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Schwabing:Wilder Mix für Jung und Alt

Malerin Karin Späth (links) und andere Künstler stellen auf dem von Anne Bauer organisierten Festival aus.

(Foto: Robert Haas)

Kunst und Kulinarik, Musik und Neue Medien: Die Marli-Bossert-Stiftung lädt zum zweitägigen Eigenleben-Festival im Salon F an der Leopoldstraße 7 ein

Von Kilian Beck, Schwabing

Zwei Tage, an denen sich Jung und Alt begegnen, diskutieren und gemeinsam feiern können, beginnen am Freitag, 21. August, auf dem Eigenleben-Festival der Marli-Bossert-Stiftung. An beiden Tagen können Festival-Interessierte sich zwischen 10 und 20 Uhr stündlich durch die Location - den Salon F an der Leopoldstraße 7 - führen lassen. "Das mussten wir so machen, um die Auflagen einzuhalten", erklärt die Stiftungsgründerin Anne Bauer, der es darum geht, Generationen zusammenzubringen. Jede Besuchergruppe bekommt einen anderen Mix aus Tipps in gesundheitlichen und technischen Fragen, Kunst oder Musik, Vorträgen und Kochkursen. Danach und dazwischen können die Besucher auf einem der sieben Balkone des Salons F ins Gespräch kommen. Viel Gesprächsstoff werden die Vorträge bieten - es geht ums Altern und was es in unserer Gesellschaft für sie bedeutet. Musikalisch ist jede Führung ein Ausflug in ein anderes Genre oder eine andere Zeit: Mal besingen Wolfgang Antesberger und die Münchner Hofkantorei Venedig, später spielen Alessandro Colombo und Valentina Fazio italienische Hits, beginnend in den Fünfzigerjahren. Zu guter Letzt drehen das Münchner Elektro-Duo "Hertzen" vor visueller Lichtkunst von "2spin" auf. Sonst beleuchtet die Künstlerin das "Harry Klein". "Und die drei lernen sich an dem Abend erst kennen", sagt Bauer. Auf sieben Räume verteilt, möchte sie das ins reale Leben übertragen, was sich seit April bereits virtuell im Eigenleben-Club abspielt.

"Dort geben Ältere ihre Erfahrung weiter, und Jüngere begeistern oft durch ihre Kreativität", resümiert Bauer die Erfahrungen der vergangenen Monate. Der Eigenleben-Club ist ein soziales Netzwerk unabhängig von den Branchenriesen. "Gaumenschmausen", "Gesundheit!", "Speakers' Corner", heißen drei der Gruppen, in denen sich die mehr als 140 Eigenlebenden - so nennen sich die Mitglieder des Netzwerks - austauschen. Das Themenspektrum reicht von Kulinarik und Gesundheit über Literatur bis hin zum Erlernen von Fremdsprachen sowie dem Umgang mit Neuen Medien. "Bei uns spürt man keinen Altersunterschied, alle lernen voneinander", erzählt Bauer. Wie in den großen sozialen Netzwerken wird heiß über aktuelle Themen diskutiert. Abseits vom Tagesgeschehen kommen die Mitglieder auch regelmäßig per Videokonferenz zum gemeinsamen Backen oder zu virtuellen Museumsführungen zusammen. "Es findet sehr viel kultureller und kreativer Austausch statt", erzählt die Stiftungsgründerin. Der Eigenleben-Club ist neben dem Festival das jüngste Projekt der Marli-Bossert-Stiftung. Vor drei Jahren verstarb Bauers Großmutter Marie-Luise Bossert. Daraufhin hat sie beschlossen, mit deren Nachlass einen Verein zu gründen, der zum Generationendialog beiträgt. Als am selben Tag Bauers Mutter auch noch unerwartet in Frührente ging und mit dem Bloggen beginnen wollte, entstand die Idee zum ersten Projekt: Das Eigenleben-Magazin ging 2018 online. "Ich wollte etwas dazu beitragen, ältere Frauen sichtbar zu machen und ihnen eine Plattform für ihren Blickwinkel bieten", sagt die gelernte Grafik-Designerin. Thematisch dreht es sich um alles, wofür sich die Autorinnen und Autoren des für den Grimme-Online-Award nominierten Magazins begeistern. "Heute noch ist meine Mutter die regelmäßigste Autorin", sagt Bauer.

Mit dem Festival hofft sie auch, Unterstützung für neue Formate und den Verein zu finden. "Meine einzige Mitarbeiterin und ich arbeiten beide für ein Minijobgehalt, das ist eine Mordsbelastung", erzählt sie. Trotzdem habe sie eine Sieben-Tage-Woche, so Bauer. Ihr Antrieb seien die kleinen Momente. Als sie etwa einer älteren Frau am Telefon offenbar erfolgreich erklärt hat, wie sie sich in eine Videokonferenz einloggt. "Ihre Begeisterung, als sie es geschafft hat, das macht mich wahnsinnig glücklich."

Das volle Programm des Festivals findet sich online unter eigenleben.jetzt/menschen/festival/.

© SZ vom 21.08.2020

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