bedeckt München

Sendling-Westpark:Bitte bedienen Sie sich

Öffentlicher Bücherschrank in München, 2013

Gutes Vorbild: Der Bücherschrank am Nordbad wird von den Schwabingern gern angenommen.

(Foto: Robert Haas)

Am Partnachplatz könnte die Idee eines kostenlosen Bücherschrankes schon bald Wirklichkeit werden

Von Berthold Neff, Sendling/Westpark

Gute Aussichten für Leseratten: Der offene Bücherschrank, den ein eigens dafür gegründeter Verein in Sendling-Westpark etablieren will, könnte schon bald, vielleicht schon im Mai, Wirklichkeit werden. Der Standort ist inzwischen fix, es wurde eine Stelle am Partnachplatz gefunden, wo der Bücherschrank niemandem in die Quere kommt. Das war nicht ganz einfach, der Schrank sollte weder den Christbaumverkauf in der Adventszeit behindern noch Kunden von der Buchhandlung am Partnachplatz weglocken. Birgit Straub, seit Kurzem neue Inhaberin der ehemaligen Buchhandlung Kindt am Partnachplatz, war im vorigen Jahr in den Bezirksausschuss gekommen, um dahingehende Bedenken zu äußern. Nun ist man ihr entgegengekommen und hat den Standort verlegt, damit die kostenlose Bücher-Bedientheke möglichst weit von der Buchhandlung entfernt ist und potenzielle Kunden, die aus der U-Bahn Richtung Buchhandlung gehen, nicht ablenkt.

Treibende Kraft für den Bücherschrank ist Günther Sinapius, der seit Jahren schon dieses Projekt verfolgt und auch Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins ist. Der Verein wurde 2014 gegründet, ihm gehören zehn ehemalige und aktive Mitglieder des Bezirksausschusses (BA) Sendling-Westpark an. Auch Sinapius sitzt in diesem Gremium, 2008 wurde der Physiker, der lange Jahre als Prüfer im Europäischen Patentamt tätig war, für die Grünen in den Bezirksausschuss gewählt. "Die Idee eines offenen Bücherschrankes ist, dass lesehungrige Menschen Bücher herausnehmen können, ohne sie zurückbringen zu müssen", fasst Sinapius das Konzept zusammen.

Die Idee, Bücherschränke im öffentlichen Raum zu etablieren, die jederzeit für jedermann zugänglich sind, entstand in den 1990er Jahren. Ein Blick ins Netz (bei Wikipedia sind dazu mehrere Listen zu finden) zeigt, dass in Deutschland und auch in anderen europäischen Ländern eine Vielzahl davon aufgestellt wurden. Der erste Schrank in München ging am 13. Oktober 2013 am Nordbad, an der Ecke Schleißheimer-/Elisabethstraße in Betrieb und wird, so das Fazit der Initiatoren, sehr gut angenommen. Die einzelnen Modelle unterscheiden sich stark, die Bücher werden mal in ausrangierten Telefonzellen, in ausgehöhlten Bäumen oder einfach in Regalen angeboten. Der Bücherschrank am Nordbad ist eine High-Tech-Konstruktion aus Glas und Stahl mit einem schweren, mit Sand gefüllten Sockel. Er ist mit 2,17 Metern ein bisschen größer als der Basketballer Dirk Nowitzki, die Breite beträgt 1,06 Meter, die Tiefe 65 Zentimeter. Er bietet Platz für bis zu 500 Bücher.

So ähnlich soll auch der Bücherschrank am Partnachplatz aussehen, allerdings setzt man hier auf eine rote Lackierung und will auf die Kunstvitrine, die beim Schwabinger Pendant an der Seite zu sehen ist, verzichten. Dennoch kostet der Schrank mit Lieferung und Aufbau etwa 8500 Euro, und da der Geldtopf des Bezirksausschusses für Zuschüsse nicht gerade üppig befüllt ist, muss der Verein mindestens die Hälfte der anfallenden Kosten durch Spenden und Sponsoren auftreiben. Wer dazu seinen Beitrag leisten will, kann sich per Mail unter gsinapius@gmx.de bei Günther Sinapius melden. Da der Verein gemeinnützig ist, können die Spenden von der Steuer abgesetzt werden.

Während es bei den Finanzen noch etwas übersichtlich aussieht, dürfte das künftige Bücherangebot wohl nichts zu wünschen übrig lassen. Sinapius selbst hat schon einige Bücher in petto, um sie einzustellen, darunter wohl das eine oder andere Werk des polnischen Autors Stanisław Lem, dessen Science-Fiction-Romane der Physiker Sinapius besonders mag. An Büchern, da ist sich der Initiator sicher, wird es dem Schrank nicht mangeln, die Schrank-Betreuer werden wohl eher auslesen müssen. Wenn aber alles gut läuft, könnte im Mai die große Eröffnungsfeier steigen.

© SZ vom 22.01.2016

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