bedeckt München 11°
vgwortpixel

Sendling:Druck und Gegendruck

Die Bürgerversammlung lehnt die Kletterhallen-Pläne des Alpenvereins vehement ab. Auch die Verwaltung sieht die so wichtige Frischluftschneise in Gefahr

Ein Plan aus den Neunzigerjahren ist in der Bürgerversammlung in Sendling zu neuen Ehren gekommen: Ein Spazier- und Radweg von der Theresienwiese über die Isar, den Stadtplaner Paul Bickelbacher damals als Praktikant im städtischen Planungsreferat entwickelte - ein schnurgerader Weg entlang der Bahngleise bis Untergiesing. Einstimmig forderten die etwa 350 Bürger in der Sporthalle an der Gaißacher Straße Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), Stadtrat und Verwaltung auf, diesen Radweg umzusetzen. Zuerst sollen sie die Deutsche Bahn gewinnen, dafür die Braunauer Eisenbahnbrücke zu öffnen. Mit diesem Teilstück würde von Pasing bis Untergiesing eine abgasfreie Verbindung geschaffen, sagte der Antragsteller, ein Ingenieur, der vom Plan lediglich aus einer älteren Zeitung wusste.

Versammlungsleiterin Katrin Habenschaden, Stadträtin und OB-Kandidatin für die Grünen/Rosa Liste, wird sich gefreut haben: Mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger, behutsamere Eingriffe in gewachsene Strukturen und eine vorausschauende Planung - die Versammlung war ein Plädoyer für Lebensqualität und das Erhalten von Diversität. So sollen jedes Jahr zwei Parkplätze von hundert abgebaut werden - zugunsten von mehr Grün oder einfach, um mehr Platz zu haben. Die Versammlung votierte auch fast einstimmig dafür, dass der Stadtrat die unlängst gekürzte Vorgabe für Grünflächen je Einwohner wieder erhöht auf die 32 Quadratmeter, die vorher galten. Ökologisch wichtige Flächen in der Stadt sollen erfasst und auch berücksichtigt werden - so "eine kleine Oase" an der Gotzinger Straße, die seltene Vogelarten anzöge.

Braunauer Eisenbahnbrücke am 25.09.2018 in München.

Für die Öffnung der Braunauer Eisenbahnbrücke für Radler und Spaziergänger plädieren die Bürger einstimmig.

(Foto: Jan Staiger)

Das Großmarktareal soll in Anlehnung an gewachsene Stadtviertel entwickelt werden. Vor dem Teilrückzug der Markthallen müsse man sich mit dem frei werdenden Gelände beschäftigen, jetzt einen "Masterplan" entwickeln - und nicht erst, wenn es zu spät sei. Auf dem Vorplatz des Großmarkts, am Rand der ehemaligen Sortieranlage, werde so eine ungeplante Veränderung bald erleben sein, hieß es. Auf dem schmalen Grundstück, das die Abschleppfirma Eichenseher an der Ecke Gotzinger- und Oberländerstraße freigemacht hat, hat die Lokalbaukommission (LBK) ein mehrstöckiges Bürohaus genehmigt, aus Metall und Glas, nur wenige Häuser entfernt vom Alten Fruchthof, ein Jugendstil-Bau. Sie musste zustimmen, sagte der LBK-Vertreter auf der Versammlung. Für das Grundstück habe die Stadt vorher keinen Bebauungsplan erlassen, daher könne sich der Bauherr bei der Planung an den höchsten und größten Gebäuden des Umfelds orientieren. Eine Anwohnerin sieht den Bürobau als "Referenzobjekt" für spätere Projekte bis tief hinein ins Großmarktareal. Die benachbarte Bananenhalle werde bald frei. "Das Quartier fängt jetzt an, sich zu verändern. Deshalb muss jetzt gehandelt werden", sagte sie unter viel Applaus. Auch ihre Forderungen wurden einstimmig unterstützt.

Andere Bauprojekte stießen auf Zustimmung. Der Bezirksausschuss (BA) mit seinem Vorsitzenden Markus Lutz (SPD) erntete Applaus für sein Beharren auf eine Bebauung der "Sendlinger Wüste" am Herzog-Ernst-Platz mit bezahlbaren Wohnungen. Ins Leere ging ein Antrag von Nachbarn des Schulneubaus an der Reutberger Straße, denen der Multifunktionskomplex zu massiv ist. Ein Vertreter des Referats für Bildung und Sport gab zu, dass aktuelle Schulprojekte "oft wie hineingepfercht" wirkten. Doch München habe eine "Bedarfsexplosion", das Baurecht werde ausgeschöpft, aber im zulässigen Rahmen.

Obstgroßhändler in der Münchner Großmarkthalle, 2016

Bald ziehen die Händler sich von diesem Teil des Großmarktgeländes zurück. Die Sendlinger fürchten eine gesichtslose Bebauung und fordern einen frühen "Masterplan".

(Foto: Stephan Rumpf)

Das maßgebliche Thema der Versammlung war eines, das eigentlich nicht virulent sein müsste: Der Deutsche Alpenverein (DAV), der die Außenkletteranlage im Kletterzentrum Thalkirchen abreißen und eine zweistöckige Halle bauen will, hat einen Antrag dazu im Sommer zurückgezogen, nachdem Behörden Ablehnung für eine "Großinstandsetzung und Erweiterung einer Außenboulderanlage" mitten in der Frischluftschneise signalisiert hatten. Doch die Befürchtung, dass der Verein auf die Politik Druck ausübt, ist groß in Sendling: Es geht um frische Luft, ums Klima, um Artenschutz. Anlieger wiesen auf den Parkdruck hin, auf zu viel Verkehr. Nutzer der Kletterfelsen lobten deren Charme und riefen zur "Rettung des Schreins" auf. Viel Lob gab es auch hier für den BA für seinen steten Einsatz. Markus Lutz verwies den DAV auf mögliche Standorte im Westen Münchens, wo viel gebaut werde und Sportangebote fehlten.

Aus der Versammlung wurde gefordert, eine Sonderversammlung anzusetzen, sobald der DAV wieder einen Antrag vorlege. Seitens der LBK hieß es, dass dies schon der dritte Vorstoß des DAV in die Frischluftschneise sei: 1988 wurde der Klettergarten gebaut, danach zwei Hallen. Jetzt solle der Klettergarten durch eine dritte Halle ersetzt werden. Die Frischluftschneise sei für ganz München, sagte der Vertreter der LBK. Werde sie immer mehr verdichtet, kippe sie, werde zur "Innenbereichsfläche", also zu Bauland. Man müsse sich überlegen, was in der Frischluftschneise liegen solle: Sportgelände und Gärten, wie zur Zeit - oder Wohnbauten.

© SZ vom 26.10.2019
Zur SZ-Startseite