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Schwanthalerhöhe:Mehr als nur Klamotten

Gelebtes Engagement: Agnes Fuchsloch (links) und Anna Holl.

(Foto: Catherina Hess)

Eine Fotoausstellung im Secondhand-Laden "Vinty's" macht auf die Arbeitsbedingungen vieler Näherinnen aufmerksam

Von Franziska Gerlach, Schwanthalerhöhe

Das "Vinty's" ist keiner dieser Secondhand-Läden, in denen Designerteile zum Preis eines Kleinwagens den Besitzer wechseln. In diesen Tagen, wenn Alinur mit ihren traurigen Augen über romantische Blümchenkleider, hippe T-Shirts und die gemütliche Café-Bar hinweg blickt, zeigt sich das besonders deutlich: Das rund 200 Quadratmeter große Geschäft nahe der Hackerbrücke wird nämlich von der "Aktion Hoffnung" betrieben, einer kirchlichen Hilfsorganisation mit Sitz in Augsburg, die seit 30 Jahren Entwicklungsprojekte unterstützt. Die Veranstaltungen im Vinty's, ihrem im Juni 2015 eröffneten Münchner Laden, sollen also zum Nachdenken anregen über ein Wirtschaftssystem, von dem wenige auf Kosten vieler profitieren. Und deshalb hängen nun auch Bilder von Textilarbeiterinnen aus Bangladesch im Vinty's an der Wand.

Das Foto von Alinur, die sich beim Sprung aus einer brennenden Textilfabrik beide Beine brach, hat Anna Holl im Sommer 2015 gemacht. Sechs Wochen recherchierte die Journalistin in Ashulia, dem Textilviertel der bangladeschischen Hauptstadt Dhaka. Beim Themenabend "Leute machen Kleider - was steckt hinter unserer Mode?", einer Kooperationsveranstaltung mit dem Nord-Süd-Forum, berichtet die Wienerin an diesem Mittwoch, 26. April, von 19.30 Uhr an im Vinty's an der Landsberger Straße 14 von ihren Erfahrungen; bis zum Mittwoch, 10. Mai, werden im Vinty's dann 15 ihrer Fotografien zu sehen sein. Es ist nicht das erste Mal, dass im Vinty's die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie sichtbar werden. Im vergangenen Jahr lief der Dokumentarfilm "The true cost - Der Preis der Mode" und die anschließende Diskussion sei sehr rege gewesen, sagt Filialleiterin Agnes Fuchsloch. Allerdings, das ist ihr doch wichtig, will man den Münchnern nicht mit dem erhobenen Zeigefinger kommen. "Wir wollen nicht moralisieren."

Im Vinty's hängen 1200 Kilo gebrauchte Kleidung an den Stangen, täglich trifft Neuware ein, gesammelt nach sozial- und umweltverträglichen Kriterien. Trotzdem ist es nicht nur ein Klamottenladen: Die Einnahmen fließen in soziale Projekte, zur Zeit baut die Aktion Hoffnung eine Schule in einem libanesischen Flüchtlingslager. Kleiderverleih, Filmabende und selbst eine Modenschau, bei der ein Flüchtling aus Gambia seine afrikanisch inspirierte Kollektion vorstellte, gab es im Vinty's schon.

Ein gute Gelegenheit, das Vinty's kennenzulernen, ist aber auch das monatlich stattfindende Nähcafé: Da kann man nicht nur kostenfrei seine Hosen flicken, sondern entwickelt zudem ein Gefühl dafür, wie viel Arbeit in einem Kleidungsstück steckt. Und dass ein Lohn von umgerechnet 100 Euro im Monat, wie Anna Holl von einer Arbeiterin in Ashulia erfahren hat, verdammt wenig ist, um davon eine Familie zu ernähren.

© SZ vom 26.04.2017

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