auffällig ist aus Sicht der Behörden nicht nur die Häufung der Drohbotschaften; "beunruhigend ist die starke Orchestrierung in den letzten Tagen", sagt ein hochrangiger Berliner Sicherheitsbeamter. Für "deutsche Verhältnisse" jedenfalls sei es ein "Novum" gewesen, dass al-Qaida konkret mit einem Anschlag in den ersten zwei Wochen nach der Bundestagswahl gedroht habe. Ein solches konkretes Zeitfenster habe es noch nie gegeben.