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Schwabing:Gewebte Geschichten

Kelim Ausstellung

Wie in einem Basar: Architekturstudent Christian Stübner hat ein Zelt in den Durchgang zum Schauraum gezaubert. Doch dann kam der Wind - und Kinder mit Farbbomben - und das Ganze wurde abgebaut.

(Foto: Christian Stübner/oh)

Im Schauraum im Ackermannbogen sind Kelim-Kunstwerke zu sehen, die vom Leben ihrer Schöpferinnen erzählen

Von Ellen Draxel, Schwabing

In diesen Tagen ähnelt die Gegend um den Schauraum bei schönem Wetter einem orientalischen Bazar. Buntgewebte Kunstwerke hängen über Bäumen, Büschen, Bänken und Zäunen. Sie wirken wie Accessoires, die die frühlingsgrüne Natur in der Sonne noch leuchtender erstrahlen lassen. Auch die Kulturpassage des Neubauquartiers erschien ein Wochenende lang wie verwandelt: Architekturstudent Christian Stübner hatte ein Zelt in den Durchgang gezaubert und die Decke mit "Fliegenden Teppichen" abgehängt. Doch dann kamen Windstöße - und Kinder mit Farbbomben. Die Konstruktionen mussten weichen.

Die Webstoffe, mit denen der 20-Jährige "Menschen in eine andere Welt versetzen" wollte, nennen sich Kelims. Nomadinnen haben sie in der Türkei, in Afrika oder im Iran in mühevoller Kleinarbeit gefertigt, Marianne Schmidthuber hat sie nach München gebracht. In den Schauraum, wo sie noch bis kommenden Sonntag, 16. Mai, in einer Ausstellung im Rückgebäude der Therese-Studer-Straße 7 zu sehen sind. Seit 40 Jahren handelt die 67-Jährige mit Kelims, die Teppiche haben es der Reiseleiterin angetan, seit sie sie zum ersten Mal sah. Dabei entstand die Beziehung eher aus einer Notsituation heraus: Weil Schmidthuber und ihr Freund in jungen Jahren zu Beginn einer viermonatigen Reise nach Südafrika in Rom ausgeraubt wurden, mussten sie Möglichkeiten finden, ihre Schulden zurückzubezahlen. "Wir haben dann Kelims gekauft. Als wir wieder zu Hause waren, wurden uns die Teppiche regelrecht aus den Händen gerissen." Stübner schließlich lernte Schmidthuber vor drei Jahren kennen, als er ihr als Praktikant bei einer Ausstellung half. Der junge Schwabinger war sofort Feuer und Flamme für "das, was man mit der gefärbten Schafwolle alles machen kann".

Weil die Webstücke in Handarbeit entstehen, sind ab und an auch Fehler im Stoff, ebenso Farbunterschiede. Es gibt Kelims, deren Wolle naturgefärbt wurde und solche, die man mit Kunstfarben behandelt hat. Es gibt welche aus maschinengesponnener und andere aus handgesponnener Wolle. Die ausgestellten Modelle sind ausschließlich aus handgesponnener Wolle. Kelims, weiß Marianne Schmidthuber, sind etwas Einzigartiges: "Klassische Teppiche werden nach Vorlage gearbeitet, da gibt es viele gleiche Modelle. Die Frauen, die die Kelims herstellen, arbeiten aber aus dem Bauch heraus. Deshalb ist jedes Stück anders." Wer auf einem dieser Kunstwerke spazieren geht, sie als Wandbehang studiert oder auch als Decke nutzt, entdeckt in ihnen viele verschiedene Muster. Motive, die die Großmutter die Mutter und diese wiederum ihre Tochter gelehrt hat. Motive mit Bedeutungen. "Kelims erzählen Geschichten: Manche haben Glückszeichen, andere ein Widderhorn als Symbol für Reichtum, wieder andere einen Lebensbaum, eine Gebetsnische oder das Yin- und Yang-Zeichen." Zur Hochzeit werden Wollfetzen für gute Wünsche in den Teppich eingewebt. Und auch das Auge gegen den bösen Blick findet sich immer wieder. "Der Kelim ist Zeugnis von Gefühlen, der Seelenlage einer Weberin."

Zu erleben ist die Ausstellung im Schauraum am Fußweg der Therese-Studer-Straße 7 noch bis Sonntag, am Mittwoch und Freitag von 16 bis 19 Uhr, am Samstag zwischen 14 und 19 Uhr und am Sonntag von 14 bis 16 Uhr.

© SZ vom 12.05.2021
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