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Sanierung des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg:Zu viel Geld für eine Nazi-Ruine

Für die baufällige Zeppelintribüne muss investiert werden. Kritikern ist die Bausumme zu hoch, sie hätten sich andere Konzepte gewünscht

Erstaunlich teurer Sanierungsfall in Nürnberg: Die Zeppelintribüne auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

"Nicht schöner, nur stabiler" vom 6. Mai über das ehemalige Reichsparteitagsgelände in Nürnberg:

Distanz zum Nazi-Pomp

Wir betrügen unsere Nachkommen um ihre Ruinen - so habe ich Mario Botta in einem Schweizer Rundfunkbeitrag zum Thema "Umgang mit historischen Bauten" vor vielen Jahren in Erinnerung. Und er hat recht, wenn ich lesen muss, dass für die Sanierung der Zeppelintribüne und anderer Bausubstanz 85 Millionen Euro ausgegeben werden sollen. Das ist kein angemessener Umgang mit den Bauten der Nazivergangenheit. Jahrzehntelang wurden diese Entgleisungen unserer Kultur schamhaft beseitigt. Ich erinnere mich an die monumentalen Sandsteinfiguren unter anderem an der Autobahnbrücke bei Kirchheim-Teck: Der Arbeitsdienstmann mit geschultertem Spaten und die bezopfte Maid mit dem Ährenbündel im Arm (1958) - alles verschwunden. Nun verfällt man ins Gegenteil. Dass Besucher nicht gefährdet werden, ist eine Selbstverständlichkeit - aber für 85 Millionen Euro? Das soll Jahrhunderte vor sich hin bröckeln, aus den Fugen sollen die Birkenschösslinge sprießen, und so die Vergänglichkeit des mörderischen Systems versinnbildlichen. Besucher könnten sich alles auf einem einfachen Gittersteg mit der nötigen Distanz ansehen. Es ist das falsche Konzept, in dem "Goldenen Saal" ein Besucherzentrum einzurichten. Dafür tät's auch eine bescheidene Baracke abseits - mit Distanz zum Pomp des sogenannten Dritten Reiches. Dieter Schaich, München

NS-Bewältigung auf dem Klo?

Das Eigenartige und auch Betrübliche ist, dass die anwesenden Politiker trotz gut hörbarer Kritik und anderweitiger Vorschläge, die zum Teil auch mit Unterschriftslisten und hunderten von bekannten Namen beschwert sind, seit Jahren dasselbe sagen, die gleichen Argumente verwenden und die gleichen Bedenken gegen den Vorschlag bringen, dort statt einer renovierten Ruine, lieber internationale Gärten einzurichten. Die "Trittfestigkeit" einer Ruine kann man durch das Auffüllen mit Sand oder Gartenzement für weniger als 80 Millionen erreichen. Und Nürnberg hat anerkannt schlechte Gärten und Parks. Im Inneren der Anlagen befinden sich hauptsächlich Hunderte von Toiletten. Und die will man renovieren, um den Nationalsozialismus zu bewältigen oder Diktatoren die Stirn zu zeigen, wie der Oberbürgermeister neulich verlauten ließ? In einem internationalen Gartenreich mit arabischen, japanischen, chinesischen, jüdischen und Gärten anderer Kulturen würde man praktische Bewältigung betreiben. Unsere Idee, dort "Gärten der Welt" einzurichten, wäre hundertmal populärer! Dr. Reinhard Knodt, Röthenbach/Pegnitz

Ekelhaft neu

Die intensive Auseinandersetzung mit der Restaurierung der Zeppelintribüne seitens der Stadt Nürnberg erschöpft sich in einem Symposion im Jahre 2015 (es gab zudem Symposien in den Jahren 1988 und 2011, ferner im Jahr 2000 einen städtebaulichen Ideenwettbewerb sowie im Jahr 2004 Leitgedanken des Stadtrats im Umgang mit dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände; d. Red.). Seitdem wird das 85-Millionen-Euro-Projekt mit Worthülsen wie "Lernort der Geschichte" durchgepeischt. Wie das gehen soll, dass man nun bestehende, alte und brüchige Muschelkalkplatten ersetzt, was man tun muss, um die gewünschte Trittfestigkeit wieder herzustellen, ohne das Ganze nicht auch schöner, nämlich neu zu machen, wissen die Götter. Ideen wie, die Zeppelintribüne architektonisch wie das Collosseum mit Dokuzentrum dekonstruktivistisch zu brechen und darin nebst Gelände ein Friedensforschungsinstitut für internationale Stipendiaten unterzubringen, wurden ebenso einfach beiseite gewischt wie die Idee, dort "Gärten der Welt" zu installieren, die auf ihre Art in die Zukunft weisen und das Ding einfach dem Verfall preis geben. Wie unschön so eine denkmalpflegerische Behandlung aussieht, sieht man ja zum Beispiel an der nun mit industriell gefertigten Dachziegeln renovierten Nürnberger Lorenzkirche. Schöner sieht's nicht aus, aber ekelhaft neu! Karsten Neumann, Nürnberg

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