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Sendlinger Tor:Nach Räumung des Protestcamps: Polizei bleibt wachsam

Räumung des Flüchtlingsprotestcamp am Sendlinger Tor

Die Räumung des Protestcamps ging reibungslos vonstatten, während die Lage vor einem Baum gegenüber unübersichtlich wurde.

(Foto: dpa)

Die Polizisten seilten sich von einem Kran aus 23 Metern ab und holten die Demonstranten am Sendlinger Tor aus den Bäumen. Fünf Personen wurden festgenommen.

Von Christian Gschwendtner

Ganz ohne Widerstand wollten die Demonstranten ihr Protestlager dann doch nicht aufgeben. Als am Freitagabend 600 Polizisten am Sendlinger Tor anrücken und Kreisverwaltungsreferent Thomas Böhle um 17.19 Uhr den Hungerstreik für beendet erklärt, stiehlt sich eine Gruppe von Flüchtlingen und Unterstützern heimlich davon. Sie wechseln vom Trambahnrondell auf die gegenüberliegende Straßenseite und klettern dort auf einen 25 Meter hohen Ahornbaum.

Mit dabei: Adeel Ahmed und Muhammad Qasim, die beiden Sprecher des Flüchtlingskollektivs. Qasim hat noch wenige Stunden davor auf einer Pressekonferenz verkündet, man werde in den trockenen Hungerstreik treten. Jetzt hat der junge Pakistaner mit der dünnen Lederjacke entschieden, den Protest noch nicht zu beenden. Es wird später Spezialkräfte der Polizei brauchen, um ihn umzustimmen.

Auf der anderen Straßenseite geht die Räumung des Lagers indes reibungslos vonstatten. Die Flüchtlinge zeigen sich kooperativ. Es gibt keine Zwischenfälle, keine neuen Rettungseinsätze. Um 19.12 teilt die Polizei mit, die Versammlungsörtlichkeit sei "vollständig geräumt". 62 Menschen nahmen bis zuletzt am Hungerstreik teil. Dann räumt die Polizei das Camp, um die Gesundheit der Protestierenden nicht zu gefährden. Der Sprecher der Flüchtlinge Adeel Ahmed kritisiert das KVR: "Warum hat man unseren Protest beendet? Wir waren noch nicht so krank, das ist nicht fair."

Alles ist wieder blitzblank, die Paletten feinsäuberlich aufeinander gestapelt, der Abfall in blauen Müllsäcken verstaut. "Vorbildlich", entfährt es einem staunenden Polizisten. Unübersichtlicher ist die Lage dagegen vor dem Ahornbaum. Polizei und KVR glauben zunächst, dass sich lediglich Unterstützer des Flüchtlingsprotests in der Baumkrone befinden. Das ist nicht ganz richtig. Die Unterstützer haben anfangs lediglich eine Kette um den Baum herum gebildet. Später hängen sie noch ein blau-weiß gestreiftes Banner an den untersten Ast.

Auf dem ist zu lesen: "Deutschland soll sich schämen! Sofortiger Stop aller Abschiebungen." Dazu rufen die Aktivisten auf dem Boden und die sechs Flüchtlinge auf den Bäumen in schöner Regelmäßigkeit: "Kein Mensch ist illegal. Bleiberecht überall". So geht das stundenlang. Und die Polizei ist ratlos, wie mit dem Baumprotest umzugehen ist.

Man sei darauf bedacht, die Verhältnismäßigkeit zu wahren, sagt der Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins und blickt dabei nach oben. Als sich die Lage dann aber zuspitzt, immer mehr Personen - unter ihnen auch Aktivisten - auf den Ahornbaum und einen weiteren Baum klettern, entschließt sich die Polizei einzuschreiten. Erst werden die "Baumumsteller" in polizeilichen Gewahrsam genommen. Dann legen Beamte Sprungkissen, Weichbodenmatten und Strohballen aus.

Es gibt ein Ultimatum. All das bringt nichts. Angeblich sollen einzelne Demonstranten geäußert haben, "notfalls bis zum Tod, alles in Kauf nehmen" zu wollen. Also rückt ein Spezialkommando der Polizei an: das Höheninterventionsteam. Es seilt sich von einem Spezialkran aus 23 Metern ab und holt die Demonstranten nach und nach aus den Bäumen. Fünf Personen werden am Ende wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte festgenommen. Um 4.30 Uhr ist alles vorbei. Am Sendlinger Tor kehrt wieder Ruhe ein.

Seitdem habe die Streife keinerlei Auffälligkeiten gemeldet, teilt ein Polizeisprecher am Samstagmorgen mit. Wachsam ist man bei der Polizei trotzdem. Bereits 2014 sind Flüchtlinge nach einem Hungerstreik am Sendlinger Tor auf Bäume geklettert. Das soll sich nicht noch ein weiteres Mal wiederholen.

© SZ.de/amm
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