Schwabing:Angst, dass es an der Tür klopft

Elsa Schuber und Franz Noweck haben zu den Schicksalen der jüdischen Bewohner ihres Hauses an der Tengstraße geforscht: Jetzt wird der Opfer des NS-Regimes mit einem Erinnerungszeichen gedacht

Von Lea Hruschka

Das alte Haus an der Tengstraße 26 schlägt eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart: In den 1930er-Jahren war das Gebäude das Zuhause für mehr als 20 jüdische Münchner, heute leben dort Franz Noweck und Elsa Schuber mit ihren Familien. Die beiden Schüler haben herausgefunden, dass fünf der einstigen Bewohner ihres Hauses ein schreckliches Schicksal teilten: Franziska Schlopsnies, Emilie Schwed, Fanny Holzinger sowie Fanny und Julius Jakob Bär sind alle während des NS-Regimes ermordet worden. Zu ihrem Gedenken sind am vergangenen Donnerstag goldene Erinnerungszeichen am Haus angebracht worden. "Es sind fünf Namen unter sechs Millionen, die im Holocaust ermordet wurden", sagt Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, bei der Übergabe der Plaketten.

Die Erinnerungszeichen hatten nicht etwa Hauseigentümer, Historiker oder Lehrer, sondern die 14-jährige Elsa Schuber und der zwölfjährige Franz Noweck selbst initiiert. Als der Schüler das NS-Dokumentationszentrum besucht hatte, tippte er am großen Touch-Pad im Untergeschoss seine Adresse ein. "Dort gibt es eine interaktive Karte", erklärt der Gymnasiast. Dadurch hat er von den fünf jüdischen Opfern erfahren, die vor etwa 90 Jahren in seinem Zuhause gewohnt hatten. Die Neugierde war geweckt, also hat sich Noweck zusammen mit seiner Nachbarin Elsa Schuber auf den Weg zum Stadtarchiv am Nordbad gemacht. In der großen Bibliothek haben sie Biografien, Grundbucheinträge und Kennkartendoppel durchforstet. Letzteres sei damals so etwas wie ein Personalausweis gewesen, erklärt Franz Noweck.

Erinnerungszeichen Tengstrasse 26

Recherchen in Stadtarchiv und NS-Dokuzentrum: die 14-jährige Elsa Schuber und der zwölfjährige Franz Noweck vor dem Erinnerungszeichen an ihrem Zuhause an der Tengstraße 26 in Schwabing.

(Foto: Catherina Hess)

Die Recherche habe zwar Spaß gemacht, aber es sei auch ein komisches Gefühl, zu wissen, dass im eigenen Zuhause einst Menschen mit schrecklichen Schicksalen gelebt haben, erklärt Schuber. Sie fragt sich: "Wie viele Menschen haben sich wohl mein Zimmer zum Schlafen teilen müssen?" Auch Noweck beschäftigen die Lebensgeschichten. Bei der Recherche hat er sich überlegt: Wie war damals der Alltag? Waren die Leute immer gestresst, weil sie Angst hatten, dass es in der nächsten Minute an die Tür klopft und sie in einen Güterwaggon steigen müssen? Bei den Nachforschungen hat ihnen die Historikerin Barbara Hutzelmann, die im Stadtarchiv tätig ist, geholfen und schließlich den Vorschlag gemacht, Erinnerungszeichen zu beantragen.

Als diese nun an der Wand angebracht werden, sagt Charlotte Knobloch: "Gedenken muss lebendiger sein" - und das war es: Bunte Regenschirme bewegen sich hin und her, die Eltern und Schulklassen, die gekommen sind, lachen und unterhalten sich rege. Doch als Franz Noweck und Elsa Schuber beginnen, die Ergebnisse ihrer Recherche, die Lebensgeschichten der Opfer, vorzulesen, wird es still. Sie erzählen von Franziska Schlopsnies und Emilie Schwed, die als erste der fünf Opfer im Jahr 1933 in das Haus an der Tengstraße einzogen. Die Kunstmalerin und Werbegrafikerin Schlopsnies, die mit ihrer Tochter Erika im Haus wohnte, hatte von dort nicht weit zu ihrer Arbeitsstätte, der Verlagsanstalt Bruckmann an der Lothstraße. Anfang des Jahres 1944 unterbrach die Gestapo ihr Leben grausam, deportierte die damals 60-Jährige nach Auschwitz, wo die SS sie ermordete. Ihre Tochter Erika überlebte die Shoa.

Emilie Schwed lebte lange Zeit zusammen mit ihrem Ehemann, dem Kaufmann Fritz Schwed, in Nürnberg. Als dieser 1915 verstarb, zog die damals 56-jährige Witwe nach München zu ihrer Tochter Elise Samuel in das Haus an der Tengstraße. Diese emigrierte wenig später mit ihrer Familie nach New York - Schwed blieb alleine in München zurück. Im hohen Alter musste sie noch in das Barackenlager Milbertshofen ziehen, später in das Jüdische Altenheim, bis sie am 11. Juni 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurde. "Das war ein Schicksal, das mich berührt hat", erklärt Franz Noweck. Denn während sich andere in die USA oder nach China retten konnten, starb sie schließlich an den schrecklichen Lebensbedingungen im Ghetto. Dorthin wollte die Gestapo auch Fanny Holzinger verschleppen, doch die damals 28-Jährige kam niemals im Ghetto an. Wahrscheinlich starb die junge Frau auf dem Weg von der "Judensiedlung" in Berg am Laim, in der sie ab 1942 leben musste, nach Theresienstadt. Nachdem Holzinger eine Haushaltslehre im Münchner Antonienheim und eine Ausbildung zur Säuglingspflegerin in Berlin abgeschlossen hatte, erkrankte sie 1938 an Kinderlähmung. Zwar wurde sie im Schwabinger Krankenhaus behandelt, doch sie blieb gehunfähig und an beiden Armen gelähmt. Im Jahr ihrer Diagnose zog sie an die Tengstraße zu ihren Verwandten Fanny und Julius Jakob Bär. Das Ehepaar lebte dort seit 1936, Ende des Jahres 1938 wurde Julius Jakob Bär deportiert - er blieb einen Monat im Konzentrationslager Dachau. 1942 verschleppte die Gestapo Fanny und Julius Jakob Bär nach Piaski in Polen. Wo und wann der Rechtsanwalt und seine Frau starben, ist unbekannt.

Der Bärs und der anderen Frauen wird nun für jeden sichtbar gedacht - dank des Engagements der "leuchtenden Vorbilder", wie Charlotte Knobloch Elsa Schuber und Franz Noweck nennt. Von nun an werden Passanten auf die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart aufmerksam gemacht, die das Haus an der Tengstraße schlägt.

© SZ vom 10.07.2021
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