bedeckt München
vgwortpixel

Radtour durch den Münchner Norden:Orte, die von der NS-Zeit erzählen

Auf den Spuren der NS-Vergangenheit: Eine 15 Kilometer lange Radtour durch den Münchner Norden führt zu Orten mit historischer Bedeutung. Vom Pool auf dem Gelände des heutigen Lodenfrey-Parks bis zum früheren Eisenbahnausbesserungswerk in Freimann.

Radtour NS-Spurensuche

Das Reichsbahnausbesserungswerk in der Lilienthalallee in Freimann. In die acht Fußballfelder große Halle soll ein Baumarkt und eine Oldtimer-Ausstellung einziehen.

(Foto: Jakob Berr)

Als alles längst verloren war, griffen die Schergen noch einmal durch. Verräter wurden erschossen, angebliche Feiglinge gehenkt. Anlass für das letzte blutige Aufbäumen des NS-Regimes in München war der Versuch der Freiheitsaktion Bayern (FAB), die Kontrolle über die Stadt zu erlangen und so unnötiges Blutvergießen zu vermeiden. Militärisch gesehen waren die kurzweiligen Erfolge der Widerstandskämpfer bedeutungslos. Dennoch erreichte die FAB ihr Ziel - die letzte Front brach zusammen. Ihnen zu Ehren wurde später den frühere Feilitzschplatz in Münchner Freiheit umgetauft.

Der Historiker Peter Müller erzählt im Auftrag der Volkshochschule von solchen und ähnlichen Ereignissen im Münchner Norden. Wer ihm zuhören will, muss ihn 15 Kilometer mit dem Fahrrad begleiten. Und es ist nur eine kleine Auswahl von Orten mit historischer Bedeutung.

Der Pool ist leer, es ist auch kein Badewetter. Müller will aber nicht zu einer Erfrischung anregen, er will erzählen. Denn in diesem Bassin schwammen während des Zweiten Weltkrieges Zwangsarbeiter. Das war für die Firma Lodenfrey, die diese angefordert hatte, nicht gut, denn: Die SS bekam das mit. Der damalige Leiter der Bekleidungsfirma, Georg Frey, musste, so berichtet Müller, seine guten Kontakte zum NS-Regime spielen lassen, um anschließend Schaden für sich und sein Unternehmen abzuwenden. Es gelang. Die Kontakte waren wohl wirklich gut.

Das ist kein Wunder. Lodenfrey pries sich selbst als "Kleiderkammer für den braunen Soldaten, für Hitler-Jungens und Hitler-Mädels" an. Seine Firma bot "SA- und SS-Uniformen aus unserer Maßabteilung" an - und zwar in "erstklassiger Passform und Verarbeitung". Diese von Müller zitierten Slogans könnte man als reine Verkaufstaktik in dunkler Zeit abtun, als ein Mittel der Gewinnmaximierung in einer Diktatur, zumal Kriege für die Entwicklung des Münchner Textilunternehmens von Bedeutung waren. Jeder Feldzug zwischen 1871 und 1939 brachte eine Ausweitung der Produktion. Soldaten brauchen Uniformen und Uniformen bringen Geld.

Wie tief Frey in das NS-Regime verstrickt war, lässt Müller offen. Er nennt ihn einen Nutznießer des damaligen Systems und zitiert aus einer Rede des Betriebsleiters vom 1. Mai 1934. An diesem Tag sagte er, "dass es allen Deutschen, die guten Willens sind, wirklich nicht schwer fällt, nationalsozialistisches Gedankengut in sich aufzunehmen". Kritische Distanz klang schon damals anders.

Andererseits erlaubte Georg Frey den Zwangsarbeitern die Nutzung des Pools. 1944 bekam auf einer Weihnachtsfeier jeder von ihnen ein Hemd, Obst und Zigaretten. Frey soll ihnen zusätzliche Lebensmittel verschafft haben, sie bei Kriegsende mit Zivilkleidern versorgt und neun von ihnen zur Flucht verholfen haben, berichtet die Historikerin Sabine Schalm in dem Buch "Frühe Lager, Dachau, Emslandlager".

Frey war seit 1933 Mitglied der NSDAP und der SS. 1937 trat er aus der SS aus, Schalm zufolge aus religiösen Gründen. So wird der Pool auf dem Gelände des heutigen Lodenfrey-Parks an der Osterwaldstraße zu einem Symbol für die Grautöne der deutschen Geschichte. Ein Kriegsgewinnler mit eventuell tiefbrauner Gesinnung kann dennoch gläubig sein und sich korrekt, ja geradezu wohlwollend gegenüber Zwangsarbeitern verhalten. Menschen sind eben nicht einfach.

Zunächst weniger komplex sieht ein anderer Ort aus, den Müller im Zuge der Radtour "NS-Spurensuche im Münchner Norden" aufsucht. Es ist der Neue Nordfriedhof. Bei einem der Eingänge an der Ungererstraße öffnet sich links ein freies, etwa zweihundert Meter langes und einhundert Meter breites Stück Rasen. Anders als im Rest des Friedhofs durchtrennen ihn keine Wege. Auch wenn es unwahrscheinlich ist, könnte er eine Erholungsfläche sein. Tatsächlich ist es ein Gräberfeld. Müller zufolge sind 2099 Opfer des alliierten Bombenkriegs dort begraben; kleine, viereckige Steine mit Inschriften sind in den Boden eingelassen. Manche sind noch lesbar. Und so erfährt man etwa, dass Ludwig Wittmann am 28. Februar 1945 starb.

Etwa ein Drittel derer, die bei den Luftangriffen auf München starben, liegen auf dem Areal begraben. Müller betont den Propagandacharakter des von den Nationalsozialisten getauften "Hains der Gefallenen". Er erzählt von pompösen Beisetzung von den durch die Bombardierung Getöteten in Anwesenheit verschiedener ranghoher NSDAP-Funktionäre. Er zeigt ein Foto, das die mit Hakenkreuzfahnen geschmückte Aussegnungshalle des Nordfriedhofs wiedergibt. Vor ihr stehen Särge, die ebenfalls mit Fahnen bedeckt waren, wie es bei gefallenen Soldaten üblich ist, als seien die zivilen Opfer auch Kämpfer gewesen.

Und die militärische Symbolik verschränkte sich mit religiöser. Bei einer Teuerfeier auf dem Nordfriedhof verstieg sich Gauleiter Paul Giesler im April 1944 zu der Formel: "Wer für Deutschland stirbt, wird ewig leben!" Müller resümiert, dass "die gesamte Gesellschaft bis über den Tod hinaus für die Zwecke des Regimes eingespannt worden ist".

Zur SZ-Startseite