Rathaus Deutschlands erster Beauftragter für Street-Art kündigte nach wenigen Monaten

David Kammerer, der ehemalige Street-Art-Beauftragte der Stadt vor einem Bild des Künstlers WON ABC an einem Gebäude der Stadtwerke am Elisabethplatz.

(Foto: Florian Peljak)
  • Das Kulturreferat hatte vor einem Jahr einen Beauftragten für Street-Art und Graffiti eingestellt.
  • Nun ist bekannt geworden, dass der neue Kulturverwalter bereits vor einigen Monaten seine Stelle wieder abgab.
  • Der Kulturausschuss des Stadtrats hat sich an diesem Dienstag mit einem Projekt zur Unterstützung der Street-Art beschäftigt.
Von Franz Kotteder

Ein gewisser Stolz war Kulturreferent Hans-Georg Küppers (SPD) vor einem Jahr anzumerken. Er durfte dem Kulturausschuss des Stadtrats verkünden, dass seine Behörde als erste in Deutschland einen eigenen Beauftragten für Street-Art und Graffiti eingestellt habe. Damit war München mal wieder ganz vorne dran und hatte das Ohr sozusagen direkt am Herzschlag der Szene.

David Kammerer, unter Urban-Art-Künstlern als "Dave Cemnoz" bekannt, bekam eine Halbtagesstelle als Sachbearbeiter im Kulturreferat, um die lange Zeit stiefmütterlich behandelte Street-Art voranzubringen, Festivals zu organisieren und vor allem legale Flächen bereitzustellen. Die sollte er städtischen Einrichtungen und Privateigentümern abringen, damit dort Künstler zum Zuge kommen.

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Die Freude über den neuen Kulturverwalter direkt aus der Szene währte freilich nicht lange. Denn wie erst jetzt bekannt wurde, warf Cemnoz schon vor einigen Monaten das Handtuch respektive die Spraydose.

"Herr Kammerer stellte fest, dass es für ihn einen Interessenskonflikt gab", sagt Maximilian Leuprecht, der Bürochef von Kulturreferent Küppers, "er konnte nicht gleichzeitig Koordinator für die Szene innerhalb der Verwaltung sein und seine eigene künstlerische Arbeit weiterverfolgen. Deshalb hat er die Stelle von sich aus am Ende der Probezeit abgegeben. Er will weiterhin künstlerisch arbeiten." Kammerer selbst ist derzeit nicht zu erreichen.

Kunst und Verwaltungsvorschriften passen nicht zusammen

Die deutschlandweit einmalige Stelle aber wurde nicht nachbesetzt, was dann nicht mehr so offensiv publiziert wurde. Kammerers Kollegin Patricia Müller hat seine Koordinierungsaufgaben mit übernommen und dafür andere abgegeben. Eine Ansprechpartnerin für die Szene wird es also weiterhin geben.

Beeindruckende Wandgemälde, die das Stadtbild bunter machen: ein Werk von Shepard Fairey in der Landshuter Allee.

(Foto: Lukas Barth)

"Es ist ja nicht so einfach", sagt Leuprecht, "jemanden zu finden, der in der Szene verwurzelt ist, gleichzeitig die Anforderungen einer öffentlichen Verwaltung an Ausbildungs- und Studienabschlüsse erfüllt und dann auch noch eine Affinität zur Verwaltungsarbeit verspürt." Das ist schön ausgedrückt, man könnte auch sagen: Künstlerische Tätigkeit und enge Verwaltungsvorschriften passen nicht sehr gut zusammen.

Überhaupt scheint es speziell auf dem Gebiet der Street Art beiderseits, bei Verwaltung wie bei Künstlern, Informationsdefizite über die Tätigkeit des jeweils anderen zu geben. Deshalb beschäftigt sich der Kulturausschuss des Stadtrats an diesem Dienstag auch erneut mit einem Projekt, das eigentlich schon beschlossen und einigermaßen großzügig unterstützt worden ist.

Der Verein Positive Propaganda soll internationale Künstler nach München holen

Der Verein Positive Propaganda, der in München bereits mehrere Urban-Art-Projekte und -Veranstaltungen organisiert hat und internationale Künstler dieser Sparte hierher geholt hat, hatte bereits im März vergangenen Jahres vom Stadtrat überraschend eine Drei-Jahres-Förderung zugestanden bekommen, die mit jährlich 100 000 Euro dotiert ist. Damit sollte der Verein internationale Künstler nach München holen, innovative Projekte im öffentlichen Raum umsetzen und die lokale Szene sowie den Nachwuchs voranbringen.

Graffiti auf dem Gelände der Kultfabrik in München.

(Foto: Catherina Hess)

Nun hat sich aber herausgestellt, dass Positive Propaganda dieses Geld im wesentlichen für die Deckung von Personal- und Raumkosten in ihrem "Artspace" in der Dachauer Straße 149 und für die laufende Arbeit benötigt. Weitere Projekte mit ihren Produktions- und Materialkosten, Honoraren, Transporten sowie Reisekosten sind darin noch gar nicht enthalten, obwohl die Summe auch dafür vorgesehen war.

Damit der Verein nun trotzdem seine für 2016 geplanten Vorhaben umsetzen kann, soll ihm die Stadt in diesem Jahr mit weiteren 70 000 Euro beispringen. Damit werden dann zwei bis drei internationale Street-Art-Events, zwei Ausstellungen sowie zwei zusätzliche "Artist-in-residence"-Programme umgesetzt. Ob weitere Kosten in den nächsten Jahren entstehen werden, ist derzeit noch offen.

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