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Schwabing:Die nächste Baustelle

Die "Katastrophe schlechthin": So sehen Bewohner des grünen Quartiers nahe dem Bonner Platz die Baupläne ihres Vermieters. "Nicht nur jede Menge alte Bäume und 90 Prozent unserer Grünfläche samt Kinderspielplatz müssten für diese Betonburg plattgemacht werden", kritisiert Bewohnerin Marina Burwitz (vorne Mitte mit Plakat), die für die Grünen im Bezirksausschuss sitzt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Wieder will ein Immobilienbesitzer nachverdichten, wieder fürchten Mieter um ihre Existenz. Die Bayern Versicherung Lebensversicherung AG plant fünfstöckige Riegel mit 100 Wohnungen in einem bisher grünen Karree. Die Lokalpolitiker sind dagegen, haben aber wohl nur wenig Einfluss

Von Ellen Draxel, Schwabing

Noch ist das Karree eine Oase. Noch findet sich inmitten dicht besiedelter Häuserblocks zwischen Karl-Theodor-, Ansprenger-, Unertl- und Degenfeldstraße ein grünes Dorado: Eichhörnchen leben dort, aber auch viele Vögel, Igel, Fledermäuse und Insekten. Die Grünflächen filtern die Abgase der stark befahrenen Karl-Theodor-Straße, dienen als Frischluftschneise und werden von vielen Schwabingern als willkommene Querverbindung zur U-Bahn Bonner Platz genutzt.

Doch diese Idylle scheint nun gefährdet zu sein, und mit ihr die Wohn-Sicherheit vieler Mieter. Die Bayern Versicherung Lebensversicherung AG, der das Areal gehört, hat einen Antrag auf Vorbescheid eingereicht. Das Unternehmen, Teil der Versicherungskammer Bayern, will wissen, ob es möglich ist, die grünen Flächen zwischen den Punkthäusern zu schließen. Die Pläne, die der Lokalbaukommission (LBK) zur Prüfung vorliegen, sehen eine durchgehende, mindestens fünfgeschossige Blockrandbebauung vor. Außerdem soll im Innenhof ein ebenfalls fünfstöckiges Gebäude mit Kindergarten im Erdgeschoss und Wohnraum in den oberen Etagen entstehen. Die bestehenden Hochhäuser will die Versicherungskammer aufstocken.

Seit 1961 ist das Areal bebaut mit drei achtstöckigen Punkthäusern und einem fünfgeschossigen Wohnriegel samt Büros und Praxen entlang der Karl-Theodor-Straße. "Damals wurde bewusst so offen gebaut, um Luft, Licht und Grün durchzulassen", weiß Marina Burwitz. Die 57-Jährige sitzt für die Grünen im Bezirksausschuss Schwabing-West und wohnt selbst in einer der 164 Wohnungen der Anlage. Der Entwurf, erzählten ihr ältere Mitbewohnerinnen, habe seinerzeit sogar einen Architekturwettbewerb gewonnen.

Die Mieter, darunter viele Senioren, von denen einige schon seit fast 60 Jahren im Karree wohnen, sind alarmiert. "Nicht nur jede Menge alte Bäume und 90 Prozent unserer Grünfläche samt Kinderspielplatz müssten für diese Betonburg plattgemacht werden", kritisiert Burwitz. Das Vorhaben ziehe den Bewohnern auch "den Boden unter den Füßen weg". Einige der älteren Nachbarn, fürchtet sie, könnten einen Verlust ihrer Wohnung "nicht überleben".

Betroffen von der Baumaßnahme wären alle Bewohner, besonders gravierend würde sich die Umsetzung der Pläne aber auf die 44 Mietparteien auswirken, deren Fenster oder Balkone direkt an die Neubauten grenzen. Diese Menschen, erklärte ein Mieter Westschwabings Lokalpolitikern, bekämen einen "Dunkelstall". Weil Wohnungen ohne Tageslicht aber nicht denkbar seien, müssten diese Appartements umstrukturiert werden und sie selbst dafür ausziehen, sagen die Bewohner.

Eine Mieterin, die seit Fertigstellung der Häuser an der Degenfeldstraße 14 wohnt, spricht für viele, wenn sie das Vorhaben als "Katastrophe schlechthin" bezeichnet. Sie ist 85 Jahre alt und hat ihre gesamten Ersparnisse in das Ein-Zimmer-Appartment investiert. Umziehen will sie nicht mehr, in der Anlage kennt sie die Leute und fühlt sich zu Hause. Die Planungen der Bayern-Versicherung findet sie "beunruhigend und zutiefst empörend". Ähnlich ergeht es einer Nachbarin, die befürchtet, Wohnung und Praxis zu verlieren. Auch die 57-Jährige ist ratlos, dabei sah sie sich bisher durchaus als "zufriedene Mieterin". "Aber wo ist die Logik, wenn ein Viertel der Wohnungen weg müsste, damit hundert neue gebaut werden können?"

Die Versicherungskammer versucht zu beschwichtigen. "Als regionaler Versicherer ist uns die Wohnungsknappheit in Großstädten wie München sehr bewusst", sagt Sprecherin Isabella Kratzer. Deshalb wolle man "nicht nur für neue Mietwohnungen sorgen, sondern auch weitere Infrastruktur für Anwohner schaffen", etwa durch einen Kindergarten. Wie die Gebäude verbunden werden sollen, erklärt sie nicht im Detail, verspricht aber, dass die Versicherungskammer "grundsätzlich in keiner Bestandswohnung bei Bestandsmietern Fenster ausmauern wird". Auch werde man "niemandem deswegen das Mietverhältnis kündigen". Zwar sei mit "den im Rahmen einer jeden Baumaßnahme üblichen Einschränkungen" zu rechnen, diese würden aber "auf das nötigste Maß minimiert". Eine Mieterhöhung "aufgrund des möglichen zusätzlichen Baurechts", so formuliert es das Unternehmen, sieht die Versicherungskammer "nicht". Das Verhältnis von Freifläche zu überbauter Fläche werde sich "im Rahmen der umliegenden Bebauung bewegen". Die Grünfläche soll "aufgewertet", die Dachflächen "umfangreich begrünt" werden, sagt Kratzer.

Der Bezirksausschuss hat den Vorbescheidsantrag, unter anderem aus Sorge um das Mikroklima im Viertel, einstimmig abgelehnt und den Bewohnern geraten, eine Mietergemeinschaft zu gründen. "Alle Flächen zuzubauen ist Unsinn, wir sind der am dichtesten besiedelte Stadtbezirk Münchens", begründet Gremiums-Chefin Gesa Tiedemann (Grüne) das Votum. Den Stadtteilvertretern ist durchaus bewusst, dass die Lokalbaukommission, sofern die rechtlichen Vorgaben eingehalten werden, der Planung womöglich zustimmen muss.

Noch hat die LBK keine Entscheidung gefällt. Laut dem Sprecher des Planungsreferats, Ingo Trömer, besteht aber zumindest Baurecht für das Grundstück. Ansonsten gelte sowohl ein "einfacher Bebauungsplan gemäß einer Baulinie" als auch Paragraf 34 des Baugesetzbuches. Letzterer besagt, dass ein Vorhaben dann zulässig ist, wenn es sich nach Art und Maß der baulichen Nutzung in die Umgebung einfügt. Die Nachbarkarrees sind alle in Blockrandbebauung errichtet.

Um Kompromisse zu diskutieren, hatten Westschwabings Bürgervertreter noch vor ihrer Sitzung versucht, mit der Versicherung einen Ortstermin zu vereinbaren. Sie bekamen eine Absage.

© SZ vom 30.07.2020

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