bedeckt München 22°

Reimraum:Alte Schule

Die Münchner Hip-Hop-Pioniere "Main Concept" sind zurück

Von Martin Pfnür

Main Concept

Seit über dreißig Jahren hellwache Vertreter des Conscious Rap: Main Concept aus München.

(Foto: Matthias Aletsee)

Die erste verbale Breitseite erfolgt nach knapp 45 Sekunden. Gerade noch gab Rapper David Pe in schönster Hip-Hop-Selbstbeweihräucherungsmanier Auskunft über Biographisches ("Main Concept 2020 / 30 Jahre Jubiläum / Fresh seit 1990 / gut aussehend wie auf Jugendserum") und führte sein Trio stolz als Paradebeispiel für das Altern in Würde an, als er auch schon die Bazooka zückt: "Würde ist für viele Rapper nur ein Konjunktiv / Sie legen Wert auf Ehre und beherrschen dieses Rollenspiel / Hauptsache ihr Modestil / kostet sie besonders viel / Das Gehabe offensiv / immer nur im Kollektiv".

Nun mag der Angriffsmodus in etwa so eng mit dem Hip-Hop verschaltet sein wie die CSU mit dem Freistaat Bayern. Guter Rap braucht neben Selbstbewusstsein und Sprachwitz zwingend Reibung und Abgrenzung, sonst läuft die Sache irgendwie ins Leere. Der Clou liegt bei den Urgesteinen Main Concept und ihrem neuen Album "3.0" aber auch eher darin, dass hier Diskurse und Werte verhandelt werden, die im ebenso provokationsfixierten wie kommerziell dominierenden deutschen Gangsta-Rap des 21. Jahrhunderts nie wirklich ein Thema waren.

Denn wo David Pe, der als Allgemeinarzt derzeit auch ganz andere Nadelstiche setzt, zum altehrwürdig knallenden Boom-Bap-Sound seiner Kollegen DJ Explizit und Glammerlicious den Materialismus- und Gewaltfantasien-Fetisch des Straßenrap nach US-Vorbild pointiert auseinandernimmt, legt er seinen Finger auf "3.0" auch immer wieder in klaffende Wunden: turbokapitalistische Auswüchse und Abgründe, daraus resultierende soziale Ungerechtigkeiten und Umweltprobleme, bewusst von rechts gestreute Überfremdungsangst als Gift, das sich das Wutbürgertum bereitwillig in die Venen spritzt, oder die überholte Frage nach der Herkunft, die ihm angesichts seiner serbischen Wurzeln gehörig auf den Keks geht - viel näher am Zeitgeschehen kann man eigentlich kaum sein.

Und doch kommt all das weit weniger oberlehrerhaft herüber, als man vielleicht befürchten könnte, steht vielmehr in der immer noch lebendigen, wenn auch etwas in den Hintergrund geratenen Tradition des hellwachen Conscious-Rap alter Schule. Oder, wie David Pe es ausdrückt: "Immer wenn wir Platte machen / ist es was Historisches / Nicht klassifizierbar / aber klassisch wie ein Mozartstück".

Main Concept: "3.0", Buback Tonträger

© SZ vom 12.06.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB