bedeckt München

Schwabing:Bürgerbüro füllt Lücke aus

An der Belgradstraße entsteht der 110 Meter lange Komplex. Hinzu kommen Apartments und ein Kinderhaus. Für die GWG ist das Projekt Neuland

Von Ellen Draxel, Schwabing

Der Münchner Norden bekommt ein neues Bürgerbüro in der Nähe des Scheidplatzes. Auf einem ungewöhnlich geschnittenen Grundstück an der Belgradstraße 75-81, das lange brach lag, will die städtische Wohnungsbaugesellschaft GWG im Auftrag der Kommune ein 110 Meter langes Gebäude errichten. Neben dem Bürgerbüro wird der Komplex auch ein sozial betreutes Wohnhaus, ein Haus für Kinder und einen Tageskindertreff beherbergen. Der Bauantrag für den Neubau in Nachbarschaft des städtischen Sophie-Scholl-Gymnasiums ist bereits eingereicht, Baubeginn soll laut Daniel Dittrich von der Projektmanagement-Firma pm5 "in den nächsten Monaten" sein. Mit der Fertigstellung rechnet die GWG, so alles optimal läuft, für Ende 2023/Anfang 2024.

"Wir füllen mit dem Haus eine Baulücke", sagt Architekt Thomas Kernt vom Architekturbüro Steidle. Geplant ist die Realisierung des Projektes seit Jahren, doch die Baulogistik verlief komplexer als erwartet. Einerseits, weil vier Referate an dem Bau beteiligt sind. Andererseits, weil unter dem Gebäude die U-Bahn verläuft und man vermeiden wollte, dass sich dies negativ auf die Wohnqualität auswirkt. Ein Gutachten hat laut Kernt aber inzwischen bestätigt, dass "keinerlei Einflüsse" von der U-Bahn auf das Gebäude zu erwarten sind.

München wächst: Deshalb will die Stadt auch in manchen Bürgerbüros neue Arbeitsplätze schaffen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Entstehen wird das komplett barrierefreie Haus als Ganzes, die unterschiedlichen Nutzungen sollen sich aber am Ende in der Optik widerspiegeln. "Beim Bürgerbüro denken wir über eine Klinkerfassade nach - das hat bei städtischen Gebäuden Tradition", erläutert der Architekt. Mit den organischen Steinen lassen sich unkompliziert Muster und Reliefs erzeugen. Die Anlaufstelle für all diejenigen, die einen Ausweis beantragen wollen, eine Meldebescheinigung oder ein Führungszeugnis benötigen oder ihr Auto an- oder abmelden möchten, braucht zur Straße hin zudem große Fenster.

Anders dagegen die Fassade bei den sozial genutzten Gebäudeteilen. An das Bürgerbüro schließen 48 kleine Apartments mit eigenem Freisitz Richtung Garten an, die für Menschen gedacht sind, die lange in städtischen Pensionen gelebt haben und durchaus in der Lage sind, zur Miete zu wohnen, ihres Alters und ihrer zunehmenden Hilfsbedürftigkeit wegen den Alltag dauerhaft aber ohne flexible Hilfe nicht mehr meistern. Die Wohnungen für diese Mieter haben keinen Kontakt zur Belgradstraße, sie sind durch einen mit Fenstern aufgelockerten Flur vom Lärm der Straße getrennt.

Info

Bis zum Jahr 2035 werden rund 1,85 Millionen Menschen in München leben. Schon heute können die Bürgerbüros den Andrang kaum mehr bewältigen. 2013 hatte der damalige Kreisverwaltungsreferent Wilfried Blume-Beyerle deshalb bereits eine Neuordnung der Bürgerbüros angeregt, der Neubau an der Belgradstraße ist ein Resultat davon. Sobald dieser bezugsfertig ist, soll das Bürgerbüro an der Riesenfeldstraße 75 aufgegeben werden. Das Bürgerbüro Leonrodstraße bleibt erhalten und wird ertüchtigt. Die Zentrale an der Ruppertstraße 19 wird schon seit vier Jahren nach und nach umgebaut, die Dienststelle an der Forstenrieder Allee 61a erweitert sich um angrenzende, ehemals von der Stadtbibliothek genutzte Räume. Mehr Platz bekommt auch die größte Bürgerbüro-Außenstelle am Orleansplatz: Statt 37 sollen es dort 64 Arbeitsplätze werden. Angesichts der Ausweisung neuer Baugebiete im Westen der Stadt, etwa in Freiham, ist aus Sicht von Kreisverwaltungsreferent Thomas Böhle auch "eine räumliche Erweiterung des Pasinger Bürgerbüros dringend erforderlich". Die Anlaufstelle kann nach dem Auszug des Sozialbürgerhauses an die Offenbachstraße in den Räumlichkeiten des Pasinger Rathauses bleiben. Neben den bestehenden Bürgerbüro-Standorten sollen neue hinzukommen. Eine Dienststelle ist in einem städtischen Gebäude mit Sozialbürgerhaus, Bibliothek und Volkshochschule am Hanns-Seidel-Platz vorgesehen, eine zweite in Moosach in Bahnhofsnähe, um die Büros an Leonrodstraße, Scheidplatz und in Pasing zu entlasten.eda

Dieser Teil des Hauses soll, ebenso wie die dann folgenden Bereiche für die Kinderbetreuung - eine Kindertagesstätte für zwei Kindergarten- und zwei Krippengruppen sowie ein Tageskindertreff als Ersatzangebot für Eltern, deren übliche Tagesbetreuungsperson akut ausfällt - eine begrünte Fassade bekommen. "Unser Vorschlag sind breite Tröge mit bewässerten Substraten, die entlang von Rankgerüsten einen grünen Teppich die Hauswand emporwachsen lassen", erklärt Kernt. "Für die GWG", betont Projektleiter Dittrich, "ist das absolutes Neuland, ein Pioniervorhaben". Man wolle mit dieser Lösung für die rund 20 Bäume, die voraussichtlich gefällt werden müssten, "ökologische Alternativen" schaffen. Auch wenn natürlich im Garten hinter dem Bürgerbüro und in den Kita-Freiflächen wieder Bäume gepflanzt würden.

Vorgesehen ist außerdem eine zweite Kompensationsfläche - auf dem Dach des Gebäuderiegels. "Wir wollen mit Totholz, Disteln, Sandlinsen und Insekten-Nisthilfen ein Biodiversitätsdach ausbilden", sagt Kernt. Auch "richtige" Bäume könnten dort oben wachsen. Einziger Wermutstropfen: Dachflächen sind bei dieser Variante nicht begehbar.

Der Bezirksausschuss Schwabing-West, dem das Projekt jetzt vorgestellt wurde, befürwortet die Planung, bittet aber um den Erhalt möglichst vieler Bäume im Garten und einer Fassadenbepflanzung, die auch in den Wintermonaten attraktiv bleibt. Zudem wünschen sich die Bürgervertreter aus Sicherheitsgründen einen Zugang zu den Kindertageseinrichtungen vom Innenhof aus. "Heutzutage bringen viele Eltern ihre Kinder mit Lastenfahrrädern - und wenn da zehn auf einmal vorne auf dem schmalen Gehweg neben der stark befahrenen Belgradstraße stehen, dann ist das nicht praktikabel", kritisierte Markus Meiler (CSU), Vorsitzender des zuständigen Unterausschusses im Stadtteilgremium, bei der Präsentation. Man nehme diese Anregung "sehr gerne mit", entgegnete Projektplaner Daniel Dittrich. Abgesehen davon aber, so Meiler, sei die "Maßnahme sehr stimmig und auf jeden Fall eine Bereicherung fürs Viertel".

© SZ vom 17.02.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema