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Kritik an Zwangsverzehr auf der Wiesn:"Wie beim Stopfen von Gänsen"

Bis zu 80 Euro pro Person und Abend: Viele Oktoberfest-Wirte verlangen von ihren Gästen einen immer höheren Mindestverzehr. Wiesn-Chefin Gabriele Weishäupl gefällt das gar nicht.

Viele Wiesnwirte verlangen von ihren Gästen einen immer höheren Zwangsverzehr und werden dafür nun von Wiesn-Chefin Gabriele Weishäupl heftig gescholten. Sie nennt den Umgang mit dem Mindestverzehr "Zwangs-Atzung" und meint: "Da geht's ja teilweise zu wie beim Stopfen von Gänsen. Ich könnte diese Mengen nicht vertilgen." Die Wiesn sei ein Fest für das Volk, und in einigen Zelten "übertreiben es die Wirte schon sehr", sagt Weishäupl.

Bedienung im Weinzelt auf dem Münchner Oktoberfest, 2010

Viele Wiesnwirte verlangen von den Gästen immer mehr Mindestumsatz. Spitzenreiter sind die Käfer Wiesn-Schänke und das Weinzelt (Foto), wo pro Kopf bei einer Abendreservierung 80 Euro fällig werden.

(Foto: lok)

Wiesnwirte-Sprecher Toni Roiderer dagegen spricht von freier Marktwirtschaft, die sich die Wirte zunutze machten. Allerdings ermahne er seine Kollegen auch immer wieder, es mit dem Mindestverzehr nicht zu übertreiben.

Fast alle großen Wiesnwirte haben sich längst von der einst üblichen Regelung - zwei Maß Bier und ein halbes Hendl - verabschiedet. Ende der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war der Mindestverzehr eingeführt worden, zu einer Zeit also, in der es noch wenig Reservierungen gab und sich gleichzeitig aber eine Entwicklung abzeichnete, die den Wirten Kopfzerbrechen bereitete: "Damals haben sich immer mehr Leute ihre Hendl fertig gegrillt mitgebracht", sagt Löwenbräu-Festwirt Ludwig Hagn.

Also sei der Mindestverzehr eingeführt worden: "Man hat sich einfach überlegt, was ein Mensch durchschnittlich auf der Wiesn konsumieren kann: eben zwei Maß Bier und ein halbes Hendl", sagt Hagn. Er und seine Tochter Stephanie Spendler, die das Zelt mittlerweile gemeinsam führen, halten noch immer an der alten Regelung fest: "Weil das Tradition ist!" Wie sie handhaben es auch die Wirte Peter, Christian und Michael Schottenhamel in ihrem Zelt sowie Manfred Vollmer im Augustinerzelt.

In den anderen Zelte hingegen hängen die Höhe und die Menge des Mindestverzehrs davon ab, ob der Gast einen Tisch in einer Box, auf der Galerie oder im Mittelschiff reserviert hat - und für welchen Tag und für welche Uhrzeit. Im Schützenzelt zum Beispiel gilt die Regelung "Zwei Maß Bier, ein halbes Hendl" nur an den Werktagen. Am Wochenende werden Geldbeutel und Magen des Gastes deutlich stärker strapaziert: Abzunehmen sind dann nicht nur zwei Maß Bier und ein halbes Hendl pro Person, sondern noch ein Schmankerlbrett und ein Wertgutschein in Höhe von zehn Euro, den der Gast entweder in Getränke oder in Essen einlösen kann.

"Unsere Gäste wollen das so"

Ludwig Reinbold, Sohn des Festwirts Edi Reinbold, begründet dies so: "Unsere Gäste wollen das so." Außerdem könne sich der Gast für die nicht ausgenutzten Gutscheine frisch gegrillte Hendl mit nach Hause nehmen oder die Verzehrbons später, bis Ende Oktober, im "Franziskaner" einlösen. Ähnlich geht es auch in anderen Zelten zu, wo teilweise statt dem halben Hendl 20 bis 30 Euro zu den zwei obligatorischen Maß Bier fällig werden.

Spitzenreiter beim Mindestverzehr sind die Käfer Wiesn-Schänke und das Weinzelt, wo pro Kopf bei einer Abendreservierung 80 Euro fällig werden - dafür gibt es dort dann allerdings auch ein dreigängiges Menü. Annähernd so teuer wird es im Hippodrom von Sepp Krätz: Dort kostet eine Reservierung pro Kopf abends und am Samstagmittag in allen Zeltbereichen 60 Euro.

Die sogenannten kleinen Wiesnwirte fordern teilweise ebenfalls bis zu 60 Euro pro Person und mehr. Im "Zum Stiftl", in Sachen Verzehrgutscheine der teuerste dieser Betriebe, hat der Gast aber immerhin die Wahl: Wenn er statt Hendl lieber ein Menü will, muss er bis zu 81,90 Euro pro Person aufbringen.

Eingreifen könne die Stadt bei diesem Thema aber nicht, sagt Gabriele Weishäupl: "Bei der unternehmerischen Freiheit sind unserer Macht Grenzen gesetzt." Einen Vorschlag hat sie dennoch: Die Wirte sollten "Bschoad-Packerl" einführen - die altbairische Variante des Doggy-Bags: "Damit würden sie wenigstens einen uralten Brauch wiederbeleben, der zur Wiesn passt."

© SZ vom 29.08.2011
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