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Schwabing:Ein letzter grüner Sommer

Vorerst noch ein Ort blühenden Lebens: der Schwabinger Innenhof an der Gernotstraße.

(Foto: Irina Pasdarca/oh)

Nach einigem Hin und Her darf der Investor die Bäume im Innenhof an der Gernotstraße für den Um- und Ausbau der Wohnanlage erst im Oktober fällen

Von Ellen Draxel, Schwabing

Die grüne Oase im Innenhof des Wohnkarrees Schleißheimer/Bamberger/Gernotstraße bleibt noch einige Monate erhalten. Sämtliche Bäume und Sträucher dürfen erst nach der Vogelbrutzeit gefällt werden, die Untere Naturschutzbehörde hat nach einer "vertieften Prüfung" entschieden, den Hof nicht als gärtnerisch genutzten Bereich zu werten. Damit greift für das Fauna- und Flora-Refugium der besondere Artenschutz. Der Beginn der Bauarbeiten verschiebt sich auf den Herbst.

Vor einer Woche hatte das noch ganz anders ausgesehen. Die Wohnanlage in der Nähe des Luitpoldparks gehört der luxemburgischen Fondsgesellschaft Jargonnant Partners (JP) - das Unternehmen hat vor Kurzem eine Baugenehmigung erhalten, die Häuser aufzustocken, das Dach auszubauen und eine Tiefgarage unter dem Innenhof zu errichten. Mitte März rückte daher bereits ein Fälltrupp mit Motorsäge an. Die Anwohner konnten die Männer gerade noch stoppen. Die Mieter wussten: In der Vogelbrutzeit, die von 1. März bis 30. September dauert, gelten Sonderregeln für das Abholzen von Bäumen. Sie schalteten die Stadt ein, die Untere Naturschutzbehörde untersagte vorerst die Fällung.

Wenig später aber die nächste Überraschung: Mit Erstaunten sahen Bewohner der Anlage vergangene Woche, wie Arbeiter begannen, einen Schutzzaun in einem Abstand von vier Metern um eine Serbische Fichte anzubringen. Die Untere Naturschutzbehörde hatte eine Ausnahmegenehmigung für die Fichte erteilt, weil in dem Nadelbaum ein Elsterpaar brütet. Die Sperre sollte den Baum vor Schaden bewahren. Alle anderen Bäume und Sträucher in dem Hof aber, die laut Baugenehmigung der Lokalbaukommission zur Fällung freigegeben sind, dürften sofort abgesägt werden, teilte die Stadt noch Ende März mit. "Ein Gutachten hat bestätigt, dass dort keine Nester vorhanden sind", begründete Thorsten Vogel, Sprecher im Planungsreferat, die Fällerlaubnis. Der sogenannte allgemeine Artenschutz stehe diesen Baumfällungen nicht entgegen, da das Grundstück "gärtnerisch genutzt" werde.

Die Anwohner, unterstützt vom Bund Naturschutz und dem Landesbund für Vogelschutz, protestierten. Das Ganze sei eine "Farce", schimpfte Mietersprecher Jens van Rooji im Namen der 90 Mietparteien: Sobald die lauten Motorsägen angeworfen und alle Bäume und Sträucher rundherum gefällt würden, werde das die Elstern "erheblich bei ihrer Brut stören". Warum der Investor nicht einfach bis Oktober warten könne? Warum "Geld immer, scheinbar wirklich immer wichtiger" sei als Natur und Menschen? "Wir sind sehr enttäuscht", schrieb van Rooji an das Planungsreferat. "Wir Bürger wissen einfach nicht mehr, für wen die Behörden der Stadt eigentlich arbeiten." "Die Elster", hatte Sprecher Vogel zu diesem Zeitpunkt noch die Erklärung der Unteren Naturschutzbehörde weitergegeben, sei ein "Stadtvogel". Und damit "relativ lärmunempfindlich".

Doch trotz aller Argumente - die Behörde war nun sensibilisiert. Sie prüfte erneut und kam diesmal zu einem anderen Ergebnis. An der grundsätzlichen Planung des Investors freilich ändert die revidierte Entscheidung nichts. Letztlich wird der grüne Innenhof für das Bauvorhaben weichen müssen, bevor er am Ende wieder bepflanzt werden kann. Nur eben jetzt erst nach der Vogelbrutzeit.

© SZ vom 06.04.2021
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