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Schwabing:Der "Stöpsel" soll bald kommen

In der Parkstadt sind nach langem Überlegen für eine Therapie nun endlich Taten geplant. Womöglich brauchte es dazu den Druck ansässiger Konzerne. Das Planungsreferat hat jetzt einen Akutbehandlungsplan vorgelegt, der allerdings nur als Einstieg für eine Lösung gilt

Von Stefan Mühleisen, Schwabing

Der Verdruss der Bewohner in der Parkstadt Schwabing schien sich zuletzt in nahezu lähmende Verbitterung verwandelt zu haben. Laut und ausdauernd war immerzu geschimpft worden über die anhaltende Inftrastruktur-Misere in ihrem Viertel, über rücksichtlose Pendler, verstopfte Straßen. Doch zuletzt ist es still geworden. Es mag wohl, nach all dem vergeblichen Fordern und Drängen, keiner mehr glauben, dass sich je etwas rührt. Allein, je stiller die Bewohner wurden, desto lauter klagten zuletzt die örtlichen Unternehmen - und, voilà, jetzt liegt zwar keine Lösung auf dem Tisch. Doch zumindest steht eine Art Fahrplan in Form einer Beschlussvorlage für den Stadtrat, um die ärgsten Auswüchse dieses verkehrsmäßig heillos überlasteten Stadtteils zu lindern.

Die ganze Malaise ist die Folge eines Geburtsfehlers, der nicht mehr geheilt werden kann. Seit der Jahrtausendwende ist auf dem ehemaligen Industriegebiet zwischen Mittlerem Ring, Autobahn A 9 und Domagkstraße ein Stadtteil mit krasser Unwucht entstanden: Gut 2300 Bewohner sind quasi eingekreist von Firmenkomplexen, in denen 12 000 Menschen arbeiten. Entsprechend viele Pendler drücken allmorgendlich über die zentrale Nord-Süd-Achse, der Lyonel-Feininger-Straße, hinein und abends wieder hinaus, schnappen dazwischen den Anwohnern die Parkplätze weg. Obendrein wird diese Route von Navigationsgeräten als Ausweichstrecke vorgeschlagen, wie das städtische Planungsreferat in dem Beschlussentwurf notiert. Die Behörde erinnert daran, dass es in dem Areal vier Hotels mit insgesamt 880 Zimmern gibt - und der Generalentwickler des Gebiets, die Firm Argenta, auf den freien Flächen noch weitere Bürogebäude hinstellen will. Die Rede ist von einem "heute schon überlasteten Straßennetz" und "erheblicher Überlastung des Parkraums".

Verwaltungsgebäude München

Gut 2300 Bewohner sind quasi eingekreist von Firmenkomplexen, in denen 12.000 Menschen arbeiten.

(Foto: Corinna Guthknecht)

Der Befund ist nicht neu. Doch nach langem Überlegen für die Therapie, sollen nun endlich Taten folgen. Womöglich hat es dazu den Druck der ansässigen Unternehmen gebraucht, darunter Amazon, Züblin, MAN, Microsoft, Osram. Denn die tägliche Blecharmada in der Parkstadt ist zum negativen Standortfaktor geworden, begehrte Fachkräfte haben ihr Missvergnügen signalisiert über den nicht besonders angenehmen Arbeitsweg. Von gehöriger Unruhe unter den Firmenvertretern war zu hören, als die Stadt vergangenes Jahr dazu einen runden Tisch einrichtete.

So manchen Anwohnern stieß es sauer auf, dass die Stadt Ende 2018 schon ein Maßnahmenbündel geschnürt hatte, es aber zunächst noch mit den Konzernen beratschlagen wollte - das Herumdoktern am Geburtsfehler also mutmaßlich nach Gusto der Wirtschaft vonstatten geht. Jedenfalls steht nun ein Akutbehandlungsplan und zumindest eine Agenda; der Beschluss soll nach der Sommerpause dem Stadtrat vorgelegt werden.

Der wichtigste Eingriff wird der "Stöpsel" sein. So nennen die mit dem Parkstadt-Problem Befassten die schon lange erwogene Sperrung der Herbert-Bayer-Straße, um den Durchgangsverkehr aus dem Wohngebiet herauszuhalten. "So schnell wie möglich" soll die Sperre kommen, empfiehlt die Behörde, zunächst für ein Jahr als Verkehrsversuch. Als ratsam wird überdies erachtet, die Oskar-Schlemmer-Straße zur Einbahnstraße zu machen. Der Bezirksausschuss (BA) sieht das kritisch, wie zu vernehmen war. "Es wird befürchtet, dass die Straße zur Rennstrecke wird", verlautete aus dem Gremium, das in der Augustsitzung über die Stellungnahme zu dem Beschlussentwurf beraten wird. Keine Einwände hat der BA wohl, in der Mies-van-der-Rohe-Straße Fahrzeuge künftig nur in eine Richtung (zur Anni-Albers-Straße hin) fahren zu lassen.

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Laut und ausdauernd haben Anwohner der Parkstadt über die Infrastruktur-Misere in ihrem Viertel geschimpft. In der Parkstadt herrscht Pendlerandrang.

(Foto: Corinna Guthknecht)

Diskussionen dürfte es zu den Plänen für den sogenannten ruhenden Verkehr geben. Im Beschlusspapier ist zwar die Rede davon, das Parklizenzgebiet Alte Heide auf die Parkstadt auszudehnen, eine alte Forderung der Anwohner. Doch offenbar sind keine Parkausweise für die Bewohnerschaft vorgesehen, nur Bereiche ohne Parkregeln, solche mit zeitlich begrenztem Parken sowie Abschnitte, in denen Gebühren fällig werden. Auch zur Umgestaltung des Kreuzungsbereichs Lyonel-Feininger-Straße/Anni-Albers-Straße zur "urbanen Mitte" könnte eine Varianten-Debatte anstehen, vor allem was die verkehrlichen Auswirkungen des "Stöpsels" anbelangt.

Es gibt noch weitere Ideen, etwa zu Fahrradstellplätzen, Liefer- und Ladezonen, Halteverboten, Tempo-30-Zonen. Doch auf Dauer, so räumt das Planungsreferat in der Vorlage ein, würden die Maßnahmen nicht ausreichen. Es gelte, gemeinsam mit den Unternehmen ein "integrierten und auf Dauer angelegten Mobilitätskonzept" zu entwickeln. Die Firmen versprechen zum Beispiel, Parkraummanagement, Jobticket- und Dienstfahrradangebote und überhaupt das betriebliche Mobilitätsmanagement zu forcieren. Die Stadt bietet Tram-Taktverdichtung, eine neue Buslinie und Verbesserungen für den Radverkehr an.

Der Weg zu einer Lösung wird also immerhin beschritten. Als Mittel gegen den Verdruss über das womöglich ferne Ziel mag den Parkstädtern die Information helfen, dass ihr Stadtteil nun eingebettet sein wird in das vom Bund geförderte Forschungsprojekt "Mobilitätsverbund Region München" (MoveRegioM), also eine Art Megamobilitätskonzept. Die Parkstadt liegt genau in der Mitte des Projektgebiets.

© SZ vom 11.08.2020

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