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Regionale Lebensmittel:Das Märchen vom idyllischen Bauernhof

Die Installation der finnischen Künstlerin Miina Äkkijyrkkä "Holy Calf & Pori Calf" auf dem Tollwood-Festival setzt sich gegen industrielle Tierhaltung ein.

(Foto: R. Haas)
  • Massentierhaltung: Bayern liegt von allen Bundesländern auf Platz drei bei Masthühnern und Schweinen - artgerechte Haltung ist dort nahezu unmöglich.
  • Eine klare Kennzeichnung für Fleisch aus Großanlagen gibt es nicht - das macht es dem Konsumenten schwer, bewusst einzukaufen.
  • Zwar gibt noch kleine bäuerliche Familienbetriebe und Biohöfe, die keine industrialisierte Landwirtschaft wollen - doch sie sind in der Minderzahl.

Von Franz Kotteder

Münchner sind allein schon wegen ihres Wohnorts vom Leben verwöhnt, das weiß man. Die Stadt ist schön, hier gibt es viel Kultur und anderes zum Ausgehen, und wenn das dem Münchner einmal nicht genug ist, dann fährt er hinaus aufs Land, legt sich an den See oder wandert in der Landschaft herum, wo er glückliche Kühe in malerischer Kulisse sieht. Hier, so glaubt er, ist die Welt noch in Ordnung, und die bayerischen Bauern sind noch nett zum lieben Vieh.

So kann man sich täuschen. Natürlich gibt es die Idylle schon auch noch: kleine bäuerliche Familienbetriebe und Biohöfe, die keine industrialisierte Landwirtschaft wollen. Tatsächlich aber ist letztere in Bayern sehr viel weiter verbreitet, als man gemeinhin glaubt. Was Massentierhaltung angeht, liegt Bayern von allen Bundesländern auf Platz drei bei Masthühnern und Schweinen. Mit weitem Abstand führt Niedersachsen, hier stehen etwa 50 Prozent aller Großmastbetriebe. Agrarindustrielle Anlagen mit 20 000 bis zu 180 000 Hühnern sind aber auch im Freistaat längst keine Seltenheit mehr, Mastställe mit mindestens 2000 Schweinen gibt es an die 150.

Eine klare Kennzeichnung gibt es nicht

Artgerechte Tierhaltung ist in solchen Großanlagen so gut wie unmöglich - auch wenn man natürlich darüber streiten kann, was "artgerecht" bei Haustieren bedeutet, die in der freien Natur gar nicht lebensfähig wären, weil sie vom Menschen auf seine Bedürfnisse als Fleischproduzent hingezüchtet wurden. Vom Grundsatz her lässt sich aber sagen: Artgerechte Haltung orientiert sich an den natürlichen Lebensbedingungen der Tiere und nimmt Rücksicht auf ihre angeborenen Verhaltensweisen. Die bestehen normalerweise nicht darin, sich zu Vierzehnt auf einem Quadratmeter zusammenzuquetschen, wie das in der Intensivhaltung für Hennen üblich ist.

Oder den eigenen Artgenossen die Ringelschwänze abzufressen, was in Mastschweineanlagen vorkommt, wenn man den Tieren nicht vorher die potenzielle Angriffsfläche kupiert. Zu den natürlichen Verhaltensweisen eines Tieres gehört es auch nicht, innerhalb von ein paar Tagen sein Körpergewicht zu verdoppeln und im Laufe eines eigentlich viel zu kurzen Lebens regelmäßig Antibiotika zu bekommen. In der industriellen Tierproduktion ist das aber normal. Nicht zuletzt deshalb hat der "Wissenschaftliche Beirat Agrarpolitik" der Bundesregierung unsere Art der Nutztierhaltung kürzlich als "nicht zukunftsfähig" eingestuft.

Was bleibt den Konsumenten also, wenn sie Fleischfabriken mit all ihren Auswüchsen nicht unterstützen wollen? Eine klare Kennzeichnung für Fleisch aus Großanlagen gibt es nicht - allein schon deshalb, weil das die Regel und nicht die Ausnahme ist. Auf der einigermaßen sicheren Seite ist man bei Fleisch, das von den einschlägigen Bio-Verbänden zertifiziert ist. Die schreiben nämlich artgerechte Haltung zwingend vor (bei der EU-Bioverordnung sieht das schon wieder anders aus). Das andere Qualitätsmerkmal der umweltbewussten Verbraucher, die Regionalität, sagt schon lange nichts mehr darüber aus, wie mit den Tieren umgegangen wird. Das von der Staatsregierung propagierte Gütesiegel "Geprüfte Qualität Bayern" etwa erlaubt keinerlei Rückschlüsse auf die Art der Haltung. Seit der jüngsten Affäre um Bayern-Ei darf man ohnehin skeptisch sein, wie streng tatsächlich geprüft wird, hierzulande.

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