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Sendling:Der Widerstand wächst

Die Initiative "Großmarkt in Sendling - jetzt" ruft an diesem Mittwoch zu einer ersten Veranstaltung alle zusammen, die auf dem Großmarktgelände arbeiten. Denn die Angst der Händler vor der ungewissen Zukunft ist groß

Fritz Moss importiert Obst und Gemüse, vieles liefert er an Münchner Restaurants. Doch in der Halle 2 auf dem Großmarktareal macht er fast 40 Prozent seines Umsatzes. Dort verkauft er vor allem an kleine Händler, die wiederum das veräußern, was er importiert hat. Moss ist einer der Fruchthändler, die einen Umzug nach Vaterstetten nicht ausschließen: "Wir sind hin- und hergerissen." Weg aus Sendling will er keinesfalls, aber: Die Stadt lasse die Händler bereits seit zwölf Jahren hängen, sagt er. "Es gibt keine Rahmenbedingungen, wir wissen nicht, wie es weitergeht und ob wir die Miete in einem Neubau noch bezahlen können."

Hängengelassen - so fühlen sich viele Händler in den Hallen. Nein, sie wollten nicht nach Vaterstetten, sagt ein Angestellter der vor 100 Jahre gegründeten Firma Luigi di Lenardo: "Wir wollen, dass hier auf dem Gelände die neue Großmarktzentrale entsteht." Zwar gebe es den Stadtratsbeschluss, doch offenbar sei das Großmarktareal nun für anderes vorgesehen, vermutet er. Gemunkelt wird, dass die städtischen Politiker mit Bauland wahrscheinlich den großen Reibach machen wollen. Und es sei schon so vieles falsch gelaufen. Die Stadt hätte schon vor 20 Jahren bauen sollen, dann wären nicht viele Millionen Euro in marode Gebäude gesteckt worden. Und die Händler könnten vielleicht dann auch die Mieten finanzieren.

Unsinniges, aber auch viel Sinnvolles hört man im Großmarkt. "Man darf das Ganze nicht nur rein ökonomisch betrachten", sagt Hans Widmann, einer der beiden Geschäftsführer der Firma Widmann, die auf Beeren spezialisiert ist, "sonst könnte man den Viktualienmarkt ja auch ab- und Bürokomplexe hinbauen." Ihm und seinem Bruder Michael liegt sehr viel am Standort Sendling, ihr Vater war schon hier, sie schätzen das Milieu und würden es sehr bedauern, sollte der Handel an den Stadtrand abgeschoben werden. Michael Widmann weist darauf hin, dass die Zahl der Händler und der Kunden nach und nach kleiner werde, angesichts des schnellen Strukturwandels wird es seiner Erfahrung folgend für die Kleinen immer schwieriger, zu bestehen. Schon jetzt würden fast nur die Firmen überleben, die "den Spagat" schaffen, sagt Hans Widmann. Das heißt: Sie müssen kleine Kunden versorgen, aber auch große Supermarktketten.

Granit Sumaj, Großhändler bei "Früchte Welt", hält ebenfalls nichts von einem Umzug. Überall dort, wo der Großmarkt die Stadt verlassen habe, sei er pleite gegangen, behauptet er. Jedenfalls seien die Erfahrungen aus Paris, London und Frankfurt nicht positiv. In Paris sei die Atmosphäre weg, in Frankfurt bereuten die Händler den Auszug sehr. Ein Weg zurück sei nun nicht mehr möglich. Nur in London wird überlegt, wie man den Großmarkt wieder in die Innenstadt zurückbringen könne.

Die Initiative "Großmarkt in Sendling - jetzt" hat sich erst Mitte April gegründet, an diesem Mittwoch will sie bei einer ersten Veranstaltung alle, die auf dem Großmarktgelände arbeiten, informieren. Die Händler bräuchten dringend Planungssicherheit, hätten keine Stimme, keine echte Lobby, sagen die Initiatoren. Aber auch die Erzeuger und Betreiber des Großmarktes sollten eine Plattform haben, auf der sie sich für einen baldigen Neubau einer Großmarkthalle auf dem derzeitigen Areal aussprechen können, so die Zusammenfassung von Christa Heidingsfelder. In ihrem Büro einer Firma, die Kühlhallen zur Verfügung stellt, laufen alle Infostränge von "Großmarkt in Sendling - jetzt" zusammen. Die Initiative hat bereits erste Erfolge vorzuweisen: Die Erzeugergemeinschaft der Gärtner, 23 Unternehmen, hat sich angeschlossen. Heidingsfelder hofft auch auf Unterstützung aus der Bevölkerung: "Wenn der Großmarkt nicht mehr da ist, dann gibt es schon noch Äpfel. Aber nicht mehr so viele Sorten."

Auch die Kunsthistorikerin Constanze Lindner Haigis, in Sendling zuhause, unterstützt die Initiative. Für sie sei der Großmarkt immer noch die zentrale Lebensmittelversorgungsstelle der Stadt, sagt sie auf einem kunsthistorischen Rundgang über das Gelände. Und der Betrieb spiegelt sich nach außen in Sendling wieder: ein historisch gewachsenes Viertel, eine bunte Mischung von Menschen, die dort leben und arbeiten. Lindner Haigis freut sich darüber, dass mit dem Hallenneubau auch die Alte Thalkirchner Straße wieder für Fußgänger und Radler geöffnet werden soll - die direkte Verbindung in die Müllerstraße und zum Sendlinger Tor. Auch könne sich Sendling bei dem geplanten Rückzug der Händler auf den hinteren Teil an der Schäftlarnstraße auf dem frei werdenden Gelände noch stärker mit dem Großmarkt verbinden - mit Wohnungen. Auch früher seien auf dem Gelände für die Arbeiter Unterkünfte gebaut worden. Über die Sortieranlage wachse der Großmarkt bereits jetzt schon ins Viertel, auch das ließe sich dann erweitern: Die unter Denkmalschutz stehende Halle 1, schlägt sie vor, könnte man ähnlich der Schrannenhalle gastronomisch nutzen.

Tanja Mecikukic hat sich ebenfalls der Initiative angeschlossen. Seit zehn Jahren betreibt sie den Kiosk, aus dem schon Ruth Drexel in Franz Xaver Bogners Fernsehserie "Zur Freiheit" als Paula herausschaute; die Halle gehört für sie einfach zu Sendling. Sie selbst wohnt zwar nicht im Stadtteil, aber: Man sei ja gleich da als Radlerin, der Großmarkt sei schließlich optimal angebunden. Für die Radler sowieso, dann durch U-Bahn und Bus, gleich daneben verläuft die Stadtautobahn. Wenn der Großmarkt das Viertel verlassen sollte, dann sei sie nicht dabei, sagt sie. Was dann aus ihr wird, weiß sie nicht. Das Kioskhäuschen aber bleibt in jedem Fall, denn das steht unter Denkmalschutz.

© SZ vom 24.05.2017
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