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Schwule Szene in München:Nur die Mutigen halten Händchen

Kirchensteuer für gleichgeschlechtliche Paare

Gleichgeschlechtliche Lebenspartner sind nun bei der Kirchensteuer in Bayern verheirateten Paaren gleichgestellt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Sich zu outen, war in München noch nie so unkompliziert wie heute. Einerseits. Doch die Schwulenszene an der Müllerstraße verschwindet zusehends. Die Gegend ist ein Trendviertel für alle geworden - und den Homosexuellen gehen die Schutzräume aus.

Von Mathias Weber

An einem Sonntag im September prallen Tradition und Progressivität aufeinander - friedlich. Und zwar jedes Jahr, wenn Tausende Schwule und ihre Freunde am ersten Wiesn-Sonntag in der Bräurosl feiern, trinken, flirten und knutschen. Die "Rosa Wiesn" gehört zum Pflichtprogramm für Schwule aus ganz Europa und von noch weiter her.

Nachmittags steigt sogar der Oberbürgermeister auf die Bühne und dirigiert den Defiliermarsch; nur sein Vorgänger, der auch noch einmal auf die Bühne muss, bekommt noch mehr Applaus. Und die Bedienung, ganz entspannt, sagt: "Der erste Sonntag ist der einzige Tag, an dem es keine Schlägerei gibt."

Schwulsein in München kann Spaß machen: Eine rosa Partei sitzt im Stadtrat, die Stadtverwaltung unterstützt homosexuelle Beratungseinrichtungen, fast jedes Wochenende gibt es eine schwule Party, schwule Straßenfeste sind gut besucht. Und trotzdem heißt es immer wieder, dass die Münchner Szene eingeschlafen ist. Es tue sich kaum noch etwas, es herrsche Stagnation: Entlang der Müllerstraße gab es vor 20, 25 Jahren noch 50 schwule Lokale. Heute kann man sie an einer Hand abzählen.

Dass ein schwules Lokal neu eröffnen würde, hat das Gärtnerplatzviertel schon lange nicht mehr erlebt. Und das hat mittlerweile Folgen für die Szene, wie es Kai Kundrath vom Münchner Jugendzentrum Sub auf den Punkt bringt: "Vor 20 Jahren konnte man auf der Müllerstraße noch Hand in Hand gehen, heute wird man blöd angemacht."

"Händchenhalten? Unsere Jugendlichen trauen sich das immer weniger", sagt auch Leander vom schwulen Jugendtreff Diversity in der Münchner Blumenstraße. Früher, sagt er, habe man gewusst, was einen im Viertel erwarte, heute vermische sich alles. "Wir haben jetzt ein Hetero-Inviertel, das Straßenbild hat sich komplett geändert. Man hat zwar keine Angst, dass man verhauen wird, aber bevor man sich küsst, schaut man schon mal links und rechts."

Orte, wo man unter seinesgleichen ist? Verschwunden

Auch wenn es immer mehr gay-friendly-Läden in München gebe, auch wenn es noch nie so unkompliziert war wie heute, sich zu outen: Schwule bräuchten ihre Schutzräume, sagt Sub-Berater Kundrath, nach wie vor. "Gerade diejenigen, die ungeoutet sind, stören sich an der Entwicklung", sagt Leander. Schutzräume wie die Rosa Wiesn, den Christopher Street Day, schwule Partys am Wochenende; Räume, in denen die Männer sie selbst sein können, in denen sie flirten können, in denen sie unter ihresgleichen sind.

So richtig aber sei das auf der Müllerstraße eben nicht mehr möglich, dieser Straße, die mittlerweile zu einer Verlängerung der Feierbanane an der Sonnenstraße geworden ist: Immer mehr Clubs machen hier auf. Die ziehen Publikum an, das zuerst in eine Bar geht, dann in den Club nebenan und sich am Ende mitten in der Nacht im Bazi's einen Schweinbraten to go oder beim Alpenbistro einen Döner reinzieht.

Das stört mittlerweile auch die Nachbarn, die die laute Gastronomie nicht mehr gewohnt sind. Das Publikum wird immer jünger - und ist zusehends durchmischt. "Da kommen dann auch die Prolls", sagt Kundrath knallhart. "Ob man als Schwuler mit denen feiern will?"

Winzig aber beliebt: das Jennifer Parks

Viele Läden gibt es für die Schwulen (und auch Lesben) nicht mehr. Und die, die es noch gibt, sind "fast nicht der Rede wert". Das glaubt Max, ein 24-jähriger Student, der mit seinen Freunden am Wochenende gerne mal in der Szene unterwegs ist. Oft gehen sie zum Beispiel ins Jennifer Parks, einer winzigen schwulen Bar an der Holzstraße. Aber da sei man tatsächlich auch sehr oft, sagt Max, seine Freunde stimmen ihm zu: "Es gibt schon schwule Lokale, aber es ist immer dasselbe."

Winzig, beliebt und ohne viele Alternativen: das "Jennifer Parks" in der Holzstrasse.

(Foto: Stephan Rumpf)

Am Wochenende gehen sie ab uns zu auf schwule Partys, beliebt sind das "Jennifer Parks Tanzt" im Oberangertheater oder der "Candy Club" in der Roten Sonne, wo alternative Musik gespielt wird - einer der wenigen Orte, wo man keine Mainstream-Musik erwarten kann. Ein paar schwule Boazn und Absturzkneipen mit ihrem Ü-50-Publikum gibt es noch, ebenso den Ochsengarten, die Lederkneipe, die als eine der letzten Lokale an der Müllerstraße die Fenster schwarz verklebt hat.

Man kann auf ein Schnitzel ins Kraftakt gehen oder ins Café vom Sub - keine richtige Bar, aber zumindest ist dort das Bier günstig. Und natürlich gibt es noch die bekannte Deutsche Eiche in der Reichenbachstraße, mit ihrem Restaurant und der Sauna im Keller - auch nicht jedermanns Sache. Recht viel mehr ist entlang der Müllerstraße aber nicht mehr geboten - es herrscht Flaute in der Szene. Also wohin in München, mit immer weniger schwulen Läden?

"Man will sich doch immer noch in Echt kennen lernen"

Ist bald alles eine große Szene? Lernt man sich nur noch im Internet kennen, wie es eine Umfrage des Sub im April diesen Jahres nahegelegt hat (siehe unten)? "Das glaube ich nicht", sagt Peter Fleming. Der Gastronom steht hinter dem Gary Klein, der schwulen, mittwöchlichen Version des Harry Klein in der Sonnenstraße. "Man will sich doch immer noch in Echt kennen lernen und auch mit den Freunden zusammen ausgehen", sagt er.

Fleming glaubt nicht, dass es heutzutage ein anderes Ausgehverhalten in der Szene gibt als noch vor Jahrzehnten, es fehle einfach nur das passende Angebot. "Wenn sich eine Bar 25 Jahre lang nicht verändert, dann stirbt sie mit den Gästen", sagt er. "Wenn ich heute nichts Neues biete, kann ich auch nichts Neues erwarten."

Ohne cooles Konzept läuft nix - weder schwul noch hetero

Fleming, der die Münchner Szene seit Anfang der Neunziger kennt, glaubt schon, dass ein neuer schwuler Laden sich lohnen und auch funktionieren würde. Sein Garry Klein laufe durchaus gut, sagt er, auf das ganze Jahr gerechnet zumindest. Fleming fragt sich eher, wo Lokale in der Innenstadt überhaupt noch einen Platz finden können. In der Isarvorstadt gute Lagen und vernünftige Mieten zu entdecken, gleiche einem Glücksspiel. "Als Gastronom muss man ja auch an die Wirtschaftlichkeit denken", sagt Fleming. Und ohne ein cooles Konzept, das die Leute anspricht, gehe es sowieso nicht - nicht schwul und nicht hetero.

Noch vor 20 Jahren war die schwule Szene in München berühmt und berüchtigt, heute ist offenbar eine Bräsigkeit eingezogen, die kaum noch jemanden zufrieden stellt. Leander vom Jugendclub verweist auf die ewige Konkurrenz: "In Berlin ist natürlich mehr los." Club-Geher Max sieht das Angebot in München immerhin pragmatisch: "Besser als gar nichts."

© SZ vom 04.10.2014/infu

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