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Sendling:Die Griffe falsch gesetzt

Soll größer werden: die Kletteranlage des Alpenvereins in Sendling.

(Foto: Robert Haas)

Im Stadtteil reißt der Protest gegen eine neue Kletterhalle nicht ab. Die Verwaltung spricht nun von "Großinstandsetzung der Außenboulderanlage" - ein "Etikettenschwindel", schimpft der Bezirksausschuss

In Sendling schaut man etwas fassungslos auf das Lavieren der Stadt, was die Neubaupläne des Deutschen Alpenvereins (DAV) auf dem Klettergelände München Süd angeht. Auch der Nachbar, die Spielvereinigung (SpVgg) Thalkirchen, ist darüber erbost. "Seit vielen Jahren dehnt sich der DAV in Thalkirchen sukzessive und gegen alle Widerstände aus dem Kreise von Anwohnern und Vereinen aus", sagt SpVgg-Vorstand Thomas Huber. "Und niemand gebietet Einhalt. Im Gegenteil, der OB begrüßt dieses Verhalten offenbar auch noch."

Auch die jüngste Bürgerversammlung hatte sich eindeutig gegen eine weitere Erweiterung, eine Boulderhalle auf dem bisherigen Boulder-Freigelände, ausgesprochen. Es gebe bereits jetzt viel zu viel Verkehr, viele Autos haben auswärtige Kennzeichen. Anwohner, die nahe Kleingartenanlage SW 24 und der Fußballclub Thalkirchen, der direkt nebenan auf der Betriebssportanlage seine Heimat hat, klagen über Parkplatzmangel. Und kaum einer kann verstehen, warum schon wieder eine Halle ausgerechnet in die Frischluftschneise gebaut werden darf.

Dass nicht alles bei den Verhandlungen der Stadt mit dem sehr mitgliederstarken Verein mit rechten Dingen zugeht, argwöhnt der Bezirksausschuss. In dem Gremium gingen Beschlussfassungen immer einstimmig aus - gegen die Halle. Eigentlich hatte der DAV wegen des Protests seinen Bauantrag schon zurückgezogen, er präsentierte dann allerdings 10 000 Unterstützer des Hallenprojekts, viele von auswärts, die eine Online-Petition unterschrieben haben. Vor der OB-Wahl schwenkten SPD und Grüne auf Stadtratsebene um, stellten sich damit gegen ihre eigenen Parteikollegen im Sendlinger Gremium. Jetzt sollte der Bezirksausschuss kurzfristig eine Stellungnahme abgeben zu einer Kompromisslösung, ein "Anhörungsfall", wie die Lokalbaukommission (LBK) es in dem Schreiben nennt. Darin sei von einem Vorhaben "Großinstandsetzung der Außenboulderanlage Thalkirchen" die Rede, was bei den Sendlinger Lokalpolitikern nicht gut angekommen sei, berichtet Ernst Dill (SPD), der Vorsitzende des Unterausschusses Bau. Das sei "Etikettenschwindel". Es handle sich eindeutig um Pläne für eine neue Halle, nicht um eine Sanierung einer Freianlage. "How dare you?", fragt Dill. Wieso wage die Stadt überhaupt so etwas? "Der Stadtrat proklamiert für München den Klimanotstand und betoniert dann - wie hier in Sendling - ihre Freiflächen und Frischluftschneisen zu."

Im Außenbereich im Fall von Sportanlagen seien Geräteschuppen oder WC-Anlagen zulässig, doch keine Kletter- oder Boulderhalle. Die LBK habe dem DAV bereits eine nicht genehmigungsfähige Kletterhalle auf dem Sportgelände genehmigt. "Aber die LBK muss ja den Fluch der bösen Tat nicht weiter perpetuieren", sagt Dill. Auch sei ihr bekannt, dass mit jedem weiteren umgebauten Kubikzentimeter der rechtliche Bestand und Schutz der Grünfläche und der Frischluftschneise weiter demontiert werde.

Der BA hat noch andere Auffälligkeiten gefunden: Weder auf die Anträge der Bürgerversammlungen der vergangenen zwei Jahre habe die Stadtverwaltung reagiert. Die Frist für eine Antwort ist längst abgelaufen. Noch habe die Stadt dem BA auf Anforderung den Inhalt des Erbpachtvertrags bekanntgegeben. "Das Grundstück gehört uns, der Stadt. Warum dürfen wir nicht erfahren, was der DAV dort vertraglich bauen darf oder nicht?"

Ursprünglich war das jetzige Kletterzentrum Teil der Bezirkssportanlage. Die Kletterübungsanlage wurde 1988 dem DAV zur Nutzung überlassen. Zehn Jahre danach baute dieser seine erste Halle neben den Klettergarten. Als er 2010 wieder erweitern und umbauen wollte, musste der DAV teils kompensieren - wegen des Grünverlusts, wegen des Eingriffs in die Frischluftschneise. Die neuen Bauabsichten würden ebenso herbe Eingriffe, im Endeffekt aber noch größere Konsequenzen nach sich ziehen, befürchtet man in Sendling. Zwar ist das Gelände dort abgesenkt, doch der Neubau würde mit acht Metern über das Niveau hinausgehen und sich nicht anschließen, sagte BA-Vorsitzender Markus Lutz (SPD). Damit entstehe auch dort ein hinausragendes Gebäude, die Schneise werde unterbrochen. Im Flächennutzungsplan sei das ganze Gelände inklusive dem Fußballplatz eine Grünfläche, auf der Sport unter freiem Himmel erlaubt ist. Jetzt sünden da bereits Gebäude, und dann solle nun noch eines hinzukommen - mehr als 50 Meter lang. Damit sei die Grünanlage kaputt gemacht. "Dann kann man sie auch, wenn man will, komplett zubetonieren."

© SZ vom 27.03.2020
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