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Sendling:Auf Kritik folgen lobende Worte

An der Ecke Gotzinger- und Oberländerstraße wird das neue Bürohochhaus entstehen.

(Foto: Sebastian Gabriel/Urban Progress)

Bei der Grundsteinlegung sind sich alle einig: Das "Netzwerkhaus" bereichere das Leben

Von Birgit Lotze, Sendling

Es ist noch gar nicht lange her, da war die Abschleppfirma Eichenseher an der Ecke Gotzinger- und Oberländerstraße angesiedelt. Ein Bürohaus soll an der Stelle jetzt hochwachsen, die Lokalbaukommission (LBK) hat es genehmigt, aus Metall und Glas, am Rande des Ensembleschutz-Gebiets, nur wenige Häuser entfernt vom alten Fruchthof, einem Jugendstil-Bau. Das Gebäude passe absolut nicht ins Umfeld, kritisierten Anwohnern und Politiker im Stadtviertel. Der Zorn gilt allerdings weniger dem Bauherrn, die Stadt sei schuld, heißt es bei den Politikern. Sie habe versäumt, frühzeitig einen Bebauungsplan für das gesamte Areal rund um den Großmarkt zu erstellen. Bei der Grundsteinlegung für das Neubauprojekt gab es dann nur lobende Worte für das Projekt "comN - das Netzwerkhaus", ein Bürogebäude für Co-Working, in dem sich moderne Einzelarbeiter oder kleine Firmen niederlassen sollen.

Entwickelt wird es von Matthias Ottmann und seiner Firma Urban Progress. Ottmann kommt ursprünglich von der Südhausbau und ist Großneffe eben des Bauunternehmers Karl Stöhr, der 1911 den Fruchthof und damit den ersten Gewerbehof Münchens baute. Münchens Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner gratulierte ihm zum Konzept und zum Standort. Er begrüße es, dass gerade in Sendling, einem Viertel, in dem sich Arbeit und Leben mischten, wieder ein Gewerbeobjekt entstehe. Der nach wie vor geringe Leerstand bei Büroimmobilien zeige, dass München dringend Büroflächen benötige. Auch Homeoffice "wird der Nachfrage keinen Abbruch tun", so die Einschätzung des Referenten für Arbeit und Wirtschaft.

Architektin Ruth Berktold von Yes Architecture sprach von Vernetzung, Offenheit und Begegnungen und hob einige Besonderheiten der in Brickhouse-Architektur konzipierten Immobilie hervor. Der offene Eingangsbereich mit der Townhall erfülle eine wichtige Funktion, um gelebte Gemeinschaft zu fördern. Im Erdgeschoss solle Gastronomie einziehen, den Mietern ein Dachgarten mit Blick über Sendling zur Verfügung stehen. Berktold betonte, dass sich die Ansprüche von Unternehmen an Büroräume stark veränderten. Deshalb seien auch ein Fitness-Club und Schlafzonen vorgesehen.

IHK-New-Work-Fachmann Sebastian John zeigte sich überzeugt: Das Gebäude reagiere auf den Trend zur Flexibilisierung von Arbeit. "Unabhängigkeit von Ort und Zeit des Arbeitens, begleitet von einem Trend zu weniger Hierarchien und zu mehr Netzwerkarbeit in Unternehmen." Die Offenheit des Gebäudes lobte auch Markus Lutz (SPD), Vorsitzender des Bezirksausschusses. "Das Charmante ist, dass es sich zum Stadtviertel hin öffnet und nicht nur für Büronutzer zugänglich ist." Es sei positiv, wenn man Leben und Arbeiten in einem Viertel zusammenbringe. In Sendling habe man schon wegen der Großmarkthalle immer gelebt und gearbeitet. Das sei eine Besonderheit Sendlings, und die solle auch bleiben.

© SZ vom 25.09.2020

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