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Schwanthalerhöhe:Kraftakt der Solidarität

Im Rekordtempo haben Privatleute, soziale Träger, Stadtverwaltung und Lokalpolitiker auf der Schwanthalerhöhe eine Essensausgabe improvisiert. Der Foodtruck für Bedürftige parkt täglich an der Schrenkstraße

Von Andrea Schlaier, Schwanthalerhöhe

Zu den Organisatoren des Verköstigungsprojekts gehören (von links) Sibylle Stöhr, York Runte, Sabine Herrmann, Matthias Weinzierl und Andrea Huber.

(Foto: Stephan Rumpf)

Gründonnerstag, Andrea Huber steht im Garten des Kösķ, eine ältere Dame kommt auf sie zu - orientalisches Hütchen, gelbes Jäckchen, "Typ Künstlerin", wird die Leiterin des Kulturraums an der Schrenkstraße später erzählen. Sie kennt die Frau, weil sie immer wieder zu Ausstellungen im Haus kommt und jeden Donnerstag auch nach nebenan, zur Essensausgabe der Münchner Tafel. Doch: "Die Lebensmittelausgabe ist bis auf Weiteres geschlossen", heißt es auf einem in Schutzhülle verpackten Blatt Papier, das an der großen geschlossenen Holzpforte neben der St. Benedikt-Kirche klebt. Die Seniorin mit der gelben Jacke steht vor Andrea Huber: "Stimmt es, dass es morgen hier Essen gibt?" Huber nickt. "Statt der Tafel und dann immer freitags?". Huber schüttelt den Kopf: "Jeden Tag, von 12 bis 14 Uhr, erst mal bis 24. April." Zur Premiere am Karfreitag wurden 56 Essen ausgegeben, am Karsamstag 76.

In Folge der Corona-Pandemie entfallen wichtige Hilfsangebote für Bedürftige. Auf der Schwanthalerhöhe, wie an anderen Stellen der Stadt, bleibt die Münchner Tafel geschlossen und auch der "Solidarische Mittagstisch", der seit gut einem Jahr einmal die Woche in der Wohnküche des alternativen Wohnprojekts Ligsalz 8 angeboten wird, kann nicht öffnen. Huber, York Runte vom Ligsalz 8 und Bezirksausschussvorsitzende Sibylle Stöhr (Grüne) haben ob dieses Notstands innerhalb einer Woche ein Projekt auf die Beine gestellt, damit bedürftigen Nachbarn trotzdem dezentral Hilfe widerfährt: Seit Karfreitag und zunächst bis Freitag, 24. April, steht vor dem Kösķ an der Schrenkstraße ein Foodtruck, der von 12 bis 14 Uhr warmes Essen verteilt. Die Portionen werden kurz zuvor in der Küche des Augustiner Bräustüberls gekocht und sind eine Spende. In seiner Feriensitzung kurz vor Ostern hatte der Bezirksausschuss dafür noch einen Zuschuss von 2800 Euro beschlossen. "Und wir haben uns darauf verständigt", berichtet Sibylle Stöhr, "wenn das Projekt in Verlängerung geht, es mit weiteren 5600 Euro zu fördern."

An die selbstverständliche Distanz erinnert sicherheitshalber noch einmal die Kreidetafel.

(Foto: Stephan Rumpf)

Mit im Boot sitzen bei "Das Westend tafelt", wie das Unternehmen nun heißt, neben Kösķ und damit dem Kreisjugendring (KJR) München-Stadt als Träger, Ligsalz 8, Bezirksausschuss, Augustiner Bräustüberl und der Initiative "Solidarität statt Hamsterkäufe" auch das Sozialreferat der Landeshauptstadt, das Bayerische Rote Kreuz und die Obdachlosenhilfe Bayern. Vorbild des Modells "Foodtruck für Bedürftige" sind die zwei mobilen Essensangebote, den die Träger der Bahnhofsmission und ihre Spitzenverbände Diakonie und Caritas mit Unterstützung des Sozialreferates seit Kurzem am Hauptbahnhof und am Karl-Stützel-Platz anbieten.

Die solidarische Nachbarschaft in der Schwanthalerhöhe ist legendär, die Wege zueinander im kleinen Bezirk kurz und der Vernetzungsgrad im Viertel überdurchschnittlich hoch. Auch daran mag es liegen, dass von der Idee zur Umsetzung dieser Hilfsaktion nur sieben Tage vergangen sind - in einer vor Ausnahmeregelungen strotzenden Zeit.

"Los ging's", erzählt Andrea Huber, "als mich eine Künstlerin aus dem Westend gefragt hat, ob man hier nicht auch Gabenzäune machen kann." Nachbarn hängen dabei Spenden für Bedürftige an Bauzäune oder Gitter. Kurz darauf wurde diese improvisierte Unterstützung aber münchenweit wieder verboten, auch wegen möglicher Ansteckungsgefahr. Huber kannte den Foodtruck am Hauptbahnhof und fragte bei Runte und Stöhr an, was die denn von so einem Konzept auf der Schwanthalerhöhe halten würden. "Beide fanden es toll, auch weil grade alles so anonym ist und man sich hier, wenigstens auf Abstand, begegnen kann."

Träger des Kösķ ist der KJR München-Stadt. Gerhard Mayer war dort lange stellvertretender Geschäftsführer, bevor der Mann aus der Schwanthalerhöhe sein Amt als SPD-Stadtrat antrat. Inzwischen ist er Leiter des Amtes für Wohnen und Migration; die Wege zu Huber sind also kurz, und gemeinsam überlegten die beiden in Absprache mit der Münchner Caritas, wie ein dezentrales Hilfsangebot per Foodtruck umgesetzt werden könnte.

Der Truck ist desinfiziert, das Essen kommt in Warmhalteboxen, und Mundschutz gibt es bei Bedarf auch.

(Foto: Stephan Rumpf)

York Runte beschaffte über einen Freund den notwendigen Kleintransporter; das BRK unterwies die Helfer in hygienischen Erfordernissen, Kreisverwaltungsreferat und Gesundheitsamt prüften zuletzt am Gründonnerstag, ob die Speisen ansteckungsfrei ausgegeben werden können. Der Truck wurde komplett desinfiziert, Runte traf sich mit dem Wirt des Bräustüberls, um das Speisenangebot zu besprechen. 100 Portionen werden täglich in Warmhalteboxen verteilt, neben Bratwürstl und Hendl mit Kartoffelsalat werden auch vegetarische Gerichte ausgegeben, sagt Runte. Bei Bedarf auch Mundschutz, den die Nähtüchtigen des 200 Menschen umfassenden Unterstützerkreises, so Stöhr, vorher im Akkord zusammengezurrt haben.

"Bei solchen Ausgaben", sagt Runte, als es losgeht, "sieht man wie viele arme Menschen es gibt." Die Seniorin mit der gelben Jacke, erzählt Andrea Huber, habe gestrahlt als sie von der jetzt sogar täglichen Unterstützung erfahren habe. "Da schaun'S", habe die Frau räsoniert, "wofür Corona doch gut ist."

© SZ vom 14.04.2020
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