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Protest:"Wir sind Schüler, wir wollen etwas lernen"

Muhammed aus Ghana organisiert den Protest gegen die Asylpolitik.

(Foto: Robert Haas)

An der Berufsschule für Flüchtlinge an der Balanstraße zeigen sich die Folgen von Abschiebungen und Arbeitsverboten besonders deutlich. Der 20-Jährige Muhammed organisiert den Protest.

Die einen fügen sich ihrem Schicksal, andere verzweifeln und erscheinen gar nicht mehr zum Unterricht: Die Problematik der Sammelabschiebungen zeigt sich an der Berufsschule für Berufsintegration an der Balanstraße besonders, weil alle Schüler dort Flüchtlinge sind. Die jungen Menschen zwischen 16 und 25 Jahren bereiten sich zwei Jahre lang auf eine Ausbildung vor. Doch viele von ihnen dürfen dann nicht arbeiten, weil sie keine Erlaubnis erhalten. Ein Teil der Klasse darf bleiben, ein Teil soll abgeschoben werden - dabei wollen die Schüler nicht länger zuschauen. Muhammed, 20, dessen Nachname nicht genannt werden soll, und die Schülermitverwaltung wollen jetzt mit einer Demonstration auf ihre Situation hinweisen.

SZ: In Ihrer Klasse werden ausschließlich Flüchtlinge unterrichtet. Welche Rolle spielen die Anhörungen und Abschiebungsbescheide im Alltag?

Muhammed: Momentan haben viele Angst. Ich alleine kenne sieben Schüler, die nicht mehr zur Schule kommen und auch nicht mehr daheim schlafen. Sie fürchten, dass die Polizei sie abholt. Deswegen sind sie immer unterwegs, sind niemals lange an einem Ort. Wenn man nicht weiß, ob man eine Ausbildung anfangen darf und ob man hier bleiben darf, dann macht die Schule nur wenig Spaß. Das geht mir genauso wie vielen anderen.

Protestzug

Unter dem Motto "Perspektiven schaffen" wollen Münchner Schüler am Donnerstag, 27. April, gegen Abschiebungen während der Ausbildung und gegen die strengen Arbeits- und Ausbildungsverbote für Flüchtlinge demonstrieren. Junge Flüchtlinge von der Berufsschule an der Balanstraße organisieren den Protestzug gemeinsam mit dem Jungen Bündnis für Geflüchtete, dem neben politischen und kirchlichen Organisationen auch Gewerkschaften und Einzelpersonen angehören. Die Demo startet um 15 Uhr an der Luisenstraße/Ecke Elisenstraße und führt über die Gabelsbergerstraße, Arcisstraße, Schellingstraße, Amalienstraße und Adalbertstraße zum Geschwister-Scholl-Platz. Dort findet vor der Ludwig-Maximilians-Universität um 16.30 Uhr eine Abschlusskundgebung statt. mest

Wie lange leben Sie schon in München?

Fast drei Jahre. Ich bin aus meinem Heimatland Ghana geflohen, weil ich dort nicht sicher bin. Ich musste weggehen. In Deutschland wollte ich ein besseres Leben haben.

Und nun sollen Sie wieder zurück?

Ja, obwohl ich drei Ausbildungsplätze hatte. Ich habe vier Praktika gemacht, als Hotelfachmann, als Journalist, als Glaser und als Verkäufer bei Norma. Dort könnte ich auch eine Ausbildung machen, aber leider darf ich das hier in Deutschland nicht. Ich habe gegen meinen Abschiebungsbescheid geklagt. Aber die Firmen können nicht auf mich warten, bis das alles durch ist. Ich habe alles gemacht, was der Staat von mir erwartet hat. Natürlich gibt es auch Flüchtlinge, die draußen rumhängen, die Drogen verkaufen oder Ladendiebstähle begehen. Aber wir gehen zur Schule, weil wir so etwas gerade nicht wollen. Wir wollen etwas Positives beitragen und unser Geld selbst und ehrlich verdienen. Wir sehen die Schule als Chance.

Wie kamen Sie auf die Idee, eine Demo zu organisieren?

Wir haben bei mir in der Heimat ein Sprichwort. "If you don't sell your sickness, you are not going to be cured", heißt es auf Englisch, "Wenn du nicht auf deine Krankheit aufmerksam machst, wirst du nicht geheilt". Wir von der Schülermitverwaltung haben also überlegt, was wir machen könnten, weil sehr viele bei uns an der Schule einen negativen Asyl-Bescheid erhalten haben und Deutschland verlassen sollen. Es ist so schade. Wir sind meistens schon drei Jahre oder länger in Deutschland, haben Sprach- und Integrationskurse gemacht, die Schule besucht, Praktika absolviert und machen dieses Jahr unseren Schulabschluss, aber danach geht es nicht weiter. Viele von uns brauchen Hilfe von einem Anwalt. Der aber kostet 1500 bis 2000 Euro. Auch dieses Geld können wir ohne Arbeitserlaubnis kaum bezahlen. Mit der Demo wollen wir auf unsere Situation aufmerksam machen.

Welche Forderungen haben Sie?

Wir brauchen Unterstützung und Solidarität. Alle, mit denen wir bisher gesprochen haben, fanden unsere Idee gut. Das sehen andere Schüler genauso wie wir, nur leider die Politik noch nicht. Wir wollen die Schule abschließen und eine Ausbildung machen. Die bayerische Regierung soll merken, dass wir nicht zu Hause sitzen und Geld vom Staat bekommen wollen. Wir sind Schüler und wir wollen etwas lernen. Egal, ob wir aus Ghana, Senegal oder Afghanistan stammen, wir wollen hier etwas bewegen und nicht auf Kosten der Allgemeinheit leben.

Was wünschen Sie sich für Ihre eigene Zukunft?

Ich will eine gute Ausbildung machen und danach ein gutes Leben führen - ohne Angst.

© SZ vom 26.04.2017
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