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Sendling:Käse im luftleeren Raum

Mit vakuumierbaren Boxen und einem Pfandsystem will Patrick Eichler den ersten verpackungsfreien Lieferdienst für Lebensmittel auf die Beine stellen. Von Skeptikern lässt er sich nicht beeindrucken

Von Justus Wilke

Patrick Eichler hat einen Traum: Er möchte Lebensmittel zu 100 Prozent plastikfrei vom Bauernhof in die Kühlschränke der Münchner liefern. Wie das funktionieren soll? Mithilfe von Plastikboxen. Es klingt mehr ironisch als logisch, aber Eichler ist von seiner Idee überzeugt. Zusammen mit Finn Röder und seiner Schwester Sarah Becker hat er den Lieferdienst Regio Delivery gegründet. Seit anderthalb Jahren holen sie frisches Obst und Gemüse von regionalen Herstellern, packen es in Kisten und fahren damit bis an die Haustüren der Münchner. Anderen Anbietern von Lebensmittelkisten ist vor allem die Bio-Qualität wichtig. "Bei uns liegt der Fokus auf Regionalität und Transparenz", sagt Patrick Eichler. In Zukunft will das Start-up noch mit einem dritten Attribut werben: plastikfreie Lieferung.

Montagmorgen in Sendling. Eichler und seine Schwester stehen im Laden von Regio Delivery. Die weißen Wände und die Regale aus hellem Holz wirken ebenso frisch wie das Obst. Äpfel, Zwetschgen und Mini-Wassermelonen liegen vor dem Flachbau an der Lindenschmitstraße. Während seine Schwester die ersten Kunden empfängt, erzählt Eichler hinten im Büro von seinem Ziel: "Wir wollen der erste verpackungsfreie Lieferservice hier in Deutschland werden." Produkte wie Fisch oder Käse, die aus hygienischen Gründen in Plastik eingeschweißt werden, will Eichler in vakuumierbaren Boxen ausliefern. Dabei soll ein Pfandsystem helfen: Die Lieferanten bringen saubere Boxen zu den Kunden und nehmen die benutzten wieder mit. Eichler kennt keinen Lieferdienst, der diese Idee schon in der Realität umsetzt, er muss also selbst experimentieren. "Wir testen gerade verschiedene Boxen und schauen, was da die beste Lösung ist." Neben Plastik hat Eichler auch andere Materialien getestet, zum Beispiel Glasboxen mit einem Deckel aus Bambus. Allerdings ist Glas schwerer und kann schneller kaputtgehen. Deshalb sollen wohl Plastikboxen die plastikfreie Lieferung möglich machen, dabei ist ein Vakuum besonders wichtig.

Bald ganz ohne Plastik? Sarah Becker und ihr Bruder Patrick Eichler haben vor anderthalb Jahren den Lieferdienst Regio Delivery gegründet. Von ihrem Laden in Sendling aus beliefern sie die Kunden mit Salat und Tomaten aus der Region. In Zukunft wollen sie dabei ganz auf Verpackungen verzichten.

(Foto: Stephan Rumpf)

Vakuumverpackte Lebensmittel sind länger haltbar, aber wie entsteht in der Box überhaupt ein Vakuum? Eichler hat auf die Frage gewartet, er zückt sofort eine Pumpe und greift zur Plastikbox. Über ein Ventil pumpt Eichler die Luft aus der Box heraus. Es sieht so aus, als würde Eichler einen Fußball aufpumpen - nur eben andersherum. So entsteht in der Box ein Unterdruck, auch Vakuum genannt. Eichler ist sicher, dass vakuumierbare Boxen eine gute Option sind. Es gibt aber auch andere Meinungen.

"Ich denke nicht, dass Vakuum die Lösung ist", sagt Hannah Sartin. Sie führt seit 2016 den verpackungsfreien Supermarkt "Ohne", der inzwischen zwei Filialen in Schwabing und Haidhausen hat. Selbst in ihren Läden werde ein kleiner Teil der Produkte mit Plastikverpackungen geliefert und dann umgefüllt. Es sei zwar möglich, 100 Prozent plastikfrei einzukaufen, sagt Sartin, "aber nur, wenn man Abstriche macht". Man müsse dann eben auf einige Produkte verzichten. Anstatt sich Fleisch in vakuumierbaren Boxen liefern zu lassen, fände sie es sinnvoller, zur Metzgerei um die Ecke zu laufen.

Frische Produkte frei Haus

Immer mehr Münchner lassen sich frische Äpfel und Tomaten aus dem Umland direkt an die Haustür bringen. Verschiedene Lieferdienste decken die steigende Nachfrage - eine Auswahl: Im Gegensatz zu Regio Delivery sind die Isarland Ökokiste (isarland.de) und die Amperhof Ökokiste (amperhof.de) schon seit Jahrzehnten in München etabliert. Im Online-Shop suchen sich die Kunden eine zusammengestellte Box oder auch nur einzelne Artikel aus. Dabei gibt es nicht nur Bio-Kraut und Bio-Rüben, sondern auch Produkte wie Kaffee, Kakao und Kosmetik. Beide Anbieter beackern das gesamte Stadtgebiet und beliefern zusätzlich einige Landkreise. Die Kunden können auch ohne Abonnements in den Online-Shops einkaufen und müssen dabei keinen Mindestbestellwert beachten.

Die Familie Trübenecker verkauft Obst, Gemüse und Säfte auf dem Viktualienmarkt. Seit 2013 ist truebenecker.de online, womit Kunden sich den Marktbesuch sparen können. Auch bei Trübenecker haben sie die Wahl zwischen fertigen Kisten oder einzelnen Produkten. Der Mindestbestellwert liegt bei 25 Euro, ein Abo ist optional. Etepetete (etepetete-bio.de) möchte Lebensmittelverschwendung verhindern. 2015 in München gegründet, verschrieb sich Etepetete der Rettung krummer Karotten und Gurken. Denn Lebensmittel, die es wegen ihrer Form nicht in den Supermarkt schaffen, will Etepetete trotzdem auf den Teller bringen. Der Inhalt der Kisten variiert witterungsbedingt, individuelle Wünsche sind nicht möglich. Dafür suchen sich die Abo-Kunden den Liefertermin selbst aus. wiju

Und wie steht die Münchner Lebensmittelüberwachung zu Eichlers Idee? "Grundsätzlich wäre eine plastikfreie Lieferung vom Erzeuger bis zum Kunden denkbar", sagt Johannes Mayer, Pressesprecher des Kreisverwaltungsreferats. Es müssten sich aber alle Unternehmen in der Lieferkette darum kümmern, "dass die Lebensmittel nicht kontaminiert oder nachteilig beeinflusst werden". Bei Regio Delivery sei das möglich, sagt Patrick Eichler. Die Partner des Start-ups hätten keine großen Fabriken, daher könnten sie sich auf das Pfandsystem einlassen. Außerdem sind die Lieferketten kurz, einige Lebensmittel holen die Mitarbeiter von Regio Delivery direkt beim Betrieb ab. Bei größeren Partnern wäre das ein Problem.

Schwieriger ist für Regio Delivery die Finanzierung. Allein die Boxen für die zurzeit etwa 1 500 Kunden würden viel Geld kosten. Deshalb will Eichler voraussichtlich im Oktober ein Crowdfunding-Projekt starten, er hofft auf mehrere Zehntausend Euro. Eichler ist ehrgeizig, und trotz der offenen Fragen zeigt er sich zuversichtlich: "Es bedeutet einen großen Mehraufwand, das wissen wir. Aber es bringt auch einen großen Benefit." Bevor Eichler das Büro wieder verlässt und aufhört, über seinen Traum zu sprechen, sagt er noch: "Möglich ist es auf jeden Fall!"

© SZ vom 12.09.2020

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